Robotertraining: Gratis-Reinigung gegen private Wohnungsdaten
Wie die BBC berichtet(öffnet im neuen Fenster), bietet das Startup Micro AGI in New York City Dienstleistungen wie kostenlose Wohnungsreinigungen an. Das Ganze dient jedoch einem geschäftlichen Zweck. Die eingesetzten Reinigungskräfte tragen Kameras an ihren Kappen, die über ein Kabel mit ihren Mobiltelefonen verbunden sind. Auf diese Weise zeichnen sie sämtliche Aktivitäten und Details in den Wohnräumen der Kunden auf. Das Unternehmen sammelt diese Videodaten unter dem Projektnamen Shift(öffnet im neuen Fenster), um damit die nächste Generation autonomer Haushalts- und Pflegeroboter zu trainieren.
Daten für die Robotik der Zukunft
Der Fokus der Aufnahmen liegt auf den Händen der Arbeitskräfte. Die Entwickler benötigen detaillierte Informationen über manuelle Geschicklichkeit, um Robotern das Greifen und Manipulieren von Gegenständen beizubringen. Denn laut dem Unternehmensgründer Bercan Kilic unterscheiden sich etwa Küchen und Werkzeuge nur geringfügig voneinander.
Um in realen Umgebungen mit wechselnden Lichtverhältnissen und Anordnungen zu funktionieren, müssen die Modelle die Interaktion zwischen Händen, Kameras und der Umwelt erlernen. Das Geschäftsmodell von Micro AGI sieht vor, diese anonymisierten Daten an andere Robotik- und KI-Unternehmen zu verkaufen. Neben Wohnungen in New York sammelt das Startup bereits Daten bei der Autoreparatur in der Türkei.
Kritik von Datenschützern
Datenschützer äußern erhebliche Bedenken gegenüber diesem Vorgehen. Organisationen wie die Electronic Frontier Foundation warnen vor einer zunehmenden Praxis des Daten-Bestechens, bei der Verbraucher sensible Informationen gegen vermeintlich kostenlose Dienste eintauschen. Selbst bei Vertrauen in das sammelnde Unternehmen bestehe das Risiko einer Weitergabe an Dritte oder Regierungen.
Das Electronic Privacy Information Center bezeichnet die Methode als eine "teuflisch kreative Form der Privatsphärenverletzung". Die Experten betonen, dass der Gegenwert einer kostenlosen Reinigung minimal im Vergleich zum potenziellen Gewinn aus dem Verkauf der Datensätze sei. Zudem bestehe das Risiko, dass die Technologie zukünftig menschliche Arbeitskräfte ersetzt. Der Gründer entgegnet der Kritik, dass die Plattform transparent agiere. Nutzer erhielten durch die Gratisleistung eine direkte Gegenleistung für ihre Daten, was bei anderen Internetkonzernen nicht der Fall sei.
Noch kein Start in Deutschland
Bemerkenswert ist die Herkunft des Unternehmens: Hinter Shift steht kein US-amerikanischer Anbieter, sondern das Münchner KI-Labor Micro AGI. Gegründet wurde es von den früheren Formel-1-Aerodynamikingenieuren Bercan Kilic und Yoan Iliev sowie Anton Poletaev, der zuvor am Alan Turing Institute forschte. Inzwischen tritt das Unternehmen international auf und ist nach eigenen Angaben in mehr als 15 Ländern aktiv.
Sein umstrittenes Produkt startete Micro AGI allerdings nicht in Deutschland, sondern in New York – und das dürfte kein Zufall sein. Videoaufnahmen in Privatwohnungen berühren in Europa schnell zentrale Vorgaben der DSGVO: Unternehmen benötigen eine tragfähige Rechtsgrundlage, müssen Zweck, Speicherdauer und Datenweitergabe transparent machen und den Grundsatz der Datensparsamkeit beachten.
Besonders heikel wird es, sobald Aufnahmen Rückschlüsse auf sensible Informationen zulassen oder zur biometrischen Identifizierung dienen könnten. In den USA ist der rechtliche Rahmen anders ausgestaltet. Aber auch dort gibt es Grenzen, etwa bei heimlicher Überwachung oder Tonaufnahmen. Für ein Modell mit sichtbarer Kamera, Einwilligung der Bewohner und ohne Audioaufzeichnung dürfte der Start dort aber erheblich unkomplizierter sein als im Heimatmarkt.
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