Abo
  • IT-Karriere:

Schaltsekunde im Sommer: Frankfurt kontrolliert die Erdrotation

Frankfurt als Nabel der Welt: Ein Institut, das kaum einer kennt, überwacht von hier aus die Drehung der Erdkugel. 2015 beeinflussen die Mitarbeiter von der Villa Mumm aus sogar die Zeit.

Artikel veröffentlicht am , dpa/Deutsche Presse-Agentur/
Villa Mumm: Hier sitzt das Zentralbüro für die Erdrotationsüberwachung.
Villa Mumm: Hier sitzt das Zentralbüro für die Erdrotationsüberwachung. (Bild: Wikipedia/CC BY-SA 3.0)

Der Kontrast könnte kaum größer sein: eine klassizistische Villa mit Marmorsäulen, Deckenfresken und Kronleuchtern - und in all dieser Pracht stehen Großrechner, hängen Bildschirme mit Grafiken und Zahlenkolonnen an der Wand, stehen Geräte auf dem Dach, die mit Satelliten im All kommunizieren.

Stellenmarkt
  1. über Kienbaum Consultants International GmbH, Stuttgart
  2. SCHILLER Medizintechnik GmbH, Feldkirchen

Als die Familie Mumm von Schwarzenstein 1903 in die 70-Zimmer-Villa zog, hätte sich die Champagner-Dynastie wohl kaum träumen lassen, dass 100 Jahre später von hier aus die Drehung der Erde überwacht wird. In der Villa Mumm sitzt der International Earth Rotation and Reference Systems Service, kurz IERS. Das Zentralbüro für die Erdrotationsüberwachung ist seit dem Jahr 2000 Untermieter beim Bundesamt für Kartographie und Geodäsie (BKG).

200 Mitarbeiter kümmern sich beim BKG um Geodaten für Navigationssysteme oder Landkarten. Dazu kommen 70 Kollegen in Leipzig und 25 im Observatorium Wettzell im Bayerischen Wald. Nur drei Wissenschaftler und zwei Ingenieure arbeiten für den Erdrotationsdienst IERS, der von den internationalen Organisationen für Geodäsie (Vermessungswesen) und Astronomie (Sternenkunde) gemeinsam betrieben wird.

Satelliten geben Daten weiter

Ins Weltall schauen und auf der Erde messen - das ist im Kern, was IERS-Direktorin Daniela Thaller (37) und ihr Team tun. Sie werten die Signale aus, die 25 Beobachtungsstationen in Deutschland von den Satelliten im All empfangen, fügen sie mit internationalen Daten zusammen und ziehen daraus Rückschlüsse über die Bewegung der Erde.

Die Erdkugel rotiert nämlich nicht völlig gleichmäßig um ihre Achse. Sie wird nicht nur immer langsamer, erklärt Thaller, sie schwingt auch und eiert. Ausgelöst wird das zum Beispiel durch die Anziehungskraft des Mondes oder durch Hoch- und Tiefdruckgebiete beim Wetter. Dadurch braucht die Erde nicht immer exakt 24 Stunden, um sich einmal um sich selbst zu drehen.

Durch diese Abweichung driften zwei Zeiten immer mehr auseinander: Die immer gleich schnell tickende Zeit der Atomuhren und die am Stand der Sonne gemessene astronomische Zeit. Alle paar Jahre muss das wieder in Übereinstimmung gebracht werden. "Sonst würde in ein paar Millionen Jahren die Sonne nicht mehr morgens, sondern mittags aufgehen", erklärt Thaller. Daher wird alle paar Jahre der Tag um eine sogenannte Schaltsekunde verlängert.

Schaltsekunde in der Nacht zum 1. Juli 2015

Festgelegt wird das von der Pariser Sternwarte, aber wann eine solche Schaltsekunde nötig ist - dazu leistet das IERS in Frankfurt einen entscheidenden Beitrag. 2015 ist wieder ein solches Jahr: In der Nacht zum 1. Juli wird die Zeit von 01:59:59 bis 02:00:00 Uhr deutscher Zeit zwei Sekunden dauern.

Wie das IERS-Team die Rotation misst, ist für Laien kaum verständlich. Zu sehen ist ohnehin nichts außer Computern. Im Prinzip, erklärt Thaller, richte man zwei Teleskope auf den selben Punkt im All, dann sehe man anhand der empfangenen Radiosignale, wie schnell sich die Erde darunter weggedreht hat.

Die Büros der IERS-Mitarbeiter sind nicht so spektakulär wie das vom Präsidenten des Bundesamts für Kartographie und Geodäsie. Wäre nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland Frankfurt Hauptstadt geworden, dann säße in der Bibliothek heute ein anderer Präsident: Die Villa Mumm wäre Sitz des Bundespräsidenten geworden. Doch nun wird hier die Zeit zurechtgerückt.



Anzeige
Top-Angebote
  1. 119,90€ + Versand (Vergleichspreis 144,61€ + Versand)
  2. 199€
  3. (aktuell u. a. AMD Ryzen Threadripper 1920X für 209,90€ statt 254,01€ im Vergleich und be...
  4. (u. a. Logitech G502 Proteus Spectrum für 39€ und Nokia 3.2 DS 16 GB für 84,99€ - Bestpreise!)

tonictrinker 09. Jun 2015

Ich finde den Artikel sehr interessant. Von mir aus auch gerne mehr davon und weniger...

Bouncy 08. Jun 2015

In anderen Darstellungen als in der Wiki kann man den Fall der Zeitdilatation besser...

zwangsregistrie... 08. Jun 2015

muss ich da jetzt schaltsekunden mit berechnen, wenn ichs genau haben will? Sind im...

Bassa 07. Jun 2015

Tja, und hier wird die Erdrotation "überprüft" und dann davon abhängig eine "AKTION...

Youssarian 07. Jun 2015

Oder wie das Schild 'Amt für Mondfragen' an der Baracke auf dem Mond, dessentwegen ein...


Folgen Sie uns
       


Sonos Move ausprobiert (Ifa 2019)

Wir haben den Move ausprobiert, Sonos' ersten Lautsprecher mit Akku, Bluetooth-Zuspielung und Auto-Trueplay.

Sonos Move ausprobiert (Ifa 2019) Video aufrufen
Pixel 4 im Hands on: Neue Pixel mit Dualkamera und Radar-Gesten ab 750 Euro
Pixel 4 im Hands on
Neue Pixel mit Dualkamera und Radar-Gesten ab 750 Euro

Nach zahlreichen Leaks hat Google das Pixel 4 und das Pixel 4 XL offiziell vorgestellt: Die Smartphones haben erstmals eine Dualkamera - ein Radar-Chip soll zudem die Bedienung verändern. Im Kurztest hinterlassen beide einen guten ersten Eindruck.
Ein Hands on von Tobias Költzsch

  1. Live Captions Pixel 4 blendet auf dem Gerät erzeugte Untertitel ein
  2. Google Fotos Pixel 4 kommt ohne unbegrenzten unkomprimierten Fotospeicher

Change-Management: Die Zeiten, sie, äh, ändern sich
Change-Management
Die Zeiten, sie, äh, ändern sich

Einen Change zu wollen, gehört heute zum guten Ton in der Unternehmensführung. Doch ein erzwungener Wandel in der Firmenkultur löst oft keine Probleme und schafft sogar neue.
Ein Erfahrungsbericht von Marvin Engel

  1. IT-Jobs Der Amtsschimmel wiehert jetzt agil
  2. MINT Werden Frauen überfördert?
  3. Recruiting Wenn das eigene Wachstum zur Herausforderung wird

Linux-Kernel: Selbst Google ist unfähig, Android zu pflegen
Linux-Kernel
Selbst Google ist unfähig, Android zu pflegen

Bisher gilt Google als positive Ausnahme von der schlechten Update-Politik im Android-Ökosystem. Doch eine aktuelle Sicherheitslücke zeigt, dass auch Google die Updates nicht im Griff hat. Das ist selbst verschuldet und könnte vermieden werden.
Ein IMHO von Sebastian Grüner

  1. Kernel Linux bekommt Unterstützung für USB 4
  2. Kernel Vorschau auf Linux 5.4 bringt viele Security-Funktionen
  3. Linux Lockdown-Patches im Kernel aufgenommen

    •  /