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Ross Ulbrichts Comeback: Libertäre Galionsfigur von Trumps Gnaden

Von manchen wird der Silk-Road -Gründer als Freiheitskämpfer verehrt, für die Opfer interessiert sich niemand. Wie sein Comeback läuft.
/ Elke Wittich
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Ross Ulbricht bei der Bitcoin Conference in Las Vegas im Mai 2025 (Bild: Ian Maule/Getty Images)
Ross Ulbricht bei der Bitcoin Conference in Las Vegas im Mai 2025 Bild: Ian Maule/Getty Images
Inhalt
  1. Ross Ulbrichts Comeback: Libertäre Galionsfigur von Trumps Gnaden
  2. Das Ende der virtuellen Seidenstraße
  3. 1,2 Milliarden US-Dollar Umsatz in zweieinhalb Jahren
  4. Ulbrichts Begnadigung war ein politischer Schock
  5. Warum Silk Road keine Heldengeschichte ist
  6. Auftritt bei der Bitcoin-Konferenz 2025

Für seine Eltern war Freiheit eine Haltung, für ihren Sohn Ross Ulbricht wurde sie zur mathematischen Formel, die lautete: Wenn der Markt alles regelt, dann auch das Gute. In einem bürgerlich-liberalen Umfeld mit einer sozial engagierten Familie aufgewachsen, beschäftigte Ulbricht sich während seines Studiums zunehmend mit libertären Ideen. Er suchte nach einer Welt ohne staatliche Kontrolle, ohne Zwang, ohne Hierarchien – daraus wuchs der Keim von Silk Road.

Die Idee, ökonomische Freiheit technisch umzusetzen, faszinierte ihn. Aus der theoretischen Frage, ob sich ein wirklich freier Markt digital abbilden lässt, wurde ein Plan. In Chatlogs schrieb er damals: "Ich möchte wissen, ob die Menschen in Freiheit moralisch handeln können." Das war 2010. Ein Jahr später ging Silk Road online.

Das Experiment Seidenstraße

Es entstand in einem Apartment in Austin. Ulbricht richtete über das Tor-Netzwerk einen versteckten Server ein, verschlüsselte Kommunikation über PGP-Schlüssel und führte Bitcoin als Zahlungsmittel ein. Sein digitaler Marktplatz ohne Staat, ohne Polizei, ohne Aufsicht sollte nicht durch Gesetze geregelt werden.

In seinen Tagebuchaufzeichnungen notierte Ulbricht damals: "Silk Road ist mehr als nur eine Webseite. Es ist ein Experiment über die menschliche Natur und die Freiheit." An anderer Stelle schrieb er: "Es ist eine friedliche Revolution – und ich bin ihr Kapitän."

In Wirklichkeit war die Plattform aber kein friedlich-revolutionärer Ort. Schnell wurde Silk Road zum Umschlagplatz für Drogen, Falschgeld und gefälschte oder gestohlene Dokumente – was Ulbricht dann auch vor Gericht und in Haft brachte. Laut der Anklage wurden auch Gewalttaten gegen Bezahlung angeboten. Ulbricht dachte keineswegs daran, das Freiheitsexperiment zu beenden, sondern warnte in internen Chats mit seinen Administratoren: "Das hier darf nicht scheitern. Die Regierung kann uns nicht aufhalten, Inkompetenz schon."

"Die höchste Form der Moral"

Je größer Silk Road wurde, desto offensiver verteidigte Ulbricht unter seinem Pseudonym Dread Pirate Roberts Drogenhandel als moralisch neutralen Akt zwischen freien Individuen. "Jede Transaktion hier geschieht freiwillig. Das ist die höchste Form der Moral" , schrieb er 2012.

Dieser Satz wurde knapp drei Jahre später vor Gericht als Beweis für seine ideologische Verblendung zitiert. Denn er kalkulierte nicht mit ein, dass Geldgier als Triebfeder bei nicht wenigen Menschen moralische Überzeugungen ersetzt. Technisch funktionierte Silk Road perfekt. Moralisch war die Plattform ein Desaster.


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