Ricoh Theta m15 im Test: Inselbegabt mit Sehschwäche

Wer seine eigenen 360-Grad-Aufnahmen etwa für Googles VR-Betrachter Cardboard machen will, hat derzeit nicht viel Auswahl. Zwar lassen sich unter Android in Googles Kamera-App inzwischen 360-Grad-Panoramen erstellen, da das Endprodukt aus vielen Einzelbildern zusammengesetzt werden muss, funktioniert das aber nur mit unbeweglichen Bildmotiven – Familienfeiern, ein Karnevalsumzug oder ein Autorennen lassen sich damit nicht einfangen. Wer mit einem Klick seine gesamte Umgebung aufnehmen möchte, kommt an einer echten 360-Grad-Kamera nicht vorbei. Profimodelle wie die Iris 360 von nctech(öffnet im neuen Fenster) sind recht teuer. Andere Lösungen, wie etwa von der Berliner Firma Panono befinden sich noch in der Entwicklung. Als erster Hersteller bietet Ricoh nun seit Ende 2014 die Theta m15 an, die sphärische Fotos und Videos erschwinglich machen soll.
Ricoh positioniert die in vier Farben erhältliche Theta eindeutig im Freizeitsegment. Der fehlende Bildschirm und die kompakte Bauart lassen sofort an eine der unzähligen Actioncams denken – wäre da nicht die zweite Linse.

Teures "One-trick-pony"
Für momentan rund 300 Euro bekommt der Käufer außer der Kamera noch eine einfache Schutzhülle und ein USB-Kabel für Akkuladung und Datentransfer zu PC oder Mac. Das ist nicht viel – besonders, wenn man bedenkt, dass die Kamera ohne ein Smartphone oder Tablet nicht viel nützt. Die nur knapp 14 Zentimeter lange und 95 Gramm leichte Theta macht einen robusten Eindruck. Die beiden seitlichen Fischaugen-Objektive wirken hingegen sehr schmutz- und kratzeranfällig. Das einfarbige, längliche Gehäuse sieht nicht unbedingt wie eine typische Kamera aus, eher wie ein zu groß geratener USB-Stick.
Die Theta teilt ihren Status lediglich über drei LEDs mit, sie hat außer dem Ein- und Ausschalter, einem Knopf für das WLAN und dem Auslöser keine weiteren Bedienungselemente. Wenn man zunächst auf die Fernsteuerung per Telefon oder Tablet verzichtet, muss die Kamera nur eingeschaltet werden und erzeugt bei jedem Druck auf den Auslöser ein vollsphärisches 360-Grad-Panorama. Sie korrigiert den Horizont automatisch; so lassen sich auch über Kopf aufgenommene Bilder ohne Nachbearbeitung verwenden.
Leider fällt beim späteren Betrachten auf, dass der Daumen des Fotografen immer prominent im Bild ist. Das liegt daran, dass der Auslöser genau unter einer der beiden Kameralinsen liegt. Zum unteren Bildrand entstehen Montagefehler. Sinnvollerweise hat die Theta an ihrer Unterseite aber ein Stativgewinde, so lässt sie sich flexibel befestigen, ob per Dreibein oder Selfiestick. Spätestens jetzt muss das Smartphone als Fernauslöser her, denn eine zeitverzögerte Aufnahme ist nicht möglich und das Bild lässt sich mangels Sucher oder Display überhaupt nicht beurteilen.















Wirklich sinnvoll ist die Ricoh Theta erst im Zusammenspiel mit der für Android und iOS erhältlichen App. Per WLAN verbinden sich Smartphone und Kamera, das Passwort ist unten am Gehäuse aufgedruckt. Die App bietet dann Zugriff auf all das, was sich an der Kamera selbst nicht einstellen lässt. Neben Fernauslöser, Einstellungsmöglichkeiten für Blende, ISO und Verschlusszeit bietet sie auch eine Galerie. Das Kamerabild wird allerdings nicht live übertragen.
Dank simpler Bedienung der App überzeugt die Theta in diesem Punkt voll und ganz. Nie war es einfacher, einen Schnappschuss der kompletten Umgebung zu erstellen und zu teilen – in wenigen Sekunden. Per Knopfdruck in der App überträgt die Kamera Fotos und Videos auf das Smartphone oder Tablet – ebenso leicht können die Bilder ins Netz gestellt werden. Schade nur, dass diese Funktion auf Ricohs Theta-Website begrenzt ist, eine Einbindung in eigene Seiten sieht das Programm nicht vor. Auch ein Upload in den neuen 360-Grad-Modus von Youtube funktioniert nur am Rechner mit Ricohs eigener Software.
Die Fotos lassen sich auf dem Telefon auch ohne Cardboard sofort betrachten und machen zunächst einen sehr guten Eindruck. Es mag zwar ein wenig albern wirken, wenn man das bunte Kamerastäbchen in einer Menschenmenge in die Luft hält und dabei auf sein Smartphone drückt, aber das Ergebnis ist sehenswert.
Zwei Augen für 360 Grad
Daheim am Rechner folgt allerdings die Ernüchterung: Was auf einem kleinen Display durchaus hochwertig erscheint, wirkt am Monitor verpixelt und verwaschen. Die Bilder verlieren, mit einem VR-Headset wie dem Oculus Rift oder per Cardboard betrachtet, viel von ihrem Reiz. Von Immersion kann kaum die Rede sein. Noch unattraktiver sind die Videos, denn sie zwängen das komplette Panorama in stark komprimierte Full-HD-Auflösung und laufen mit mageren 14 Bildern pro Sekunde. Am Ende des Artikels findet sich ein Link zu Rohmaterial direkt aus der Kamera.
Post from RICOH THETA. – Spherical Image – RICOH THETA(öffnet im neuen Fenster)
Wer ein Landschaftspanorama fotografieren oder filmen möchte und hohe Detailtreue erwartet, ist mit der Theta schlecht beraten. Das liegt am Funktionsprinzip der Kamera, denn nur zwei Sensoren mit je 5 Megapixeln Auflösung müssen den kompletten Radius von 360 Grad erfassen. Die daraus resultierende Gesamtauflösung ist zu niedrig, um auf dem großen Bildschirm oder der VR-Brille zu überzeugen. Erschwerend hinzu kommt, dass die Theta eine echte Schönwetter-Kamera ist. In der Dunkelheit und in Innenräumen verschlechtert sich die Bildqualität rapide, mit steigenden ISO-Zahlen nimmt das Bildrauschen stark zu. Bei ISO 800 sehen Fotos dann fast wie pointillistische Kunstwerke aus.
Ricoh bietet Entwicklern Zugang zu einem SDK(öffnet im neuen Fenster) . Derzeit gibt es Apps(öffnet im neuen Fenster) , die über Bewegungserkennung und akustische Signale auslösen, verschiedene Konverter(öffnet im neuen Fenster) für die aufgenommenen Bilder existieren. Die Akkulaufzeit reicht nach Herstellerangaben für 200 Aufnahmen mit aktivierter WLAN-Verbindung. Der interne Speicher bietet mit rund 4 GB Platz für mehr als 1.000 Bilder oder 15 Videos mit jeweils maximal 3 Minuten Länge.
Fazit
Die Ricoh Theta hat genau einen Trick auf Lager, aber den leider nicht besonders gut. Landschaftsfotografen werden mit der Theta nicht glücklich, die Stärken der Kamera sind eindeutig Schnappschüsse und Actionfotos. Die Videofunktion ist dank wesentlich zu niedriger Auflösung nahezu nutzlos, über die verbauten Mikrofone schweigt sich Ricoh auf der Firmenwebsite mit gutem Grund aus.
Für Virtual Reality sind die Bilder und Videos nicht geeignet. Die Fotoauflösung ist mit insgesamt 10 Megapixeln zu niedrig, Filme werden nur in Full HD und mit 14 Bildern pro Sekunde aufgezeichnet.
Trotzdem macht die kleine Kamera unterwegs Spaß, auf dem Smartphone oder Tablet sehen die sphärischen Panoramen gut aus. Über Ricohs Website lassen sich Fotos leicht hochladen und teilen, die App ist einfach zu bedienen.
Für Partyfotografen und Immobilienmakler(öffnet im neuen Fenster) dürfte die Theta einen Blick wert sein. Kritisch finden wir trotzdem den Preis: Fast 300 Euro sind für eine Spaßkamera eindeutig zu viel. Wer nicht auf kommende Modelle(öffnet im neuen Fenster) anderer Hersteller(öffnet im neuen Fenster) warten oder wesentlich mehr Geld investieren möchte, muss also die ebenfalls unbefriedigenden klassischen Möglichkeiten der Panoramafotografie nutzen.
Unter diesem Link(öffnet im neuen Fenster) lässt sich unbearbeitetes Material aus der Kamera herunterladen.



