Schlüsseldienste: Apps für Panzerknacker
Wer einmal versucht hat, eine Haustür mit einer Kreditkarte zu öffnen, hat festgestellt: Kreditkarten zu ersetzen, kann unangenehm lange dauern und die meisten Haustürschlösser sind gut gesichert. Sperrt man sich aus, ist die Ultima Ratio deshalb meist der Schlüsseldienst. Der ruckelt fünf Minuten am Schloss und ist drin. An Sonn- und Feiertagen kostet die Ruckelei sogar mehrere Hundert Euro. Schlüsseldienst-Apps kosten zwar weniger, bergen aber eine Gefahr: Sie könnten interessant für Kriminelle sein.
KeyMe und KeyDuplicated schaffen den Schlüsseldienst ab
Das Unternehmen KeyMe(öffnet im neuen Fenster) aus San Francisco arbeitet daran, den Schlüsseldienst zu ersetzen. Um in eine Wohnung zu kommen, braucht man nur noch ein Foto vom Schlüssel. Nutzer erstellen dieses Foto einmal und speichern es in der App von KeyMe(öffnet im neuen Fenster) ab. Haben sie sich ausgesperrt, gehen sie mit dem eingescannten Foto zum KeyMe-Kiosk, einem Automaten oder zum Schlüsselladen selbst.
Eine halbe Minute braucht der KeyMe-Kiosk, um aus dem gespeicherten Foto einen Kunststoffschlüssel zu drucken. Das kostet beim Schlüsselmacher 10 US-Dollar, beim KeyMe-Kiosk(öffnet im neuen Fenster) 20.
Der Markt für KeyMe ist groß. Nach Angaben der Firma sperren sich allein in den USA pro Jahr 90 Millionen Menschen aus. Das ist fast jeder dritte US-Bürger. Bislang beschränkt sich KeyMe, genau wie Konkurrent KeyDuplicated(öffnet im neuen Fenster), ausschließlich auf die USA. Rechtliche Probleme gab es mit den Schlüsselkopierern bislang nicht. "Es ist uns kein Fall bekannt, in dem Diebe einen Schlüssel nachgemacht haben", schreibt Michael Harbolt, Marketingchef von KeyMe, in einer Mail an Golem.de.
Wohnungseinbruch für Laien
Dass Missbrauch aber doch möglich ist, zeigt Andy Greenberg, Redakteur von Wired. Er machte ein Foto vom Schlüssel eines Freundes. Eine Stunde später stand er in dessen Wohnzimmer(öffnet im neuen Fenster).
Greenberg ist geglückt, was die KeyMe-Gründer vorgeben, um jeden Preis verhindern zu wollen: der unbefugte Gebrauch der App. Zahlreiche Hürden haben sich die Entwickler einfallen lassen(öffnet im neuen Fenster). Das Foto des Schlüssels soll auf weißem Untergrund, von beiden Seiten und im Abstand von zehn Zentimetern aufgenommen werden. Wer den Schlüssel nachmachen will, soll außerdem per Kreditkarte zahlen und seine Adresse hinterlassen. Sogar die Verwendung von Überwachungskameras hat KeyMe angedacht.
Manuelle Schlüssel werden zum Sicherheitsrisiko
Diebe werden sich von derlei Hürden kaum abhalten lassen. Dass es ohne Extras geht, beweist Greenberg, der einfach ein normales Foto von dem fremden Schlüssel machte.
KeyMe ist damit die erste kommerzielle Anwendung, die das Schlüsselmachen jedem ermöglicht. Eine Schlüsselfabrik für die Hosentasche. Auf die Probleme der normalen Metallschlüssel hatten CCC-Mitglieder aus München bereits vor KeyMe hingewiesen. Auf dem 29. Chaos Communication Congress, 29C3, zeigten sie bereits, wie sie Schlüssel kopieren(öffnet im neuen Fenster). Darunter waren auch Nachbauten einiger Handschellenschlüssel.
Die dabei eingesetzte Technik ähnelt der von KeyMe: Auf Grundlage eines Fotos wird ein 3D-Modell des Schlüssels erstellt. Ein 3D-Drucker druckt anhand dieses Modells den neuen Schlüssel aus. 3D-Drucker sind bei der Herstellung also die Brücke zwischen dem digitalen Modell und dem materiellen Schlüssel. Da es mittlerweile brauchbare 3D-Drucker für ein paar Hundert Euro gibt(öffnet im neuen Fenster), kann jeder zum Schlüsselhersteller werden – auch ohne KeyMe.
Der Kreis der Panzerknacker wächst
Der Metallschlüssel wird in Zukunft also leicht kopierbar sein. Witzigerweise war er das schon immer: Denn der Schlüsselladen um die Ecke braucht auch nur 10 Euro und weniger als fünf Minuten, um einen vorgelegten Schlüssel zu kopieren.
Der entscheidende Unterschied ist ein anderer: Der Personenkreis der Schlüsselnachahmer erweitert sich massiv. Bislang konnte man nur mit dem Schlüssel in der Hand zum Schlüsseldienst gehen. Mit KeyMe reicht schon heute ein Handyfoto aus, Zeugen gibt es im Zweifel nicht. Es kann nicht lange dauern, bis auch schlechte oder verzerrte Fotos als Grundlage für ein Modell ausreichen.
Als Nächstes kommt der Autoschlüssel
Behörden werden sich darauf einstellen müssen, ihre bisherigen Schließsysteme zu sichern. Am offensichtlichsten tritt das bei den Handschellenschlüsseln zutage, wie der Vortrag auf dem 29C3 zeigte. Nachgemachte Schlüssel sind aber nicht nur in Haus und Gefängnis ein Problem: Überall werden Menschen bald Schlüssel kopieren können. Sei es im Schwimmbad bei den Spinden oder im Büro bei den verschließbaren Trolleys. Ein Foto genügt und das Schloss ist passé. Und ständig Schlösser auszutauschen, wird teuer.
Statt Metall werden daher künftig elektronische Transponder die Aufgabe des Schlüssels übernehmen. Darauf stellen sich namhafte Schlüsselhersteller wie Assa Abloy(öffnet im neuen Fenster) seit langem ein. Dabei werden vor allem RFID-Chips benötigt. Bislang werden diese Systeme vor allem in Unternehmen gebraucht.
KeyMe schafft sich selbst ab
KeyMe lässt das unberührt. Das Unternehmen hat angekündigt, bald auch Autoschlüssel zu kopieren. Marketingchef Harbolt sagte Golem.de, dass KeyMe nach Europa expandieren wolle. Die Konkurrenz der elektronischen Schlösser hält KeyMe für unbegründet.
Das größte Problem für KeyMe werden aber nicht die Gesetze und Märkte anderer Länder. Es wird sein Geschäftsmodell. Denn mit KeyMe und dem dahinterstehenden Verfahren wird der Metallschlüssel unsicher. Ein unsicheres Schloss aber ist sinnlos. Mit anderen Worten: Je erfolgreicher KeyMe läuft, desto mehr schafft sich das Unternehmen selbst ab.
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