Schäuble zur Klimakrise: Leider nein

Laut Bundestagspräsident Schäuble haben wir schon größere Probleme als die Klimakrise bewältigt. Darauf gibt es leider nur eine knappe Antwort.

Ein IMHO von veröffentlicht am
Graffiti in Berlin
Graffiti in Berlin (Bild: Friedhelm Greis/Golem.de)

Kann man von einem Politiker, der seit Jahrzehnten die deutsche Politik maßgeblich mitgestaltet hat, das Eingeständnis irreversibler Versäumnisse erwarten? Vermutlich nicht. Dennoch ist es ernüchternd, mit welcher Naivität Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble nun die Bewältigung der Klimakrise für möglich hält. "Wir haben doch größere Probleme auch schon bewältigt", sagte der CDU-Politiker in einem Gespräch über sein Buch "Grenzerfahrungen". Immerhin muss man Schäuble zugute halten, dass er den von Trockenheit, Hitzewellen, Waldbränden und Überflutung betroffenen Menschen nicht wie weiland Helmut Kohl "blühende Landschaften" versprochen hat.

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Das Erschreckendste an Schäubles Aussage ist wohl die Annahme, die Größe des Problems überhaupt einschätzen zu können. Kein Wissenschaftler weiß bisher genau, welche Auswirkungen der globale Temperaturanstieg in den kommenden Jahren noch mit sich bringen wird. Deutschland hat jetzt schon Probleme, die Trockenheit der vergangenen Jahre zu bewältigen. Andere Länder sind von extremen Wetterereignissen als Folge des Klimawandels noch viel härter getroffen. Das könnte nur ein Vorgeschmack auf noch gravierendere Veränderungen sein.

Enorme Investitionen erforderlich

Auf die Frage seiner Interviewpartnerin Vivian Perkovic (Video ab 26:42), ob wir die Fehlentscheidungen noch korrigieren können, "die dazu geführt haben, dass die Arten jetzt aussterben, dass der Klimawandel sogar noch rasanter fortschreitet als wir eigentlich gedacht haben", antwortete Schäuble mit einem schlichten "Ja, wir können, wenn wir das ernster nehmen." Laut Schäuble müssten wir dazu nur das "ernsthaft" umsetzen, was schon seit Jahrzehnten bekannt sei. Doch in Sektoren wie dem Verkehr ist der CO2-Ausstoß seit den 1990er Jahren sogar noch gestiegen.

Das Besondere am Klimawandel ist jedoch: Bis zu einer weltweiten klimaneutralen Wirtschaft und Lebensweise dauert es noch Jahrzehnte. Schon diese Umstellung ist für ein Land wie Deutschland eine größere Herausforderung als die Wiedervereinigung oder der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg. Dazu sind gigantische Investitionen in erneuerbare Energien erforderlich.

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Hinzu kommen die Probleme, die der Klimawandel schon jetzt verursacht und die sich in den nächsten Jahren noch verschärfen könnten. Wenn sich die Erwärmung jedoch beschleunigt und verschiedene Klima-Kipppunkte erreicht werden, könnte sogar das Leben für die Schäuble-Generation (Jahrgang 1942) in Deutschland noch ungemütlicher werden.

Industrie soll entscheiden

Zudem will Schäuble in der Klimapolitik auf konkrete staatliche Vorgaben verzichten. "Lasst uns nicht als Politik beschreiben, welche Form von Automobil die richtige Form ist, um das Klima zu retten, sondern lasst uns die Vorgaben der Industrie geben, ihr müsst soundso viel reduzieren", sagte Schäuble und fügte hinzu: "Oder wir machen, noch besser, wir machen das so teuer, den Umweltverbrauch, den Ressourcenverbrauch, die Verschmutzung, wir ziehen das ein in die Preisbildung, dann muss der Verbraucher bezahlen."

Auch diese Einschätzung erscheint naiv. Was passiert, wenn die Autoindustrie auf synthetische Kraftstoffe setzt, aber in zehn Jahren überhaupt nicht genug Ökostrom zur Verfügung steht, um diese E-Fuels zu erzeugen? Damit wäre dann weder dem Klimaschutz noch den Verbrauchern gedient.

Wie wir die Klimakatastrophe verhindern: Welche Lösungen es gibt und welche Fortschritte nötig sind

Deutschland als Vorreiter

Immerhin will der Bundestagspräsident nicht die Ausrede gelten lassen, dass Klimaschutz in Deutschland ohnehin nichts bringt, wenn andere Länder weltweit nicht mitziehen: "Jeder macht das Seine, wir gehen voran, wir sind ja auch in der Verschmutzung vorangegangen, die Industrieländer, dann werden andere auch nachkommen." Ein Satz, der in seiner Doppeldeutigkeit leider allzu wahr ist.

Bislang hat die Politik bei der Bekämpfung des Klimawandels nach einem Prinzip gehandelt, das der Schriftsteller Kurt Tucholsky schon 1928 formuliert hat: "Es ist ein großer Irrtum, zu glauben, dass Menschheitsprobleme 'gelöst' werden. Sie werden von einer gelangweilten Menschheit liegen gelassen." Nun müssen auch konservative Politiker wie Schäuble erkennen, dass die Klimakrise nicht durch beharrliches Ignorieren verschwindet.

Wer glaubt, dass jahrzehntelange Versäumnisse sich nun ohne Weiteres ausgleichen lassen und verschwundene Arten wiederkehren, wenn Deutschland über eine höhere CO2-Steuer diskutiert, hat das Ausmaß des Problems aber offensichtlich immer noch nicht verstanden.

IMHO ist der Kommentar von Golem.de. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach).

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Invertiert 02. Jun 2021

die ziele müssten halt eingehalten werden was sie nicht werden.

joe43 01. Jun 2021

Konkret nicht. Wetter ist Wetter und Klima ist Klima. Einen unmittelbaren kausalen...

Emulex 01. Jun 2021

;-) Mir würde es ja schon reichen wenn man das Schrumpfen der Bevölkerung in z.B...

Emulex 01. Jun 2021

Da die Weltbevölkerung stetig wächst und wir erst einen Bruchteil in Lebensumständen...

Yash 01. Jun 2021

In einer Demokratie ist die Politik nur ein Spiegel der Menschen die sie gewählt haben...



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