Rückblick auf Kinostart vor 22 Jahren: Als wir das erste Mal die Matrix betraten

Die Idee zum Film Matrix trugen die Wachowskis schon lange mit sich herum. Tatsächlich hatten sie schon über Jahre an dem Drehbuch gefeilt, während sie sich anschickten, ihren eleganten Thriller Bound zu inszenieren. Inspiration zogen die beiden aus den Comics, die sie über Jahrzehnte gelesen hatten, aber auch aus den großen Mythologien der Welt.
Ob sie mit Philip K. Dicks Theorie(öffnet im neuen Fenster) vertraut waren, die er 1977 formuliert hatte? Dass wir alle längst in einer künstlichen Welt leben? Vielleicht.
Der Dicksche Gedankenansatz ist auf jeden Fall faszinierend und die Keimzelle der Matrix. Ein Gedankenkonstrukt, das seiner Größe wegen unglaublich faszinierend ist.
Kämpfe, wie das westliche Kino sie nicht kannte
Die Wachowskis sind Filmfans durch und durch und kennen mehr als nur US-amerikanisches Kino. Beide sind auch mit dem asiatischen Kino vertraut und hier insbesondere mit den in Eastern häufig gesehenen Kämpfen, die weit über das hinausgehen, was menschenmöglich ist. Die Intensität dieser Kämpfe wollten sie auch in Matrix haben, aber unterstützt von bahnbrechender Kameratechnik, die den Zuschauern etwas gänzlich Neues offerieren sollte.
Das Ziel der Wachowskis war es, die Kampf- und Stunt-Sensibilität des Hongkong-Kinos mit westlicher Erzählweise zu kombinieren. Die Idee im Film ist die, dass Figuren in der Matrix jedwede Information sofort geladen bekommen können, sie also auch von einem Moment auf den anderen Meister im Kung-Fu sind.

Nicht umsonst wird eine von Bruce Lees berühmtesten Gesten von Neo benutzt - das Heranwinken des Gegners mit der lässigen Bewegung nur einer Hand. Für die Umsetzung der Kämpfe holten die Wachowskis Yuen Woo-ping(öffnet im neuen Fenster) , einen der angesehensten Stunt-Spezialisten in Hongkong.
Der Unterschied der amerikanischen zur chinesischen Herangehensweise bei der Action ist leicht beschrieben. Produzent Barrie Osborne sagte dazu(öffnet im neuen Fenster) : "Bei amerikanischen Filmen benutzt man Rampen oder Pneumatik, um eine Person mit einer gewissen Geschwindigkeit durch die Luft zu schleudern." Bei Wire-Stunts sehe das anders aus. "Man arbeitet mit Kabeln, was weit mehr Kontrolle erlaubt und sehr stilisiert wirkt." Es sei beinahe, als würde man Marionetten dirigieren, aber mit echten Menschen. "Das bedarf einigen Könnens und sehr viel Finesse."
Woo-ping war bereit, für den Film tätig zu werden, hatte aber eine Bedingung: Die Schauspieler mussten sich einem intensiven Kung-Fu-Training unterziehen, ohne das diese Form von Wire-Work nur schwer möglich gewesen wäre.
Die Schwierigkeit für die Schauspieler war, sich an die Drähte zu gewöhnen, die Balance zu finden, wenn sie in die Luft gezogen wurden, und zu landen, ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Dann mussten sie lernen, im Kung-Fu-Stil zu kämpfen, während sie an den Drähten hingen.
Vier Monate Kung-Fu-Training
Für die Schauspieler bedeutete das eine besondere Hingabe. Schon vor den Dreharbeiten mussten sie vier Monate trainieren und sich in Kung-Fu üben. Vielleicht auch deswegen lehnte die erste Wahl des Studios die Hauptrolle ab: Will Smith.
Den Wachowskis war Keanu Reeves aber ohnehin lieber, da dieser sich mit unglaublichem Engagement in das Projekt einbrachte. Mit Laurence Fishburne als Morpheus und Carrie-Anne Moss als Trinity war das Dreigestirn des Films perfekt.
Für die Schurkenrolle holte man Hugo Weaving, der mit seiner ganz besonderen Art, wie er Agent Smith sprechen ließ, außergewöhnlich gute Arbeit leistete. Für alle Beteiligten war Matrix die nächste Zündstufe ihrer Karriere. Auch ein Keanu Reeves profitierte immens davon. Davor war er ein Star, danach ein Superstar.
Das Ensemble trainierte drei Monate lang mit Woo-ping in Los Angeles, bevor die Dreharbeiten im australischen Sydney begannen.
Die Erfindung der Bullet Time
Matrix überzeugt zwar auch mit dem philosophischen Ansatz der Geschichte, aber vor allem mit der Action. Für den Film wurde etwas entwickelt, das die Wachowskis später Bullet-Time-Kameraarbeit nannten.
Sie wollten bei der Action Bilder bieten, die man noch nie gesehen hatte. Szenen, bei denen Figuren mitten im Kampf fast einfrieren und ihre Bewegungen dann wieder beschleunigen. Man sieht eine Figur in die Luft springen - das passiert noch schnell -, dann bleibt sie am Höhepunkt der Bewegung quasi still stehen, bevor die Beschleunigung wieder einsetzt.
Die dafür genutzte Technik wird als Flow-Motion oder Flow-Mo(öffnet im neuen Fenster) bezeichnet. Sie erlaubt es Filmemachern, die Geschwindigkeit und Bewegung von Elementen auf der Leinwand in praktisch unbegrenzter Form zu manipulieren.
Dafür wird eine Vielzahl von Film- und Fotokameras vor einem Bluescreen positioniert. Die Einzelbilder werden später per Morphing ineinandergeblendet. Die Beschleunigung und Verlangsamung findet dadurch statt, dass der Regisseur von den Film- auf die Fotokameras umschaltet oder sie gleichzeitig oder der Reihe nach auslöst, wodurch die Zeit verlangsamt, beschleunigt oder auch eingefroren werden kann.
Produzent Joel Silver verglich das mit Zeichentrick, nur mit echten Menschen. Der für die visuellen Effekte zuständige John Gaeta ließ sich wie die Wachowskis vom Anime und dessen Zeichentrickmöglichkeiten inspirieren.
Das Design: ein real gewordener Comic
Während die echte Welt in der Matrix wie die unsere aussieht, war für die Welt außerhalb der Matrix einiges an Designarbeit vonnöten. Die Wachowskis, die zu Beginn ihrer Karriere Comics schrieben, hatten von jeher ein Faible für dieses Medium. Sie betrachteten ihren Film auch als so etwas wie einen fleischgewordenen Comic.
Tatsächlich kann man sagen, dass Matrix und die beiden Fortsetzungen vieles von dem vorwegnehmen, was heute im Superheldenfilm gang und gäbe ist. Die Filmemacher waren besonders erfreut, dass sie für die Designarbeit den Comickünstler Geof Darrow verpflichten konnten, dessen Opus Magnum wohl die Graphic Novel Hard Boiled(öffnet im neuen Fenster) ist.
Er entwickelte das Aussehen der Wächter, der Pods, in denen die Menschen eingestöpselt sind, und der Türme.
Gedreht wurde in Sydney
Drehort war Australien, wo Ende des letzten Jahrhunderts zunehmend Filme gedreht wurden, weil es dort großzügige Steuermodelle für Filmproduktionen gab. Zudem waren einige der Studios dort mit hochmoderner Technik ausgestattet, mit einem großen Pool an talentierten Leuten.
Matrix wurde in Sydney gedreht - sowohl im Studio als auch auf den Straßen, Dächern und in Lagerhäusern. Der Look war für Joel Silver perfekt: "Wir mochten die Diversität der Architektur der Stadt. Sie war für unsere Zwecke ideal."
Im Studio wurden zwei besonders große Sets gebaut - das Interieur von Morpheus Schiff, der Nebukadnezar, und die Lobby eines Bürogebäudes. In diesem gab es eine massive Schießerei, die man in einem echten Gebäude nicht hätte drehen können.
Matrix spielte eine halbe Milliarde ein
Matrix kam in den USA bereits am 31. März 1999 in die Kinos. Die Filmlandschaft war damals noch eine andere. Zeitgleiche Starts großer Filme waren zu jener Zeit noch nicht üblich, weil das Internet noch nicht die Bedrohung darstellte, wie das jetzt der Fall ist.
Heute ist ein Film - wenn auch nur von der Leinwand abgefilmt - am Tag nach der Veröffentlichung über illegale Webseiten downloadbar. Damals musste man sich darüber noch keine Gedanken machen.
Deswegen musste man hierzulande auch zweieinhalb Monate Geduld mitbringen. Erst am 17. Juni 1999 kam Matrix in die deutschen Kinos.
Der Film war ein immenser Erfolg. Bei einem Budget von 63 Millionen US-Dollar spielte er weltweit mehr als 466 Millionen Dollar ein(öffnet im neuen Fenster) .

Das Publikum war begeistert: vom Stil des Films, von der bahnbrechenden Technik und den nie dagewesenen Actionsequenzen. Aber auch vom philosophischen Unterbau, der die Frage danach stellt, wie wir Realität definieren.
Es dauerte nicht lange und zwei Sequels wurden in Auftrag gegeben. Die Wachowskis inszenierten Matrix Reloaded und Matrix Revolutions, die beide 2003 in die Kinos kamen, gleichzeitig. Doch das ist eine andere Geschichte, ebenso wie die von Matrix Resurrections, mit dem wir 18 Jahre später zur Matrix zurückkehren.



