Rocketbuilder.com: Raketen zum selbst Bestellen
Mehr Transparenz verspricht die United Launch Alliance (ULA) mit dem Start ihrer neuen Webseite Rocketbuilder.com(öffnet im neuen Fenster) . Die Webseite gibt den Nutzern die Möglichkeit, eine Mission für eine Atlas-V-Rakete zu bestimmen und anschließend zu sehen, wieviel die Mission kosten würde. Dazu wählt der Nutzer das Startdatum, den Orbit, die Nutzlast und Zusatzservices aus. Angeblich soll die Seite ein Werkzeug sein, um es potenziellen Kunden zu erleichtern, die Konfiguration einer Atlas-V-Rakete zu erstellen und Angebote zu vergleichen. Tatsächlich gibt es auch einen Schalter, um die zusammengestellte Rakete zu bestellen.

Realistisch gesehen, ist die einfach aufgebaute Webseite nicht für solche professionellen Anwendungen geeignet. Dafür gibt es Dokumente wie den User Guide der Atlas-V-Rakete(öffnet im neuen Fenster) . Vielmehr handelt es sich um eine PR-Maßnahme als Antwort auf die Politik von SpaceX, die Preise der Falcon-9-Rakete(öffnet im neuen Fenster) offenzulegen. Die ULA gewährt jetzt als ehemaliger Monopolist erstmals Einblick in die Kostenstruktur. Bisher wurden die Startpreise der Öffentlichkeit nur sporadisch für einzelne Missionen bekanntgegeben.
Die Webseite zeigt dabei vor allem, wie groß der Einfluss von SpaceX auf das Geschäft mit den Raketen geworden ist. Bei der Präsentation der Webseite(öffnet im neuen Fenster) betonte Tory Bruno, der ULA-Chef, die versteckten Kosten der Konkurrenz, ohne dabei SpaceX direkt zu benennen. Außerdem gab er sich stolz darauf, wieviel günstiger die Atlas V geworden ist. Die einfachste Konfiguration der Atlas V, für einen bis zu 4,7 Tonnen schweren Satelliten in einen GTO-Standardorbit, kostet nur noch 109 Millionen US-Dollar. Zu Monopolzeiten hat die gleiche Mission noch über 180 Millionen US-Dollar gekostet.
Auch die ULA versteckt noch Kosten
Zusätzliche Services wie Antennen, die eine Kommunikation mit dem Satelliten während des Starts erlauben, oder die Möglichkeit des Kundens, persönlich bei allen Arbeitsschritten zur Startvorbereitung dabei zu sein, kosten bis zu 20 Millionen US-Dollar. Bei schwereren Satelliten kostet jeder zusätzliche Feststoffbooster weitere 5 Millionen US-Dollar. Eine größere Nutzlastverkleidung kostet bis zu 16 Millionen US-Dollar extra. Die Zusatzkosten der großen Nutzlastverkleidung sind damit ungefähr genauso teuer wie die gesamte zweite Stufe einer Falcon 9, inklusive Standardnutzlastverkleidung.
Aber die ULA hat immernoch versteckte Kosten im Kleingedruckten, den "Terms and Disclaimers". Die Reduzierung von Weltraumschrott ist zum Beispiel in keinem Preis inbegriffen und muss extra verhandelt werden. Anforderungen für Regierungsmissionen, bis hin zu Flügen mit menschlicher Besatzung, sollen typischerweise weitere 30 bis 80 Millionen US-Dollar kosten. Dennoch wären die Preise der Atlas V zum Start einfacher Satelliten erstmals konkurrenzfähig(öffnet im neuen Fenster) mit der Ariane 5, wenn diese nicht von der ESA mit 20 Millionen Euro pro Start subventioniert würde.
Trotzdem ist selbst ein Start einer Rakete mit 4,7 Tonnen Nutzlast ohne alle Extras mit 109 Millionen US-Dollar nicht günstig. SpaceX bietet Missionen mit der Falcon-9-Rakete in den gleichen Orbit für 62 Millionen US-Dollar an, bei einer Nutzlast von bis zu 5,5 Tonnen. Dabei wird zurecht kritisiert, dass Extrakosten für zusätzliche Services von SpaceX nicht veröffentlicht werden. Die russische Proton-M Rakete kann Nutzlasten bis 6,9 Tonnen starten. Ihre Starts werden inzwischen für nur noch 65 Millionen US-Dollar(öffnet im neuen Fenster) angeboten, nachdem sie früher etwa 100 Millionen US-Dollar kosteten. Allerdings ist in den letzten 10 Jahren fast jedes Jahr(öffnet im neuen Fenster) ein Start der Rakete gescheitert.
Rechentricks sollen die Kosten senken
Um mit den Preisen der Konkurrenz mitzuhalten, zeigt die Webseite den "ULA value added", also den Zusatznutzen beim Start mit der Rakete, an. In einem Beispiel auf der Pressekonferenz sollten dadurch mehr als die Hälfte der Startkosten kompensiert werden und die Rakete weniger kosten als eine Falcon 9. Dabei verweist die Webseite auf Einsparungen durch pünktlichere Starts. Dazu kommen Einsparungen durch niedrigere Versicherungsprämien im Vergleich zum weltweiten Durchschnitt und höhere Lebenszeiten von Satelliten durch Optimierung der Einschussbahn. Die Grundlagen, auf denen einige dieser Einsparungen berechnet werden, sind aber durchaus fragwürdig.
Der Durchschnitt der weltweiten Versicherungsprämien wird hauptsächlich durch die unzuverlässige russische Proton-Rakete bestimmt. Andere Raketen der gleichen Leistungsklasse haben hingegen weitgehend vergleichbare Versicherungsprämien(öffnet im neuen Fenster) , die somit alle unter dem weltweiten Durchschnitt liegen. Darauf hatte auch die Explosion einer Falcon-9-Rakete bei einem Test keinen Einfluss, weil der Satellit zu dem Zeitpunkt noch von einer Frachtversicherung gedeckt war.
Pünktliche Starts sparen Geld
Einsparungen durch eine höhere Lebensdauer nach einem Start in einen besseren Orbit als dem geplanten gibt es tatsächlich. Wenn ein Satellit nur in einen Übergangsorbit gestartet wird, muss der Satellit anschließend eigenen Treibstoff aufwenden, um in den endgültigen Orbit zu gelangen. Mit dem gleichen Treibstoff muss der Satellit aber auch Korrekturmanöver von unvermeidlichen Bahnabweichungen durch Gravitationseffekte durchführen, weshalb mehr Treibstoff eine höhere Lebensdauer des Satelliten ermöglicht.
Eine Rakete mit einem entsprechend flexibel programmierten Flugcomputer kann nicht verwendete Treibstoffreserven der Rakete dazu benutzen, den Aufwand des Satelliten noch etwas weiter zu reduzieren und so dessen Treibstoffreserven zu erhöhen. Aber darauf sind alle Raketen programmiert. Es ist also kein besonderer Kostenvorteil, den die ULA dort für sich verbuchen kann. Tatsächlich ernstzunehmen sind dagegen die potenziellen Einsparungen durch die üblicherweise geringeren Verzögerungen von Starts mit der ULA, vorausgesetzt, dass der Kunde die Kapazität des Satelliten tatsächlich sofort voll ausnutzen kann. Wer aber viel zusätzlichen Umsatz durch einen kurzfristig geplanten Start mit einer Atlas V machen will, muss auch das zusätzlich bezahlen und auf Platz im Terminplan der ULA hoffen.
Letztendlich handelt es sich bei Rocketbuilder.com um eine reine PR Maßnahme der ULA im Wettbewerb mit der Konkurrenz. Sie weist zurecht darauf hin, dass der Preis einer Rakete allein nicht die einzige Erwägung beim Start eines Satelliten ist. Hier muss SpaceX klar nachziehen. Allerdings ist auch offensichtlich, dass die ULA versucht, die Kosten ihrer Atlas-V-Rakete in der Öffentlichkeit schön zu rechnen, mit teilweise fadenscheinigen Methoden.
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