Warum Silk Road keine Heldengeschichte ist
Was aber wäre gewesen, wenn Silk Road keine digitale Plattform, sondern ein physischer Ort mit dem gleichen Geschäftsmodell gewesen wäre? Also zum Beispiel der Besitzer eines Ladens seine Geschäftsräume sowie Infrastruktur Dealern und anderen Kriminellen nicht nur zur Verfügung gestellt, sondern auch einen festen Prozentsatz ihrer Umsätze kassiert plus Konflikte zwischen Anbietern und deren Kunden moderiert hätte?
Ihm würde eine Verurteilung wegen aiding and abetting , also Beihilfe, außerdem wegen Verschwörung zur Begehung einer Straftat, Geldwäsche (das Annehmen von Geldern aus illegalen Quellen und deren Inumlaufbringen) und Steuerhinterziehung drohen. Und, wenn nachgewiesen, würde auch eine Verurteilung nach dem Racketeer Influenced and Corrupt Organizations Act (kurz: Rico Act, ein ursprünglich gegen mafiöse Geschäfte eingeführter Straftatbestand) drohen- genau wegen der Straftaten also, wegen derer Ulbricht verurteilt wurde.
Der fiktive Ladenbesitzer müsste realistischerweise mit einer Gefängnisstrafe zwischen 15 und 40 Jahren rechnen. Würde ihm ein Verstoß gegen den RICO-Paragrafen nachgewiesen, kämen noch einmal 20 Jahre hinzu, plus die Beschlagnahmung aller seiner Vermögenswerte. Dass sich eine landesweite Bürgerinitiative bilden würde, die den Ladenbesitzer als Freiheitskämpfer bezeichnen und seine sofortige Begnadigung fordern würde, ist allerdings nahezu auszuschließen.
Das liegt mutmaßlich auch daran, dass die Opfer anonymer Straftaten meistens auch anonym bleiben. Wie viele Menschen durch auf Silk Road gehandelte Drogen abhängig von harten Drogen wurden oder vielleicht sogar daran starben, blieb ebenso im Verborgenen wie die Auswirkungen auf ihre Familien und Freunde. Auch das Leid von Opfern gestohlener Identitäten oder Daten wurde nie erfasst, ebenso wenig wie die Auswirkungen angebotener und nachgefragter Gewalttaten.
Die Umsätze und Presseberichte über Einzelfälle sprechen dafür, dass es nicht wenige Opfer von Silk Road gibt; die tatsächlichen Opferzahlen wurden nie erfasst. Dass Ulbricht von seinem angeblichen Moralexperiment massiv finanziell profitierte, wird ebenfalls kaum thematisiert.
Der Millionär Ulbricht
Nach der Schließung von Silk Road konfiszierte das FBI rund 144.000 Bitcoin, 2021/2022 kamen weitere Bitcoin-Bestände aus mit der Plattform und/oder Ulbricht in Verbindung stehenden Wallets hinzu. Mindestens 430 Bitcoin, die nicht zugeordnet werden und daher auch nicht beschlagnahmt werden konnten, blieben unangetastet und wurden interessanterweise erst nach Ulbrichts Begnadigung wieder bewegt.
Finanziell hat er ohnehin ausgesorgt, nach seiner Freilassung erhielt er Spenden in Höhe von 300 Bitcoin, die eventuell auch aus alten Beständen stammen könnten(öffnet im neuen Fenster) . Dazu erwirtschaftete er 1,3 Millionen US-Dollar in Bitcoin durch die Versteigerung von Haft-Devotionalien(öffnet im neuen Fenster) . Die Opfer gingen dagegen leer aus, weder der Staat noch Ulbricht selbst kamen bisher auf die Idee, einen Silk-Road-Fonds aufzusetzen. Rein rechtlich kann er durch die Begnadigung auch nicht zur Verantwortung gezogen werden.



