Schach-WM 2024: Wenn der Computer den besseren Zug kennt

Bei der Schach-WM zwischen dem Weltmeister Ding Liren und Herausforderer Dommaraju Gukesh steht es aktuell nach neun Partien 4,5 zu 4,5. Das Turnier in Singapur könnte man als Schachweltmeisterschaft der verpassten Chancen bezeichnen. Mehrfach konnten beide Kontrahenten Gewinnstellungen nicht in einen Sieg umwandeln und die Partien endeten unentschieden.
Im fünften Spiel verpasste es Ding, die Partie in ein gewonnenes Endspiel zu überführen. Gukesh stand in Partie 7 über lange Zeit deutlich besser als der Gegner, durch ungenaue Züge verpasste er den Sieg. In Partie 8 vergaben beide Spieler Siegeschancen und auch dieses hart umkämpfte Spiel endete Remis.
Während den Spielern am Brett häufig nicht sofort klar ist, welche Chancen sie verpasst haben, schüttelt mancher Zuschauer den Kopf. Während der Partien zeigen Schachengines gnadenlos Fehler und verpasste Optionen der beiden Großmeister auf. Zahlreiche Streamer kommentieren die Livepartien und rechnen die Gewinnvarianten durch.
Menschen ticken anders als Maschinen
Bei aller Kritik: Ding und Gukesh sind nun einmal keine Maschinen . Spieler müssen sich während einer laufenden Partie mit begrenzter Zeit verschiedenen Herausforderungen stellen. Bei der aktuellen Weltmeisterschaft spielte bisher insbesondere Gukesh immer wieder seltene Eröffnungvarianten, die Ding überraschten und viel Bedenkzeit kosteten, um die korrekte Fortsetzung zu finden. Die knappe Zeit ist es, die im späteren Verlauf der Partien zu Fehlern und verpassten Gewinnchancen führt. Dazu spielt auch die Nervosität eine Rolle.
Magnus Carlsen, der das Niveau der Schach-WM zu Beginn kritisierte(öffnet im neuen Fenster) , bezeichnete Partie 7 als das bisher beste Spiel des Turniers(öffnet im neuen Fenster) . Zugleich zeigte er in seiner Analyse an einem Beispiel auf, wie sehr sich menschliches Spiel von der Computeranalyse unterscheidet. In besagter Partie spielte Gukesh in der Grünfeld-Indischen-Eröffnung im siebten Zug Te1. Gibt man diesen Zug für Weiß in den Computer ein, bewerten einige Engines die Stellung leicht besser für Schwarz.
Carlsen verwies darauf, dass Computer die Variante mit Zug 7. Te1 nicht mögen, sie bewerten den Zug als schlecht. Für Menschen ist der Zug hingegen kompliziert und ohne Computerhilfe schwer zu berechnen. Für den Gegner ergeben sich bereits in der Eröffnung viele mögliche Fortsetzungen, was zum Nachdenken zwingt. Tatsächlich dachte Ding hier 28 Minuten nach, bevor er auf diesen Zug von Gukesh korrekt antwortete.
Was soll der Springer auf der Grundreihe?
Noch deutlicher zeigte sich der Unterschied zwischen Mensch und Maschine in der 8. Partie. Ding steht im Mittelspiel mit den weißen Steinen auf Sieg, er zentriert seinen Springer und greift zugleich einen Läufer von Gukesh an. Doch laut Engine ist dies nicht der richtige Gewinnzug, Ding sollte seinen Springer vielmehr mit 31. Se1 auf die Grundlinie stellen. Für viele Spieler stellt sich die Frage, was soll der Springer auf der ersten Reihe? Steht die Figur nicht besser im Zentrum?
Carlsen bezeichnete in der Analyse(öffnet im neuen Fenster) 31. Se1 als "typisch ekelhaften Computerzug" . Für den menschlichen Spieler ist im ersten Moment nicht ersichtlich, was dieser Zug soll. Erst die konkrete Variante zeigt, dass der Springer auf der Grundreihe als Blockadefigur vor dem König dient und ein Zwischenschach von Gukesh verhindern soll.
Auch der Internationale Meister Georgios Souleidis, der den meisten Schachfans als Big Greek bekannt ist, hob bei seiner Analyse der achten Partie(öffnet im neuen Fenster) hervor, dass der Zug 31. Se1 für einen Menschen nur schwer zu sehen sei.
Ding und Gukesh stehen unter besonderem Druck
Um die verpassten Gewinnchancen von Ding und Gukesh besser zu verstehen, muss man sich die besondere Situation der beiden Großmeister vor Augen führen. Der amtierende Weltmeister Ding galt zumindest vor dem Turnier in Singapur(öffnet im neuen Fenster) als Außenseiter. Viele Beobachter gingen davon aus, dass Gukesh die WM leicht für sich entscheiden könne. Bisher hat Ding alle seine Kritiker Lügen gestraft.
Gukesh wiederum gilt für die Medien als Wunderkind. Mit 18 Jahren ist er bisher der jüngste Spieler, der jemals um die Schach-Krone gekämpft hat. In seinem Heimatland Indien ist die Begeisterung für Schach groß, dies gilt besonders, nachdem sowohl das Herren- als auch das Damen-Team die Goldmedaille bei der Schacholympiade 2024 in Budapest gewannen. Dies zeigt sich auch daran, dass Chessbase India(öffnet im neuen Fenster) für die Liveübertragung der Partien bis zu vier Kommentatoren aufbietet. Gukesh wird durchaus zugetraut, dass er nach Viswanathan Anand der zweite indische Schachweltmeister wird.



