Rohstoffabbau in Südamerika: Der Schatz im Lithiumsee

Bolivien verfügt über die größten Lithium-Vorkommen der Welt. Doch der Abbau kommt bislang nicht in die Gänge. Nun könnte China das Rennen machen.

Eine Analyse von veröffentlicht am
Der Salar de Uyuni in Bolivien könnte noch eine wichtige Lithiumquelle werden.
Der Salar de Uyuni in Bolivien könnte noch eine wichtige Lithiumquelle werden. (Bild: Friedhelm Greis/Golem.de)

Vor gut 100 Jahren brachte die Erfindung zweier deutscher Chemiker einen blühenden Wirtschaftszweig im Norden Chiles praktisch über Nacht zum Erliegen. Das Haber-Bosch-Verfahren machte die dortige Salpeterproduktion überflüssig, wovon noch heute verlassene Geisterstädte zeugen. Der Boom der Elektromobilität macht die Wüstenregion im Länderdreieck Chile, Bolivien und Argentinien aber wieder zu einem wichtigen Rohstofflieferanten.

Doch aus politischen - weniger technischen oder ökologischen - Gründen droht vor allem die Produktion in Bolivien ausgebremst zu werden. Und damit auch der Hochlauf der E-Mobilität, wie zuletzt eine Studie der Deutschen Rohstoffagentur konstatierte.

Die Situation in Bolivien erscheint paradox: Das Land verfügt mit 21 Millionen Tonnen zwar über die weltweit größten Vorräte an Lithium, hat es jedoch in den vergangenen Jahren nicht geschafft, trotz Investitionen in Höhe von rund 900 Millionen US-Dollar eine Produktion im industriellen Maßstab aufzubauen. Dabei könnte das Land mit dem niedrigsten Pro-Kopf-Einkommen Südamerikas die Einnahmen gut gebrauchen. Doch politische Streitigkeiten um die Verteilung der möglichen Gewinne und hohe Auflagen für ausländische Firmen könnten sogar verhindern, dass noch in diesem Jahrzehnt ein nennenswerter Abbau erfolgt.

Dabei gibt es schon seit mehr als zehn Jahren Bestrebungen, die Vorkommen im Salzsee (Salar) von Uyuni speziell für die Produktion von Autobatterien zu nutzen. Mit daran beteiligt war Micha Zauner, der damals an der TU Bergakademie Freiberg Mineralogie und Geologie studierte. In einem Projekt unter der Leitung des inzwischen emeritierten Chemieprofessors Wolfgang Voigt entwickelte die TU von 2009 an ein Konzept, das eine eher handwerkliche Gewinnung des Lithiumsalzes mit Hilfe von Verdunstungskegeln vorsah.

Zwei deutsche Projekte machten sich Hoffnungen

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"Ziel war, dass die komplette Materialbeschaffung in Bolivien stattfindet, über dort verfügbare Ressourcen, die man im Elektro- oder Metallhandel kaufen kann, zu einem Maximalpreis von 100 US-Dollar für einen Kegel", erläutert Zauner im Gespräch mit Golem.de. Die Sole sollte auf die Spitze des Kegels gepumpt werden, daran hinunterlaufen und nach der Verdunstung weiter verarbeitet werden. "Wir sind überzeugt", sagte Voigt damals dem Spiegel, "dass wir uns durchsetzen werden."

Dazu sollte es nicht kommen. Stattdessen machte sich zwischenzeitlich ein Unternehmen aus Deutschland Hoffnungen, die Lithiumgewinnung in Bolivien zu forcieren. Im Jahr 2018 unterzeichneten ACI Systems aus dem baden-württembergischen Zimmern o.R. und das bolivianische Staatsunternehmen Yacimientos de Litio Bolivianos (YLB) dazu schon einen Kooperationsvertrag. Doch die politischen Unruhen nach der gescheiterten Wiederwahl des damaligen Staatspräsidenten Evo Morales brachten das Projekt zum Erliegen. Morales' Nachfolger Luis Arce schrieb die Pilotprojekte zur Lithiumgewinnung im Juli 2021 komplett neu aus.

Aus europäischer Perspektive erscheinen die jahrelangen Verzögerungen wenig nachvollziehbar. Doch in den Überlegungen bolivianischer Politiker spielt die Frage, ob im weit entfernten Norden möglicherweise weniger Elektroautos als geplant auf den Markt kommen können, eine untergeordnete Rolle. Ihnen geht es vor allem darum, die traditionellen Muster bei der Rohstoffgewinnung in ihrem Land zu durchbrechen. Schon seit der spanischen Kolonialzeit gingen die Gewinne aus dem Abbau von Metallen wie Silber aus den Minen von Potosí und Zinn aus der Region Oruro vor allem ins Ausland, während die indigene Bevölkerung ausgebeutet wurde.

Würde die Regierung den Eindruck erwecken, dass vom Lithium-Boom vor allem ausländische Konzerne profitieren, könnte das zu starken Protesten in der Bevölkerung führen. Hinzu kommt ein weiteres nationales Trauma: Im sogenannten Salpeterkrieg gegen Chile hat Bolivien nicht nur den Zugriff auf die Guano-Vorkommen verloren, die damals eine wichtige Rolle bei der Düngemittel- und Sprengstoffproduktion spielten, sondern auch den Zugang zum Meer.

  • Der Salar de Uyuni gilt mit 10.000 Quadratkilometern als größte Salzpfanne der Welt. (Foto: Friedhelm Greis/Golem.de)
  • Der Salzsee beherbergt eines der größten Lithium-Vorkommen der Welt. (Foto: Friedhelm Greis/Golem.de)
  • In dem Hochland (Altiplano) gibt es nur eine spärliche Vegatation. Es wächst unter anderem Quinoa. (Foto: Friedhelm Greis/Golem.de)
  • Vereinzelt finden sich Stützpunkte der bolivianischen Armee. (Foto: Friedhelm Greis/Golem.de)
  • Eine Bahnlinie führt von Uyuni zur chilenischen Hafenstadt Antofagasta. (Foto: Friedhelm Greis/Golem.de)
  • Die Infrastruktur müsste für einen großflächigen Lithiumabbau ausgebaut werden. (Foto: Friedhelm Greis/Golem.de)
  • Zu den touristischen Attraktionen gehören das Geothermiefeld Sol de Mañana. (Foto: Friedhelm Greis/Golem.de)
  • Umweltschützer befürchten, dass durch das Abpumpen der Sole der Wasserspiegel in den Seen sinkt und die Flamingos ihre Lebensräume verlieren. (Foto: Friedhelm Greis/Golem.de)
  • Die Atacama-Wüste in Chile gilt als eine der trockensten Regionen der Welt. (Foto: Friedhelm Greis/Golem.de)
  • Vom früheren Salpeterabbau sind noch Geisterstädte übrig geblieben. (Foto: Friedhelm Greis/Golem.de)
  • Das Kupferbergwerk Chuquicamata kann inzwischen nicht mehr im Tagebau betrieben werden. (Foto: Friedhelm Greis/Golem.de)
  • Die Verkehrsverbindungen in Chile, wie die Panamericana, sind deutlich besser als in Bolivien. (Foto: Friedhelm Greis/Golem.de)
  • Im Salpeterkrieg hat Bolivien seinen Zugang zum Meer und damit Hafenstädte wie Mejillones verloren. (Foto: Friedhelm Greis/Golem.de)
  • Der Cerro Rico (reicher Berg) in Potosí hat den Spaniern immense Silbervorkommen beschert. (Foto: Friedhelm Greis/Golem.de)
  • Noch immer wird dort Bergbau unter ungünstigen Bedingungen betrieben. (Foto: Friedhelm Greis/Golem.de)
  • Die Großstadt Oruro wurde hingegen vom Zinnabbau geprägt. (Foto: Friedhelm Greis/Golem.de)
  • Am jährlichen Karnevalsumzug werden die Metallschätze zur Schau gestellt. (Foto: Friedhelm Greis/Golem.de)
Der Salar de Uyuni gilt mit 10.000 Quadratkilometern als größte Salzpfanne der Welt. (Foto: Friedhelm Greis/Golem.de)

Ebenfalls spielen ökologische Aspekte inzwischen eine größere Rolle. Umweltschützer befürchten, dass durch das Abpumpen der Sole der Grundwasserspiegel sinkt. Auf der anderen Seite brauchen die Bolivianer das externe Kapital und Know-how, um überhaupt das Lithium gewinnen und exportieren zu können.

Einen Ausweg scheint die Regierung durch ein neuartiges Verfahren gefunden zu haben, die sogenannte Direkte Lithium-Extraktion (DLE).

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