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Test Ryse: Bildgewaltiges und brutales Römer-Spektakel

Der Rachefeldzug des Römers Marius Titus ist technisch famos, auch die Geschichte samt ihren Charakteren gefällt. Die eigentliche Spielmechanik des Xbox-One-Exklusivspiels Ryse aber ermüdet auf Dauer, da sie zu wenig fordert und ihre Inszenierung sich abnutzt.
/ Marc Sauter
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Der Römer Marius Titus ist der Protagonist von Ryse. (Bild: Crytek)
Der Römer Marius Titus ist der Protagonist von Ryse. Bild: Crytek

Der Legionär Marius Titus verzieht keine Miene, während er sein Gladius-Kurzschwert in den Rücken des halbnackten Barbaren rammt, und auch als die Kante seines Scutum-Turmschildes seinem am Boden liegen Kontrahenten das Genick bricht, zeigt der Soldat keine Regung. Sein einziger Gedanke ist Rache – Rache an jenen, die seine Familie auf dem Gewissen haben. Titus ist ein Sohn Roms, aber unter der Herrschaft von Kaiser Nero ist das Reich schwach und wird von den Kelten aus dem Norden überrannt.

Ryse Son of Rome – Test-Fazit
Ryse Son of Rome – Test-Fazit (01:26)

Das ist zwar historisch alles andere als korrekt, mit der römischen Geschichte nimmt es Entwickler Crytek im Exklusivspiel für die Xbox One ohnehin nicht allzu genau. So trägt Titus immer einen Helm mit dem typischen, längs verlaufenden Kamm aus gefärbtem Pferdehaar – obgleich er im Verlauf der Handlung lange die Position eines Centurio bekleidet, bei dem der Kamm quer über den Helm verläuft. Die rund zehn Jahre umspannende Handlung von Ryse erzählt das Spiel zumeist in eindrucksvollen Zwischensequenzen, welche nicht selten überraschende Wendungen aufzeigen, jedoch nie die Rachegeschichte aus den Augen verlieren.

Klischees in modernem Gewand

Im gesteckten Rahmen wirken die Charaktere überzeichnet, aber glaubhaft – dies gilt auch für das virtuelle Rom. Britannia allerdings wird als düstere Provinz voll rebellischer Barbaren dargestellt, die Felle und Tiermasken tragen und von denen es nur gut eine Handvoll Variationen gibt. Ausnahmen sind die für die Handlung relevanten Figuren, die von ihren eigenen Motiven getrieben werden und entsprechend detailliert gestaltet sind. Dies wird von den guten Sprechern und den für jeden Hauptcharakter typischen Gesten sowie eigener Mimik unterstrichen.

Ryse Son of Rome – Trailer (Legende von Damokles)
Ryse Son of Rome – Trailer (Legende von Damokles) (02:00)

Wie von Crytek gewohnt, überzeugt Ryse in erster Linie technisch: Der Titel wird zwar in 1.600 x 900 Pixel bei 30 Bildern pro Sekunde berechnet, wirkt aber nur leicht unscharf. Dies gibt den Entwicklern die Möglichkeit, mehr Rechenleistung für die eigentliche Grafik zu nutzen. Die acht großen Spielabschnitte – darunter das Kolosseum, die britische Küste, ein dichter Wald und düstere Höhlen – könnten auch aus Gladiator oder Der Herr der Ringe stammen, eine gewisse Ähnlichkeit zu den beiden Filmen ist nicht ohne Grund gegeben. Crytek ist das Kunststück gelungen, greifbare Umgebungen zu erschaffen, die vor Details nur so strotzen.

Cryengine für die Xbox One

Aus dem stimmigen Gesamtwerk ragen die Charaktere und die Effekte heraus: Titus' Rüstung etwa schimmert im Licht, die einzelnen Spangen des Lorica Segmentata(öffnet im neuen Fenster) verschieben sich physikalisch korrekt bei Bewegungen und die Lederstreifen wippen. Selbst Feinheiten wie die mit Nägeln beschlagenen Sohlen der Sandalen hat Crytek nicht vergessen. Das Zusammenspiel aus Beleuchtung, filmischer Unschärfe und einer leichten Körnung lässt das alte Rom wieder lebendig werden – umso ärgerlicher, dass die Entwickler diese Perfektion nicht durchhalten.

Simples Kampfsystem und Gewalt in Zeitlupe

Der Federbusch auf Titus' Helm etwa flimmert kein bisschen, Treppenstufen hingegen flackern, da die SMAA-1Tx-Kantenglättung hier versagt. In der näheren Umgebung werfen praktisch alle Objekte weiche Schatten, in der Distanz aber fehlen sie oft. Der Ozean reicht grafisch nicht an den aus Crysis heran und auch Feinheiten wie fehlende Fußspuren im nassen Sand oder ein trockener Harnisch trotz heftigen Regens stören den Gesamteindruck. Die Musikuntermalung und die Geräuschkulisse von Ryse wiederum geben keinen Anlass zur Kritik, die gelungene deutsche Synchronisation ist aber leider nicht lippensynchron – wir empfehlen die englische Sprachversion.

Abgesehen von einigen anspruchslosen Passagen mit Schildkrötenformation oder dem Abwehren feindlicher Horden per Scorpio-Geschütz (das so schnell feuert wie ein Maschinengewehr) besteht Ryse aus Kämpfen Mann gegen Mann. Wie es sich für einen Legionär gehört, vertraut Titus auf Gladius und Scutum, gelegentlich darf er auch ein paar Pila-Speere auf Gegner schleudern. Crytek verzichtet auf Kombos, stattdessen gilt es, vier Attacken respektive Bewegungen zu kombinieren: Je nach Tastendruck schlägt Titus per Schwert oder Schild schnell oder wuchtig zu, blockt und kontert feindliche Attacken oder weicht aus, wenn ein Angriff zu stark ist. Letzteres mutet angesichts des Turmschildes etwas lächerlich an, gerade bei vielen Feinden.

Kontern und zuschlagen

Einzelne Gegner stellen kaum eine Gefahr da, da es ein Leichtes ist, gewöhnliche Barbaren zu kontern und sie mit zwei oder drei Schwerthieben einzudecken. Im späteren Spielverlauf schicken die Kelten daher immer neue und vor allem mehrere Kämpfer, etwa dicke Barbaren mit schweren Schildern, die aus dem Gleichgewicht gebracht werden müssen oder flinke Doppelschwert-Kämpfer, die erst nach mehreren Kontern eine Lücke in ihrer Deckung offenbaren. Die häufigen Bossgegner kombinieren alle Typen und fordern daher etwas mehr, auf dem dritten von vier Schwierigkeitsgraden sind es dennoch nur ihre starken, nicht blockbaren Attacken, die ernsthaft Schaden anrichten.

Auf Dauer spielen sich die Kämpfe daher eintönig und repetitiv, einzig die fantastischen Animationen und das Erfahrungssystem halten bei der Stange: Egal wie Titus das Schwert schwingt oder den Schild hebt, die Bewegungen sitzen perfekt und sind absolut sehenswert. Die Kamera sorgt immer für Übersicht, indem sie das Spielgeschehen mal aus der Nähe, mal aus der Totalen einfängt. Dies gilt insbesondere für die Finisher, die Titus per Tastendruck bei angeschlagenen Gegnern ausführt.

Cevat Yerli im Interview über Ryse und Xbox One (E3 2013)
Cevat Yerli im Interview über Ryse und Xbox One (E3 2013) (08:32)

Wieder und wieder und wieder

Je nach Position und Tastendruck zerstampft Titus Köpfe oder zerschmettert sie an Wänden, durchtrennt Hälse aus jeder Richtung oder ertränkt Gegner. All dies geschieht in Zeitlupe, wenn der Gegner subtil von einer farbigen Silhouette umrahmt wird, sollte die passende Taste gedrückt werden. Am Finisher selbst ändert dies zwar nichts, Titus erhält jedoch mehr Boni. Exekutionen geben je nach Ausführung (wählbar per Steuerkreuz) entweder mehr Schlagkraft, ein bisschen Lebensenergie, zusätzliche Erfahrung – Ehre genannt – oder Fokus. Bei Letzterem rammt der Legionär seinen Schild auf den Boden und hackt derart schnell auf seine nun verlangsamten Gegner ein, dass selbst Bosse leicht zu töten sind.

Durch die vier Boni kommt ein wenig Taktik in die Kämpfe. Jedoch sorgte die Flut an Erfahrungspunkten, die es für erfolgreiche Angriffe und Finisher gibt, dafür, dass wir schon in der fünften von acht Missionen alle Verbesserungen freigeschaltet hatten, wodurch das Spiel noch einfacher wurde. Die Aufwertungen setzen ein Mindestmaß an Ehre voraus, daher ist es nicht möglich, gleich zu Beginn alle per echtem Geld zu erwerben – was Ryse anbietet.

Ryse Son of Rome – Trailer (Launch)
Ryse Son of Rome – Trailer (Launch) (02:09)

Ryse: Son of Rome ist für Xbox One ab dem 22. November 2013 erhältlich, der Verkaufspreis liegt bei etwa 70 Euro. Das Spiel erscheint in Deutschland ungeschnitten, die USK hat eine Freigabe ab 18 Jahren erteilt.

Fazit

Ryse: Son of Rome lebt in erster Linie von seiner Technik, denn grafisch und akustisch ist das Crytek-Spiel fast durch die Bank exzellent. Die Detailverliebtheit sowie die Animationen sind zum Start einer neuen Konsolengeneration überzeugend, der Unterschied zur Xbox 360 ist gewaltig, sieht man von kleineren Unstimmigkeiten ab. Die Handlung hat ständig etwas zu bieten und die unterschiedlichen Charaktere integrieren sich glaubwürdig in Marius Titus' Rachegeschichte, zumindest wenn kein Wert auf historische Authentizität gelegt wird.

Das Problem von Ryse sind die Kämpfe. Sie machen zwar viel Spaß und das oft in Zeitlupe ablaufende Gewaltballett ist auf morbide Art sehr faszinierend. Mit der Zeit hat man sich aber an den selbstablaufenden Finishern sattgesehen, ihr spielerischer Nutzen hält sich abseits des Fokuses und der Heilung in Grenzen. Angesichts von acht bis neun Spielstunden hätte Ryse mehr Tiefe gut getan, die famose Optik entschädigt nicht immer.


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