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Ist die Gruppe 764 eine terroristische Organisation?

Im Oktober 2025 veröffentlichte der in Den Haag ansässige europäische Thinktank International Centre for Counter-Terrorism (ICCT) seine Analyse der Gruppe 764 mit Handlungsempfehlungen an Entscheidungsträger in Politik, Behörden und Ministerien (PDF)(öffnet im neuen Fenster) . Unter dem Titel Fury and Void: Legal Pathways to Counter 764 analysieren die Autoren Tanya Mehra und Menso Hartgers die Gruppe 764 als Teil eines neuen Typs digital organisierter Gewalt, der sich klassischen Kategorien von Extremismus, organisierter Kriminalität oder Jugenddelinquenz entzieht.

764 wird als transnationales, stark fragmentiertes Onlinenetzwerk beschrieben, das an der Schnittstelle von gewaltförmigem Extremismus, sexualisierter Gewalt gegen Kinder und nihilistischer Internetkultur operiert. Anders als bei ideologisch klar konturierten Terrororganisationen fehle dem Netzwerk ein kohärentes politisches oder religiöses Ziel. Stattdessen speise sich seine Dynamik aus einer Mischung aus Misanthropie, Gewaltfaszination, Kontrollfantasien und dem Streben nach Anerkennung innerhalb digitaler Subkulturen. Gewalt fungiert dabei weniger als Mittel zu einem Zweck, sondern als Selbstzweck und Statusmarker innerhalb des Netzwerks.

Strukturell beschreiben die Autoren 764 als lose verbundene Ansammlung von Zellen, Einzelakteuren und kurzlebigen Untergruppen, die sich über verschiedene Plattformen hinwegbewegen. Feste Mitgliedschaften oder eine einheitliche Befehlshierarchie existierten kaum. Stattdessen genüge die Kenntnis bestimmter Praktiken, Codes und Ästhetiken, um Anschluss zu finden.

Die Rekrutierung erfolgt opportunistisch in Onlineräumen, in denen sich vulnerable Jugendliche ohnehin aufhalten, etwa in Gaming-Communitys, Selbsthilfeforen, Kunst- und Kreativplattformen oder Chatdiensten. Gerade diese Alltagsnähe digitaler Treffpunkte erschwert frühe Interventionen, da Täter nicht in klar abgegrenzten "Extremistenräumen" agieren, sondern in Kontexten, die primär nicht sicherheitsrelevant erscheinen.

Zentral für das Funktionieren von 764 ist der konsequente Einsatz digitaler Kommunikationsmittel. Verschlüsselte Messenger, Gaming-Plattformen, temporäre Server, wechselnde Accounts und Clouddienste werden genutzt, um Kontakt aufzunehmen, Druck aufzubauen, Inhalte auszutauschen.

Die Autoren betonen, dass sich innerhalb dieses Ökosystems unterschiedliche Formen illegaler und schädlicher Inhalte überlagern: Darstellungen sexualisierter Gewalt gegen Kinder, Selbstverletzungs- und Suizidaufrufe, extrem gewalttätige Bilder, aber auch Propaganda aus rechtsextremen oder terroristischen Kontexten. Diese Vermischung erschwere sowohl die strafrechtliche Einordnung als auch die plattformseitige Moderation, da unterschiedliche Rechtsregime und Meldepflichten greifen, die in der Praxis oft nicht zusammengedacht würden.

Scheinbar isolierte Delikte – Verbindungen werden erst später deutlich

Aus Sicht der Strafverfolgung stellt 764 damit eine besondere Herausforderung dar. Ermittlungen beginnen häufig nicht mit dem Netzwerk selbst, sondern mit scheinbar isolierten Delikten wie Sextortion, schwerer Cybermobbing-Kommunikation oder einzelnen Gewalttaten.

Erst bei der Auswertung digitaler Endgeräte oder Chatverläufe würden Verbindungen zu 764 sichtbar. Die Autoren weisen darauf hin, dass diese Zuordnung stark vom individuellen Kenntnisstand der Ermittler abhänge und bislang kein flächendeckendes Problembewusstsein existiere. Hinzu kämen praktische Hürden wie enorme Datenmengen, Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, internationale Zuständigkeiten und langwierige Rechtshilfeverfahren.

Ein zentrales Thema des Papiers ist die Frage, in welchem rechtlichen Rahmen solche Netzwerke verfolgt werden sollten. Die Autoren diskutieren ausführlich, ob und inwieweit eine Einstufung von 764 als terroristische Organisation sinnvoll oder notwendig ist. Zwar könnten terroristische Rechtsinstrumente erweiterte Ermittlungsbefugnisse eröffnen, etwa längere Haftzeiten oder niedrigere Eingriffsschwellen.


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