Safety Check: Warum Facebook sofort vom "Anschlag in Berlin" ausging
Zum zweiten Mal innerhalb von fünf Monaten hat Facebook in Deutschland den sogenannten Safety Check aktiviert(öffnet im neuen Fenster) – nach dem Amoklauf von München im Juli nun auch wegen des Anschlags am Berliner Breitscheidplatz(öffnet im neuen Fenster). Damit können Facebook-Nutzer ihren Bekannten und Freunden im Netzwerk mitteilen, dass sie in Sicherheit sind. Gleichzeitig können sie sehen, welche ihrer Kontakte aus dem jeweils betroffenen Gebiet eine entsprechende Meldung abgesetzt haben.
Ursprünglich war der Safety Check für die Phase nach Naturkatastrophen gedacht, in der Menschen versuchen, ihre Angehörigen zu erreichen. Häufig sind dann die Mobilfunknetze überlastet, weil sehr viele Menschen gleichzeitig versuchen, alle ihre Bekannten in der betroffenen Region zu erreichen. Die Facebook-Funktion entlastet die Netze.
Entwickelt hat Facebook die Funktion nach dem schweren Erdbeben vor der japanischen Küste im März 2011, das einen Tsunami auslöste und in dessen Folge das Atomkraftwerk in der Provinz Fukushima havarierte. Erstmals eingesetzt wurde sie nach dem Erdbeben in Nepal im April 2015, wie Facebook-Sprecher Stefan Stojanow im Gespräch mit Zeit Online sagt. Seither sei er mehr als 200 Mal aktiviert worden.
Der Safety Check wird mittlerweile von den Nutzern ausgelöst
Für die hohe Zahl gibt zwei Gründe. Erstens lässt Facebook seine Nutzer die Funktion seit den Pariser Anschlägen vor fast genau einem Jahr auch nach Gewalttaten nutzen, nicht mehr nur nach Naturkatastrophen.
Zweitens hat Facebook die Technik dahinter in den vergangenen Monaten umgestellt. Anfangs waren nur wenige Facebook-Mitarbeiter in der Lage, den Safety Check auszulösen. Mittlerweile tun das die Nutzer selbst. Stojanow sagt, sobald bestimmte Begriffe wie Feuer, Erdbeben oder auch Anschlag in einer Region so häufig von Facebook-Nutzern gepostet werden, dass sie einen Schwellenwert überschreiten und die entsprechende Nachricht auch von externen Dritten verbreitet wird, denen Facebook vertraut, löse die Funktion automatisch aus. Diese Dritten können zum Beispiel lokale Medien sein. Hilfreiche Nutzerdaten
Facebook weist dann jene Nutzer, von denen es glaubt, dass sie sich in der betroffenen Region aufhalten, auf die aktivierte Funktion hin. "Sollte es den Anschein haben, dass du dich in der Nähe einer Krisensituation befindest, fragen wir dich, ob du in Sicherheit bist", heißt es auf einer Erklärungsseite(öffnet im neuen Fenster). In diesen Momenten nutzt Facebook die Tatsache, dass es sehr viel über seine Nutzer weiß. Der Anschein bezieht sich zum Beispiel auf Standortdaten, die Facebook von mobilen Nutzern erfasst, auf Ortsangaben im Profil oder auf die jeweils verwendete IP-Adresse, die häufig Rückschlüsse auf den ungefähren Aufenthaltsort zulässt.
Zudem durchsucht Facebook die Freundesliste von Nutzern, die es in der Region verortet hat, weil "Freundschaften oft geografisch basiert sind", wie es in diesem Blogpost des Safety-Check-Erfinders Peter Cottle(öffnet im neuen Fenster) heißt. Das geht schneller und ist weniger rechenintensiv als eine interne Rückwärtssuche in der riesigen Nutzerdatenbank nach allen Facebook-Mitgliedern, die als Standort das betroffene Gebiet in ihrem Profil angegeben haben.
Erst Anschlag, dann Gewalttat, schließlich Vorfall
In zwei Details weichen Cottles Angaben von denen des deutschen Facebook-Sprecher Stojanow ab: In Cottles Blogpost vom 2. Juni 2016 heißt es noch, der Safety Check sei erstmals nach dem Taifun Hagupit im Dezember 2014 auf den Philippinen aktiviert worden, nicht in Nepal. Und Cottle spricht von lediglich 28 Fällen, in denen er aktiviert wurde, nicht von 200. Das könnte daran liegen, dass der Blogpost erschien, als Facebook die nutzergetriebene Aktivierung gerade erst testweise einführte(öffnet im neuen Fenster). Das neue System könnte zu einer deutlich häufigeren Aktivierung geführt haben.
Dass dieses neue System noch Schwächen hat, zeigte sich Stojanow zufolge nun in Berlin. Zum einen, weil der Ort des Geschehens mit Berlin-Heinersdorf anfangs falsch angegeben wurde. Das könnte daran liegen, dass viele Nutzer, die über den Vorfall am Weihnachtsmarkt in Charlottenburg berichteten, nicht präzise geortet wurden. Zum anderen sind viele Nutzer offenbar sofort von einem Anschlag ausgegangen, weshalb das Schlagwort zum Auslöser für den Safety Check wurde, lange bevor die Polizei diesen Verdacht offiziell bestätigt hat. "Der Anschlag von Berlin" stand dadurch zunächst auf der Safety-Check-Seite, was zu dem Zeitpunkt unseriös wirkte.
Facebook hat sich auf Nutzer und voreilige Medien verlassen
Sobald ein Safety Check von den Nutzern ausgelöst wird, fingen Facebook-Mitarbeiter aber auch an, die entsprechenden Informationen zu prüfen, sagt Stojanow. Ihre Quellen sind die Behörden und die Medien. Offenbar haben sich die Facebook-Mitarbeiter diesmal zunächst zu sehr auf inoffizielle Polizeiangaben und auf übereifrige Medien verlassen. Deshalb war auch die zweite Version nicht viel besser. Statt "Anschlag" stand vorübergehend "Gewalttat" da – auch das war zu diesem Zeitpunkt nicht bestätigt. Seit etwa 23 Uhr heißt es nun "Der Vorfall am Weihnachtsmarkt in Berlin".
Man kann Facebook also durchaus vorwerfen, durch seine Wortwahl möglicherweise noch mehr Unruhe gestiftet zu haben. Den Vorwurf müssen sich aber auch alle Medien und alle Nutzer gefallen lassen, die ohne jede offizielle Bestätigung von einem Anschlag berichteten.
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