Satellitenspionage: Eine Relaisstation für Putins Afrikakorps
Die österreichische Bundesregierung bereitet eine Ausweitung des Straftatbestands der Spionage vor. Agententätigkeit für einen Drittstaat ist bis jetzt nur strafbar, wenn sie gegen österreichische Interessen gerichtet ist. Spionage gegen internationale Organisationen und EU-Staaten soll nun ebenfalls unter das Strafrecht fallen.
Von der mittlerweile international bekannten Satellitenspionagestation auf dem Dach der russischen UN-Botschaft nahe der Wiener UNO-City werden Downlinks vor allem von der Eutelsat-Flotte abgezapft. Über diese Satelliten kommunizieren zum Beispiel UN-Büros, Hilfsorganisationen oder Botschaften in Afrika mit ihren Leitstellen. Doch es gibt noch eine weitere solche Station in Wien, die bis jetzt kaum beachtet wurde.
Nachdem ORF Wien die Recherchen von Golem zu den SIGINT-Anlagen aufgegriffen hatte, wurde der Botschafter der Russischen Föderation ins Wiener Außenamt zitiert. Er wurde aufgefordert, die diplomatische Immunität von drei Botschaftsangehörigen aufzuheben, gegen die von der Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst wegen Spionageverdachts ermittelt werde.
Am 3. Mai 2026 wurde bekannt, dass diese drei Personen zu "Personae non gratae"erklärt wurden und Österreich bereits verlassen haben. Die russische Vertretung in Wien bezeichnete den Vorgang "als ausschließlich politisch motiviert und kategorisch inakzeptabel".
Westlich des Nullmeridians
Bei der weiteren, bis jetzt kaum beachteten Station, handelt es sich um eine Ansammlung von Sat-Antennen auf den Gebäuden der russischen Botschaft bei der Republik Österreich im 3. Bezirk, deren Ausmaß vom Straßenniveau nicht sichtbar ist. Die drei größten Dishes mit Durchmessern von 2 bis 3 m zeigen allesamt auf Orbitalpositionen westlich des Nullmeridians.
Einer dieser Dishes ist mit einer Sende-Endstufe bestückt. Er dient also nicht zur militärischen Signalaufklärung, sondern zur Kommunikation über einen Satelliten der Russischen Föderation. Über diesen Dish wird allerdings nicht mit Moskau kommuniziert, sondern mit dem westlichen Afrika.
Der Zielsatellit dieser Sendeschüssel steht auf etwa 15° West über dem Atlantik vor Westafrika. Wie alle geostationären Sats fliegt er mit rund 11.000 km/h in etwa 36.500 Kilometern Höhe über dem Äquator, was ihn scheinbar stillstehen lässt.
15° West über dem Atlantik
Zur Methodik
Die Position des fraglichen Sats wurde mit einem Sat-Ausrichtungsprogramm und zum Vergleich mit einer nautischen Software anhand der Ausrichtung der Schüssel gemessen. Die Datengrundlage dafür stammt von Luftbildaufnahmen der Magistratsabteilung 41 in Wien(öffnet im neuen Fenster). Naturgemäß sind solche Messungen aus Luftbildern nie ganz genau, sondern haben Fehlerraten. In diesem Fall wurde von einer Abweichung von +/- zwei Grad ausgegangen.
Im fraglichen Orbitalsegment stehen gleich vier russische Satelliten, zwei davon konnten ausgeschlossen werden. Elektro L2 (14,5° West)(öffnet im neuen Fenster) ist ein Wettersatellit, der betagte Ekspress AM 44 (11° West)(öffnet im neuen Fenster) hat seine Lebenszeit schon weit überschritten.
Sehr wahrscheinlich wird mit diesem Dish über Ekspress AM8 (14° West)(öffnet im neuen Fenster) kommuniziert, der über Transponder sowohl im C-Band als auch im Ku-Band verfügt. Wie alle Sats der Ekspress-Klasse ist AM8 ein Mehrzweck-Satellit, der sowohl über Transponder für TV als auch für Datendienste verfügt.
Eine Relaisstation für das ''Afrikakorps''
Die Downlinks von Ekspress AM8(öffnet im neuen Fenster) decken westafrikanische Staaten wie Mali, Niger, Burkina Faso oder Äquatorialguinea ab, in denen russische Militärberater stationiert sind. Besser bekannt sind sie als "Wagner Gruppe", mittlerweile firmieren sie als "Afrikakorps".
Auch der große C-Band-Dish ist auf +/- 15° West ausgerichtet. In dieser Orbitalumgebung findet sich überhaupt nur ein Satellit, der über C-Band-Transponder verfügt, nämlich wiederum Ekspress AM8.
Die beiden Antennen bilden zusammen eine Relaisstation, über die Datenverkehr von Regierungsstellen und Militär der Russischen Föderation mit den russischen Präsenzen in der gesamten Nordhälfte Afrikas abgewickelt wird. Auch diese Schüssel ist vom Straßenniveau nur an einem bestimmten Punkt einzusehen.
Eutelsat 7A, 7,3° West
Die dritte große Sat-Antenne ist nur von den obersten Stockwerken mehrerer Gebäude im Nahfeld sichtbar. Sie ist hinter der Sendeschüssel versteckt, gehört aber nicht zur Relaisstation. Sie ist nämlich +/- auf 8° West ausgerichtet und in der Umgebung steht kein russischer Satellit, denn das ist eine Eutelsat-Position. Eutelsat 8 West B (8°) ist primär ein TV-Satellit, auch über Eutelsat 7 West A (7,3°)(öffnet im neuen Fenster) werden vorwiegend TV-Programme abgestrahlt.
Eutelsat 7A verfügt aber auch über sechs Transponder im Ku-Band (PDF)(öffnet im neuen Fenster), die Nordwestafrika bis zum Golf von Guinea für Internetverkehr ausleuchten. Die dritte große Schüssel ist also hinter sogenannten VSAT-Verbindungen her, die in den Eutelsat-Teleports terminieren. Einer der wichtigsten dieser Teleports in Europa ist die Erdfunkstelle Aflenz in der Steiermark, die von der A1 Telekom Austria betrieben wird.
Was VSAT-Terminals verraten
Warum Datenverkehr via Satellit für "Signals Intelligence" so attraktiv ist, hat mehrere Gründe. Der wichtigste ist, dass der Internetverkehr in der Regel unverschlüsselt ist. Die im Netz gebräuchliche TLS-Transportverschlüsselung endet in den Rechnern der Bodenstation, von der die Terminals gesteuert werden. Den Transfer über den Sat zum VSAT-Terminal (PDF)(öffnet im neuen Fenster) legen alle Daten in der Regel unverschlüsselt zurück.
Militär und Botschaften setzen deshalb Chiffriercomputer an beiden Seiten ein, auch PGP-verschlüsselte E-Mails funktionieren. Der übrige Internet-Traffic von Schiffen, Flugzeugen und Bohrplattformen, von Hilfsorganisationen und Unternehmen ist über die Downlinks unverschlüsselt verfügbar.
In diese Downlinks schielen die großen Schüsseln in Wien 22(öffnet im neuen Fenster) hinein. Mobilfunkfirmen aus Flächenstaaten wiederum nutzen Sat-Transponder, um große Datenmengen von den Netzperipherien an die Zentralen zu überspielen. Hier gibt es IMSI-Kennungen, Standorte und alles andere an Metadaten, was das SIGINT-Herz begehrt.
Die Verbindungen nach Osten
Die übrigen Antennen auf dem Botschaftsdach haben keine Stellmotoren, sondern sind fix auf Satelliten im Osten ausgerichtet. Aufgrund ihrer geringeren Größe und weil es sich um Offset-Dishes handelt, die senkrecht stehen, kann ihre Ausrichtung eher geschätzt als gemessen werden. Sie zeigen allesamt auf Positionen im Orbit irgendwo zwischen rund 35° und 40° Ost. Und dort stehen zwei weitere Satelliten der Ekspress-Klasse, nämlich AMU1 (36° Ost)(öffnet im neuen Fenster) und AM7 (40° Ost)(öffnet im neuen Fenster).
Da die Feeds dieser Dishes nicht sichtbar sind, lässt sich zwar nicht sagen, welche sendetauglich und welche Empfangsantennen sind. Wie die historischen Luftbildaufnahmen des Wiener Magistrats aber zeigen, sind sie schon länger so montiert. Es kann daher angenommen werden, dass über mindestens zwei dieser Schüsseln die Kommunikationen mit Russland abgewickelt werden, die von der Westseite dieser Station dann nach Afrika weitergeleitet werden und umgekehrt.
Zur rechtlichen Lage
Österreichs Außenministerin Beate Meinl-Reisinger hat zwar wiederholt erklärt, gegen diese Installationen vorgehen zu wollen. Die Vienna Convention on Diplomatic Relations der Vereinten Nationen (PDF)(öffnet im neuen Fenster) sagt nämlich sinngemäß, dass diplomatische Vertretungen nur Agenden verfolgen dürfen, die für Botschaften typisch sind. Der Betrieb von Sat-Relais oder gar militärischen Installationen zur SIGINT-Nachrichtenaufklärung fallen natürlich nicht darunter.
Solche Stationen betreibt in Wien auch kein anderer Staat auf seinen diplomatischen Gebäuden außer der Russischen Föderation. Obwohl nun eine Gesetzesnovelle kommt, die Spionage gegen internationale Organisationen strafbar macht(öffnet im neuen Fenster), wird das in diesem Fall nicht viel nützen. Wegen des exterritorialen Status der Botschaftsgebäude darf Österreichs Exekutive dort nicht tätig werden, um dieses Gesetz umzusetzen.
Epilog
Nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 hatte sich ein kurzes Zeitfenster aufgetan, in dem es möglich gewesen wäre, gegen diese Installationen vorzugehen. Denn damals hatten fast alle anderen EU-Staaten in einer konzertierten Aktion das gesamte, als Nachrichtentechniker akkreditierte Botschaftspersonal zu ''personae non gratae''(öffnet im neuen Fenster) erklärt. Solche, wenn auch viel kleinere Installationen standen nämlich bis dahin auf jeder Botschaft der Russischen Föderation.
Diese Stationen konnten deshalb nicht weiter betrieben werden. Um Recherchen wie diese hier zu verhindern, wurden die Feeds all dieser Dishes demontiert(öffnet im neuen Fenster).
Nicht so in Österreich, denn der damalige Außenminister Alexander Schallenberg hatte sich nicht am EU-Konsens, sondern am Vorbild Ungarns orientiert. Denn in Ungarn wurde niemand ausgewiesen, in Österreich waren es bei rund 230 diplomatisch Akkreditierten(öffnet im neuen Fenster) gerade einmal elf Personen. Ex-Außenminister Schallenberg war von Sebastian Kurz ins Amt berufen worden, der während seiner kurzen Amtszeit von drei Jahren fünfmal zu Besuch in Russland war (PDF)(öffnet im neuen Fenster).
Diese Recherche wurde zusammen mit dem Nomen Nescio Club(öffnet im neuen Fenster) durchgeführt. Das ist ein loser Zusammenschluss von technikaffinen Personen aus der österreichischen Zivilgesellschaft, die fast alle in technischen Berufen tätig sind.
Erich Moechel(öffnet im neuen Fenster) ist langjähriger Journalist und schreibt Analysen, Hintergründe und Kommentare, weil er findet: Das Leben ist zu kurz, um nicht Klartext zu schreiben.
Nachtrag vom 5. Mai 2026:
Aufgrund aktueller Entwicklungen haben wir am Textanfang einige Ergänzungen eingefügt. Der dritte und vierte Absatz sind neu.