Sabotage: Auch Atomkraftwerke sind anfällig gegen Attacken
Der beschlossene Weiterbetrieb deutscher Atomkraftwerke birgt neue Bedrohungsszenarien - auf die Betreiber schlecht vorbereitet sind.
Nach den Sabotageanschlägen auf die Ostsee-Erdgas-Pipelines und die Kommunikationsleitungen der Deutschen Bahn Anfang Oktober rückt die Verwundbarkeit der kritischen Versorgungsinfrastruktur in den Blickpunkt. Offenbar sind viele Betreiber überraschend schlecht drauf vorbereitet oder können dies aufgrund von kilometerlangen Leitungen kaum verhindern. Auch Atomanlagen könnten bedroht sein.
Durch den nun geplanten Weiterbetrieb deutscher Atomkraftwerke werden neue Bedrohungsszenarien relevant, die vorher keine Rolle zu spielen schienen. Nicht nur, dass die Situation des von den Kriegshandlungen in der Ukraine und der Besetzung des größten europäischen Atomkraftwerks Saporischschja die Gefahr eines gravierenden Atomunfalls real geworden ist.
Ein solcher GAU könnte ähnlich wie der Atomunfall 1986 in Tschernobyl durch einen atomaren Fallout auch Strahlung bis nach Mitteleuropa und damit nach Deutschland tragen. Mit Armenien gibt es noch ein zweites Atomland in Europa, in dem aktuell Kriegshandlungen potenziell auch die Kraftwerksinfrastruktur bedrohen.
Sabotage oder hybrider Krieg bedroht Atomanlagen
Zusätzlich seien Sabotage oder Anschläge auf die verbleibenden Atomanlagen in Deutschland und in den Nachbarländern auch eine reale Bedrohung für die deutsche Bevölkerung, sagt der renommierte, unabhängige Kernenergieexperte Mycle Schneider aus Paris. Er ist der Hauptautor des Anfang Oktober erschienenen World Nuclear Industry Status Report.
Atomanlagen seien strategische Ziele von Kriegshandlungen und nicht vollständig zu schützen, sagt Schneider. Und dabei gehe es nicht nur um Angriffe auf das Herzstück: den Atomreaktor. Bislang konzentriere sich die Aufmerksamkeit beim Schutz von Atomanlagen immer auf die Reaktorhülle.
Diese ist zumeist durch eine dicke Betonhülle geschützt, zum Beispiel gegen den Absturz von Kleinflugzeugen oder sogar den Beschuss durch Panzer. Letzteres schien früher aber nur als eine hypothetische Bedrohungsvariante, die eher ein übersensibles Schutzniveau demonstrieren sollte. Dies ist aber nun mit dem Überfall russischer Truppen auf ukrainische Truppen im Atomkraftwerk Saporischschja sehr real geworden.
Angreifer nutzen immer die schwächsten Angriffspunkte
Aber auch ein hoffentlich wirkungsvoller Schutz gegen alle denkbaren Angriffe des Kernreaktors ist keine Versicherung dagegen, dass es zu gravierenden atomaren Zwischenfällen kommen könnte. Angreifer nutzten immer die schwächsten Angriffspunkte, warnt Schneider. Dort würden nicht unbedingt die größten Mengen Radioaktivität freigesetzt, aber dafür seien sie schwer oder gar nicht zu schützen.
Aber selbst wenn der Kernbereich eines auf aktuelle Sicherheitsstandards nachgerüsteten Atomkraftwerks, also der Reaktor und die Betonhülle, heutzutage gut geschützt ist, bleiben Angriffspunkte. Schneider warnt davor, dass der Schutz der Betonhülle des überwiegenden Teils der AKW nur gegen einen Aufprall eines Kleinflugzeugs geschützt sei. Viel gravierender: Wichtige Sicherheitssysteme seien nicht im Sicherheitsbereich untergebracht. Bedroht sind vor allem das Notfall-Kühlsystem oder es könnte zum Austritt von radioaktiv verseuchtem Wasser kommen. Letztlich seien alle Kernkraftwerke für den Friedensfall konstruiert. Nicht zuletzt müsste auch das Personal in den Blick genommen werden, das unter Stress anfällig für Bedienungsfehler sei.
Die kritischen Situationen in Europas größtem Atomkraftwerk Saporischschja in der Ukraine hätten sich aufgrund der abgebrochenen Stromversorgung ereignet. Wird ein Kernkraftwerk von der Versorgungsleitung abgeschnitten, kann es nicht nur keinen Strom mehr produzieren und muss notabgeschaltet werden.
Ohne Stromversorgung von außen funktionieren auch die Kühlsysteme für die Reaktorkerne nicht mehr, die in den ersten Tagen nach Abschaltung weiterhin eine gewaltige Hitze entwickeln. Ohne Kühlung würde es quasi zwangsweise zu einem gravierenden Zwischenfall, bis zu einem GAU kommen. Damit dies nicht passieren kann, sind Atomanlagen immer zumindest mit einer zweiten, unabhängigen Stromversorgung ausgerüstet - typischerweise mit dieselbetriebenen Stromgeneratoren.
Dafür ist Treibstoff (nach eig. Recherchen: zumeist für etwa zwei Wochen) eingelagert. Wie viel genau, wird üblicherweise mit Verweis auf den Schutz der Sicherheit nicht mitgeteilt. Wie sich während der Atomkatastrophe von Fukushima 2011 gezeigt hat, ist aber auch das kein ausreichender Schutz, weil diese Sicherheitsebene durch die Meereswellen des Tsunamis zum größten Teil ebenfalls außer Betrieb gesetzt worden war.
Neu ist, dass eine solche Gefährdung der Stromversorgung nicht mehr hypothetisch, sondern in der Ukraine höchst real geworden ist. Zudem zeigen die Streiks in Frankreichs Raffinerien, die großflächig die Treibstoffversorgung eines ganzen Landes lahmlegen, wie anfällig das gesamte System ist. Angreifer könnten sich eine solche Situation zu Nutze machen.