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Room statt Zoom: So will der Gründer von Crytek ein "Internet of Life" bauen

Nachdem der Metaverse -Hype verpufft ist, offenbart Crytek -Gründer Cevat Yerli, wie sich seine neue Firma das Internet der Zukunft vorstellt.
/ Daniel Ziegener
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Ist das Web3 nur ein Strohfeuer? In Rooms ist es zumindest ein Lagerfeuer. (Bild: TMRW Foundation)
Ist das Web3 nur ein Strohfeuer? In Rooms ist es zumindest ein Lagerfeuer. Bild: TMRW Foundation

Cevat Yerli war als Gründer des Frankfurter Spieleentwicklers Crytek lange einer der wichtigsten Köpfe der Gamesindustrie. Mit seiner neuen Firma Room will er die Idee des Metaverse aufgreifen, aber doch alles ganz anders machen. Beim Metaverse "geht es um Eskapismus" , sagt er. Room soll Menschen zusammenbringen, statt sie voreinander flüchten zu lassen.

Menschen seien soziale Wesen, aber damit das Internet dieser Tatsache gerecht wird, müsse es "von einem 2D-Internet zu einem 3D-Internet werden. Und es muss von einem Einzelspieler-Internet zu einem Multiplayer-Internet werden." Seine Videokonferenz-Software Room setzt deshalb auf echte Menschen in virtuellen Umgebungen. "Das ist für mich die Definition vom nächsten Internet" , sagt er.

Um diese Idee vom nächsten Internet zur Realität werden zu lassen, gründete Yerli bereits 2017 The TMRW Foundation, im Jahr darauf gab er die Geschäftsführung von Crytek ab . Die 3D-Videokonferenz-Software Room und ihr dahinterliegendes Reality OS sind nun die ersten Produkte seiner neuen Firma. Aber kann er damit seiner Vision von einem sozialeren Internet gerecht werden?

Angenehmer Skeuomorphismus fürs Auge

Reality OS sei eine "eigene Entwicklung, patentiert und exklusiv. Es ist die weltweit erste Social-3D-Engine" , sagt Yerli. Room sei nicht "Anti-Videokonferenz" , für manche Meetings sei eine Videokonferenz am sinnvollsten, für andere ein Sprachanruf oder Chat. Room soll mit seinen dreidimensionalen Chaträumen eine weitere Option werden.

Dabei ist Room genau genommen ein klassischer Videoanruf im Browser. Die Silhouette des Teilnehmers vor der Kamera wird mittels KI erkannt, ausgeschnitten und einer 3D-Umgebung platziert, etwa einem Konferenztisch. "Wenn man in Room ein paar Meetings mit mehreren Personen macht, bemerkt man zwei Effekte: Man wird weniger müde und nimmt Informationen stärker auf."

Im Unterschied zu ähnlichen Funktionen in Microsoft Teams, bei denen virtuelle Hintergründe eher eine Spielerei sind, will sich Room über diesen "Skeuomorphismus, also eine Imitation der Realität" abgrenzen. Die App verspricht auf ihrer Webseite "lebensechte 3D-Videokonferenzen, die deine Remote-Arbeitsweise verändern werden."

Das Metaverse ist wirtschaftlich gescheitert

Yerli ist bei weitem nicht der einzige in der Tech-Branche, der an eine neue Zukunft für die Zusammenarbeit glaubt. Spätestens seit Mark Zuckerberg im Jahr 2021 Facebook zu Meta umbenannte, hat auch das Silicon Valley im Metaverse ein lukratives Geschäftsfeld entdeckt. Seitdem hat die Euphorie für neue Kommunikationskanäle, die während der Coronapandemie aufblühten, jedoch nachgelassen.

Die dezentralen Welten diverser Blockchain-Metaversen konnten kaum Nutzer anlocken . Allein im Jahr 2022 machte Meta mit seiner VR-Abteilung Reality Labs fast 14 Milliarden US-Dollar Verlust . Eine Gartner-Studie kam kürzlich zu dem ernüchternden Ergebnis, dass Virtual Reality für Meetings eher eine Hürde als eine Chance sei.

"Ein Metaverse-basiertes Meeting fängt bei minus 80 Prozent an" , sagt Yerli und meint damit das Uncanny Valley, das von den Teilnehmern zunächst überwunden werden muss, bevor man tatsächlich miteinander interagieren kann. Diese Hürde erlebten wir bei Golem.de auch in unserem Test des Meta Quest Pro .

"Cryengine wäre viel zu anspruchsvoll"

"Was hier passiert ist, dass Unternehmen, die diese Brillen herstellen, das Thema Virtual Reality nochmal aufrollen und als etwas Neues verkaufen – interessanterweise mit viel primitiveren Technologien als die Spieleindustrie" , sagt der ehemalige Gamedesigner. Auch deshalb hält Yerli VR nicht für eine sinnvolle Alternative zur sozialen Interaktion über das Internet. Das Gespräch mit Golem.de findet über eine normale Videokonferenz statt.

Dabei habe sich VR nicht einmal bei Spielen als Mainstream durchgesetzt. "Das ist bis jetzt noch nicht gelungen" , sagt Yerli. Spieler ließen ihren Geldbeutel sprechen – und geht man nach den Absatzzahlen der VR-Headsets von Meta Quest bis PS VR, bleibt der Bereich bislang in der Nische.

"Man muss zwingend erst einmal Geld ausgeben, um die Zukunft zu sehen" , sagt er über die Headsets, deren Preis von 349,99 Euro für Metas Quest 2 bis zu einem angekündigten Verkaufspreis von 3.500 US-Dollar für Apples Vision Pro reicht. Room setzt deshalb nicht auf teure Hardware, sondern gewöhnliche Webbrowser. "Eine Cryengine wäre viel zu anspruchsvoll" für diese – und würde entsprechend "den Zugang einschränken."

Yerli setzt sein eigenes Kapital aufs Spiel

Auch wenn Yerli sagt, man denke noch nicht an die Profitabilität, muss sich Room doch tragen – und das in einer Wirtschaft, die nach der Coronapandemie zurück ins Büro drängt und sich mit radikalen Sparmaßnahmen auf neue Krisen einstellt. Doch auch wenn die Zeiten des Hyperwachstums für Unternehmen wie Zoom vorbei sind, machten Letztere im vergangenen Quartal noch immer einen stabilen Profit(öffnet im neuen Fenster) .

"Das Internet of Life ist auch wirtschaftlich gesehen eine enorme Chance" , sagt Yerli. Finanziert wird die TMRW Foundation laut Yerli nicht wie branchenüblich mit dem Venture Capital von Investoren, sondern "zu 90 Prozent Eigenkapital" . Der Gründer trägt "dementsprechend auch eigenes Risiko" am Erfolg von Room.

Schätzungen zufolge gibt es weltweit 4,9 Milliarden Internetnutzer(öffnet im neuen Fenster) . Diese könne Room "mit einem Klick ins 3D-Internet bringen" , sagt Yerli. Man habe aber keine konkreten Nutzerziele (oder möchte sie zumindest nicht mitteilen.) "Ich denke, es ist nur eine Frage der Zeit, bis mehr oder weniger jeder Videokonferenzen verlässt, um 3D-Konferenzen zu machen" , sagt er.

Virtuelle Welten lösen keine realen Probleme

Die Definition von Schlagwörtern wie Web3 und Metaverse scheint Yerli nicht besonders zu interessieren. "Ich rede eigentlich sehr ungern vom Web3 oder dem Metaverse, mir geht es eigentlich um das nächste Internet – und das ist aus meiner Sicht eigentlich ganz pragmatisch." Pragmatisch ist auch die TMRW Foundation. Der erste Kunde von Reality OS(öffnet im neuen Fenster) ist das Gesundheitsministerium der Vereinigten Arabischen Emirate. Das virtualisierte (und in der Pressemitteilung dann doch als Metaverse bezeichnete) Kundencenter soll dort helfen, indem es "den Standort demokratisiert und der Öffentlichkeit die Wahlfreiheit ermöglicht" , heißt es in der Ankündigung – Wahlfreiheit in einem Land, das unter anderem Homosexualität unter Strafe(öffnet im neuen Fenster) stellt.

"Die Gesetze von verschiedenen Ländern, das sind die Gesetze von verschiedenen Ländern" , sagt Yerli. Man könne sie ihnen nicht vorschreiben. "Wir sind eine Plattform, die global verfügbar ist." Wie diese Plattform eingesetzt wird, werde bei den Kunden entschieden. So bietet das Versprechen vom sozialen Internet tatsächlich keinen Eskapismus, sondern spiegelt die echte Welt – mit ihren realen Problemen. Dafür sei die Technologie nicht verantwortlich, sagt Yerli. "Wir sind ja im Internet."


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