Risk: Kein normaler Mensch

In ihrer Dokumentation Risk nähert sich die Filmemacherin Laura Poitras dem egozentrischen Wikileaks-Gründer Julian Assange und seinem Umfeld. Auch ihre eigene Rolle ist von Bedeutung.

Eine Rezension von Monika Ermert/Zeit Online veröffentlicht am
Julian Assange im Mai 2017 auf dem Balkon der ecuadorianischen Botschaft in London
Julian Assange im Mai 2017 auf dem Balkon der ecuadorianischen Botschaft in London (Bild: Jack Taylor/Getty Images)

Der martialische Aufruf zur Hetzjagd auf den Intercept-Journalisten Matthew Cole vor wenigen Tagen war ein trauriger Höhepunkt in der Geschichte von Wikileaks. 10.000 Dollar lobte Wikileaks auf Twitter für die "öffentliche Bloßstellung" und "termination" Coles aus, weil er mitschuldig sei an der Enttarnung der NSA-Whistleblowerin Reality Winner. Ob damit "Entlassung" oder "Auslöschung" gemeint war, blieb unklar.

Inhalt:
  1. Risk: Kein normaler Mensch
  2. Vier Wikileaks-Juristinnen werfen Poitras Wortbruch vor

Doch die Zahl der Unterstützer von Wikileaks-Gründer Julian Assange war schon vor der idiotischen Aktion ziemlich geschrumpft. In ihrer neuen Dokumentation Risk zeichnet die Oscar-prämierte Filmemacherin Laura Poitras (Citizenfour) nun auch noch ein recht ambivalentes Bild vom großen Vorsitzenden der Enthüllungsplattform: Herrisch, egozentrisch und auf die eigene Wirkung bedacht zeigt sich Assange während der Arbeit in Norfolk zwischen 2010 und 2011, ebenso wie während der Fahrt zu seinen ersten Verhandlungen an britischen Gerichten. Trotzdem webt Poitras hier und da Interpretationen der Ereignisse ein, die Assange und den anderen Machern der Enthüllungsplattform ganz offensichtlich attestieren sollen, was ihnen mittlerweile von vielen abgesprochen wird: Verantwortungsbewusstsein bei der Bloßstellung der Regierenden.

"Julian führt Wikileaks wie einen Geheimdienst, mit Codenamen, Abschottung verschiedener Bereiche voneinander", beschreibt Poitras in Voice-over-Kommentaren, die sie ihr "production journal" nennt. Es erscheine ihr selbst fast schon "mysteriös", sagt sie, wie viel Einblick er ihr mit ihrer Kamera gewähre und wie weit er ihr traue, "denn ich glaube nicht, dass er mich mag".

Es gibt mindestens zwei Fassungen des Films

Bemerkenswert ist, dass diese persönlichen Bemerkungen der ursprünglich in Cannes gezeigten Erstfassung des Films nachträglich hinzugefügt wurden. Eine weitere, eigene Fassung sollen Assange und seine Anwälte für ein Screening in der Botschaft von Ecuador in London bekommen haben. Dort sitzt Assange seit fast fünf Jahren, um sich einem mittlerweile eingestellten Verfahren wegen angeblicher Sexualdelikte in Schweden, vor allem aber dem Zugriff der US-Justiz zu entziehen. Allein die Entstehung des Films mit seinen verschiedenen Versionen bietet also Stoff für eine eigene Geschichte.

Stellenmarkt
  1. Informatiker/ICT-Techniker (m/w/d)
    Europäische Schule München, Neuperlach
  2. CRM Analyst (m/w/d) Europe
    Birkenstock Group B.V. & Co. KG, München
Detailsuche

Zeitlich spannt sich die neue Version von Risk, die noch im Sommer in Deutschland zu sehen sein soll, von den Cablegate-Veröffentlichungen 2011 bis Anfang 2017, also bis zu den jüngsten Ankündigungen der US-Justiz, Wikileaks wegen der Veröffentlichungen von CIA-Überwachungstools strafrechtlich zur Rechenschaft zu ziehen. In der in Cannes gezeigten Version hat Poitras den Wahlsieg von Donald Trump als Fanal ans Ende gestellt - und damit auch die Fragen nach der Hilfe für Trump durch Wikileaks.

Assange steht im Mittelpunkt des Films. Poitras zeigt ihn bei Zusammenkünften mit Journalisten, Anwälten und Unterstützern: beim Versuch, die damalige US-Außenministerin Hillary Clinton direkt ans Telefon zu bekommen, um sie zu warnen, weil das Passwort für das ungeschwärzte Archiv der Cablegate-Dokumente durch Dritte preisgegeben wurde. Aber auch dabei, wie Jacob Appelbaum und andere Assanges platinblonde Haare schneiden, während der im Fernsehen eine Gymnastiksendung mit bonbonfarben gewandeten Frauen verfolgt.

Poitras räumt dem Thema Sexismus beträchtlichen Raum ein. Assange lässt Sarah Harrison die vorbereitete Presserede zur Veröffentlichung der Syria-Leaks mehrfach wiederholen, er mault seine Anwälte und Anwältinnen an, weil eine der Frauen, die ihn in Schweden der sexuellen Nötigung beschuldigt hat, Gründerin eines feministischen Nachtclubs ist.

Appelbaum wirkt auf einem Podium mit ägyptischen Telekom-Providern während des Arabischen Frühlings charismatisch, in der nächsten Einstellung aber ruft er arabische Journalistinnen und Journalisten zu "Safer Sex" bei der Nutzung des Netzes auf. Wer sich nicht mit technischen Hilfsmitteln wie dem Anonymisierungsdienst Tor schütze, dem drohe tödliche Gefahr, sagt er grinsend. Poitras geht so weit, im production journal nicht nur von ihrer eigenen kurzen Beziehung mit Appelbaum, sondern auch vom Bericht einer ihr nahestehenden Person zu erzählen, die von Appelbaum gedemütigt worden sei.

Bitte aktivieren Sie Javascript.
Oder nutzen Sie das Golem-pur-Angebot
und lesen Golem.de
  • ohne Werbung
  • mit ausgeschaltetem Javascript
  • mit RSS-Volltext-Feed
Vier Wikileaks-Juristinnen werfen Poitras Wortbruch vor 
  1. 1
  2. 2
  3.  


Aktuell auf der Startseite von Golem.de
CDU-Sicherheitslücke
Juristische Drohungen schaden der IT-Sicherheit

Dass eine Person, die verantwortungsvoll eine Sicherheitslücke gemeldet hat, dafür juristischen Ärger bekommt, ist fatal und schadet der IT-Sicherheit.
Ein IMHO von Hanno Böck

CDU-Sicherheitslücke: Juristische Drohungen schaden der IT-Sicherheit
Artikel
  1. Kritik der Community: Microsoft schaltet Kommentare unter Windows-11-Video ab
    Kritik der Community
    Microsoft schaltet Kommentare unter Windows-11-Video ab

    In einem Youtube-Video verteidigt Microsoft die Bedingungen von Windows 11. Die Community ist außer sich, Kommentare werden geblockt.

  2. Connect-App: CDU zeigt offenbar Hackerin nach Melden von Lücken an
    Connect-App  
    CDU zeigt offenbar Hackerin nach Melden von Lücken an

    Nach dem Auffinden einer Lücke in einer CDU-App zeigt die Partei nun die Finderin an. Der CCC will deshalb keine Lücken mehr an die CDU melden.

  3. Datenübertragung: Flüssigkernfaser könnte Glasfaser ersetzen
    Datenübertragung
    Flüssigkernfaser könnte Glasfaser ersetzen

    Schweizer Forscher haben eine Faser entwickelt, die Daten genauso gut überträgt wie eine Glasfaser, aber dieser gegenüber Vorteile hat.

Anonymer Nutzer 26. Jun 2017

Da es schon länger keine bewegten Bilder mehr von Ass. gegeben hat, hat W. Eggert bei MF...

Trollversteher 26. Jun 2017

Er ist hier noch nicht angelaufen, aber angekündigt. Der Film ist gerade mal vor ein paar...

pk_erchner 22. Jun 2017

Kino ? https://www.kino.de/film/risk-2016/



Du willst dich mit Golem.de beruflich verändern oder weiterbilden?
Zum Stellenmarkt
Zur Akademie
Zum Coaching
  • Schnäppchen, Rabatte und Top-Angebote
    Die besten Deals des Tages
    Schnäppchen • Speicherwoche bei Saturn Samsung • Robas Lund DX Racer Gaming-Stuhl 153,11€ • HyperX Cloud II Gaming-Headset 59€ • Bosch Professional Werkzeuge und Messtechnik • Samsung Galaxy Vorbesteller-Aktion • Speicherwoche bei Media Markt • 60 Jahre Saturn-Aktion [Werbung]
    •  /