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Richard-Stallman-Report: "Wir machen so lang weiter, bis unsere Community sicher ist"

Der Erfinder von GNU und Gründer der Free Software Foundation fällt immer wieder mit untragbaren Äußerungen auf. Die Stimmen, die seinen Rückzug fordern, werden lauter.
/ Stefanie Schmidt
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Richard Stallman - hier auf einem Bild aus dem Jahr 2011 (Bild: Francois Guillot/AFP via Getty Images)
Richard Stallman - hier auf einem Bild aus dem Jahr 2011 Bild: Francois Guillot/AFP via Getty Images

Richard Stallman steht seit Jahren für seine kontroversen und oft provokanten Aussagen zu Geschlechterfragen und persönlichen Beziehungen in der Kritik. So hat er in verschiedenen Kontexten Äußerungen gemacht, die als sexistisch interpretiert wurden, insbesondere seine Ansichten zu Themen wie Pädophilie, sexuelle Belästigung und Einwilligung (Consent) zu sexuellen Handlungen besonders von Jugendlichen. Zu Recht führten diese Äußerungen zu einem Rückgang seiner Unterstützung, gerade bei Anhängern der freien Software. Stallmans kontroverse Ansichten, gepaart mit einer vehementen Verteidigung seiner Prinzipien, spalten die Gemeinschaft.

Für die einen sind seine Verdienste um die Initiierung der freien Softwarebewegung und die Mitbegründung der Free Software Foundation so groß, dass die kontroversen Aussagen höchstens unschönes Beiwerk sind, für die anderen sind sie untragbare Fehltritte. Sie rücken nicht nur seine Verdienste an sich in ein schlechtes Licht, sondern erschweren es manchen, für freie Software einzustehen, weil sie nicht mit Stallmans sonstigen Ansichten assoziiert werden wollen.

Einige aus der Free Software Community (Entwickler, Unternehmen, Nutzergruppen), die nicht mit Stallmans Aussagen in Verbindung gebracht werden wollen, haben kürzlich die kontroversen Aussagen zusammengetragen, bewertet und mit der Forderung nach Konsequenzen als Richard-Stallman-Report veröffentlicht(öffnet im neuen Fenster). Grund genug, die ganze Geschichte zu betrachten, ohne – wie leider vielerorts üblich – die Reportautoren anzugreifen und ihnen zu unterstellen, sie wollten Stallmans Lebenswerk herabwürdigen.

Die primäre Quelle für den Report ist Richard Stallmans eigene Webseite(öffnet im neuen Fenster). Dort können sämtliche Aussagen nachgelesen werden, auf die hier Bezug genommen wird. Einige seiner Äußerungen hat Stallman teilweise oder ganz zurückgenommen beziehungsweise sich davon distanziert. Allerdings sind das im Vergleich zur Gesamtanzahl der Aussagen sehr wenige.

Stallman, das GNU-Projekt und die Free Software Foundation (FSF)

Um zu verstehen, wie und warum das GNU-Projekt entstand, muss man sich in die IT-Landschaft der frühen 1980er Jahre zurückversetzen. Für den Hausgebrauch gab es den C64 von Commodore oder den ersten Heimcomputer von Apple. Im wissenschaftlichen Bereich wurde häufig mit Unix gearbeitet, das für die Allgemeinheit nicht oder nur schwer zugänglich war: Es war kompliziert, lief nur (wie damals üblich) auf bestimmten Maschinen und war entsprechend teuer.

Ende 1983 hatte Richard Stallman, der im Fachbereich künstliche Intelligenz des MIT (Massachusetts Institute of Technology) arbeitete, die Idee, eine quelloffene und für alle frei zugängliche Software zu erschaffen. Im September kündigte er sie in einem Post mit dem Titel Free Unix! im Usenet an(öffnet im neuen Fenster) – das GNU-Projekt war geboren.

Das erste für das GNU-Projekt geschriebene Programm war der Texteditor GNU Emacs, der 1984 erschien. Ein Jahr später wurde das GNU-Manifest (GNU Manifesto)(öffnet im neuen Fenster) veröffentlicht und die Free Software Foundation gegründet. Bis heute ist das Manifest ein fester Bestandteil von GNU.

GNU ist heute ein umfassendes Softwarepaket, das zusammen mit einem Kernel wie Linux zu einem vollwertigen Betriebssystem wird (GNU/Linux). Dieses Softwarepaket umfasst beispielsweise Programme wie Bash (Bourne-Again Shell) und Programme, die in der Shell ausgeführt werden. Dazu gehören cp (copy), mkdir (make directory), grep (global/regular expression/print) und viele mehr.

Freie Software versus quelloffene Software

Richard Stallman – auch RMS abgekürzt für Richard Matthew Stallman – legt großen Wert darauf, zwischen diesen beiden Arten von Software zu unterscheiden. Nach seiner Ansicht ist eine Software nur dann wirklich frei (frei wie in Freiheit, nicht wie frei im Sinne von kostenlos), wenn sie geteilt und nach Bedarf den eigenen Wünschen angepasst werden kann.

Während das auf viele, wenn nicht sogar auf die meisten Open-Source-Projekte zutrifft, gibt es durchaus Projekte, die etwa nicht kommerziell genutzt werden dürfen. Nach RMS ist ein solches Projekt nicht frei (man darf nicht damit machen, was man möchte).

Ende 1983 verließ Stallman das MIT, um seine eigene freie Software zu schreiben. Er befürchtete, dass er seine Arbeit, wenn er beim MIT bliebe, nicht frei zur Verfügung stellen dürfe. Was ihm besonders missfiel, waren die Vereinbarungen, die es ihm und seinen Kollegen untersagten, die Software, die sie für das MIT schrieben, mit anderen zu teilen. Proprietäre und besonders Closed-Source-Software sind ihm daher ein Gräuel.

Über die Jahre hat er sich als eine unverzichtbare Figur in der freien Softwarebewegung dargestellt, mit dem Selbstverständnis, dass nur er die wahre und konsequente Vision für freie Software vollständig verstehe und durchsetzen könne. Seine Gründung der Free Software Foundation und die Entwicklung des GNU-Projekts basieren auf seinen kompromisslosen Prinzipien, dass Software frei sein sollte – nicht nur kostenlos, sondern auch im Sinne von Freiheit, sie zu nutzen, zu modifizieren und zu teilen.

In seinen Reden und Schriften betont Stallman immer wieder, dass viele der heutigen offenen Softwareprojekte zwar nützlich seien, aber nur seine Philosophie der völligen Freiheit die Gesellschaft vor den Gefahren proprietärer Software schützen könne. Diese Haltung wird besonders in einem Interview deutlich, das er 2002 LWN (Linux Weekly News) gab(öffnet im neuen Fenster).

Darüber hinaus besteht er darauf, dass der Linux-Kernel zusammen mit einem GNU-Userland (was beides das Betriebssystem ergibt) als GNU/Linux zu bezeichnen sei. Seine Kompromisslosigkeit hat ihn oft in Konflikt mit anderen prominenten Persönlichkeiten in der Open-Source-Community gebracht, die pragmatischere Ansätze bevorzugen.

Stallmans Kritik ist gut nachvollziehbar, wenn man in Open Source begründete Projekte betrachtet, die von einer offenen Lizenz auf eine properitärere umgestellt wurden wie zum Beispiel Terraform oder RHEL.

Unterstrichen wird diese Sichtweise dadurch, dass Stallman auch Projekte wie der Linux-Kernel zu aufgeschlossen gegenüber der Integration nicht freier Komponenten sind. Das konsequente Beharren auf dieser Freiheit macht es in gewisser Weise verständlich, warum er sich als unersetzbar empfindet.

Stallman bis heute im FSF-Vorstand

Sein Einsatz und seine Verdienste für freie Software sind unbestritten. Vor allem hätte Linus Torvalds ohne ihn den als Linux bekannten Kernel wahrscheinlich nicht entwickelt. Erst die beiden Teile, der Linux-Kernel und die Programme des GNU-Projekts, machten daraus ein vollwertiges Betriebssystem, das es heute in etlichen Varianten gibt, zum Beispiel Ubuntu.

Vereinfacht ausgedrückt sind Programme, die den Kernel bilden, vom Nutzer abgeschottet. Die Software, die von den Nutzern ausgeführt wird oder deren Prozesse von ihnen direkt oder indirekt beeinflussbar sind, werden umgangssprachlich als Userland bezeichnet. Die GNU-Programme gehören daher zum Userland, ohne das ein Kernel wenig Sinn hat.

Einige Programme aus dem GNU-Softwarepaket sind unabhängig von einem bestimmten Kernel, zum Beispiel GCC (früher GNU C Compiler, heute GNU Compiler Collection) und GDB (GNU Debugger). Beide Programme sind für Unix und Linux-Varianten sowie für BSD-Systeme und Solaris erhältlich. Unter Windows benötigt man MinGW oder Cygwin und für MacOS kann man die beiden Programme mit Homebrew installieren.

Von diesen und anderen Programmen profitiert letztendlich die gesamte IT.

Der Stallman-Report

Richard Stallman fiel bis zuletzt im Juni 2024 mit kontroversen Äußerungen, Aussagen und Verhaltensweisen auf, die bis in das 1983 zurückreichen. Allen ist die Verharmlosung von sexueller Gewalt, Übergriffigkeit und Belästigung gemein, von denen auch Mitarbeiter und Kollegen bei der FSF berichten.

Stallman ist etwa der Auffassung, der Besitz von kinderpornografischem Material solle keine Straftat sein und ein aufgezwungener Kuss sei zwar nicht schön, aber nicht so schlimm. Andere Beispiele: Er ist der Meinung, Sodomie(öffnet im neuen Fenster) und Nekrophilie(öffnet im neuen Fenster) sollten nicht gesetzlich verboten sein.

Die Mehrheit der Aussagen, um die es in dem Report geht, haben mit sexuellen Übergriffen auf Kinder/Jugendliche zu tun. In den meisten werden die geschilderten Situationen verharmlost oder Stallman unterstellt Medien, Übergriffe aufzubauschen, wie in dem nachfolgenden Zitat vom 30. April 2018 (im Report nachzulesen oder direkt auf seiner Webseite(öffnet im neuen Fenster)):

"It sounds horrible: UN peacekeepers accused of child rape in South Sudan. But the article makes it pretty clear that the 'children' involved were not children. They were teenagers.

What about 'rape'? Was this really rape? Or did they have sex willingly, and prudes want to call it 'rape' to make it sound like an injustice? We can't tell from the article which one it is.

Rape means coercing someone to have sex. Precisely because that is a grave and clear wrong, using the same name for something much less grave is a distortion."

Diese in drei Blöcke gegliederte Äußerung macht es einfach, sich jeden Block einzeln vorzunehmen.

"Es klingt entsetzlich: UN-Friedenstruppen werden beschuldigt, im Südsudan Kinder vergewaltigt zu haben. Aber aus dem Artikel geht klar hervor, dass es sich bei den 'Kindern' nicht um Kinder handelte. Es waren Teenager."

Stallman erklärt, dass Teenager keine Kinder seien, was so verstanden werden kann, als sei Vergewaltigung bei Jugendlichen weniger schlimm.

"Was ist mit 'Vergewaltigung'? War das wirklich eine Vergewaltigung? Oder hatten sie freiwillig Sex und die Prüden wollen es 'Vergewaltigung' nennen, damit es wie ein Unrecht klingt? Aus dem Artikel geht nicht hervor, was von beidem zutrifft."

In diesem Absatz wird infrage gestellt, ob es überhaupt Vergewaltigungen waren. Im nächsten Satz wirft er in den Raum, dass der Sex freiwillig gewesen sein könnte und die "Prüden" das dramatisiert hätten. Wer die "Prüden" sind, wird nicht erklärt. Er bedient sich des Kniffs rhetorischer Fragen, denn diese Fragen sollen nicht beantwortet werden. Es ist eine weit verbreitete Vorgehensweise, wenn Zweifel an der Berichterstattung gesät werden sollen.

Worauf nicht eingegangen wird: Stallman sagt nicht, warum er die Berichterstattung anzweifelt und die Wahrheitsfindung nicht dem Südsudan und den UN überlässt. Der letzte Satz soll Interesse für die Wahrheit bekunden, die in dem Artikel angeblich nicht zu finden ist. Dabei steht am Anfang dieses Zitats, dass es um die Beschuldigung einer Vergewaltigung geht – das heißt, was genau passiert ist, war zu dem Zeitpunkt, als der Artikel erschien, unklar.

"Vergewaltigung bedeutet, jemanden zum Sex zu zwingen. Gerade weil es sich dabei um ein schwerwiegendes und eindeutiges Unrecht handelt, ist die Verwendung desselben Begriffs für etwas viel weniger Schwerwiegendes eine Verzerrung."

In diesem Absatz unterstellt er letztendlich etwas, ohne zu wissen, ob es zutrifft. Er vermutet lediglich, dass es keine Vergewaltigungen waren. Gleichzeitig wird der Übergriff/die Vergewaltigung der Jugendlichen verharmlost als "etwas viel weniger Schwerwiegendes".

Die Jugendlichen selbst kommen gar nicht zu Wort. Was er ebenfalls weglässt, ist der gesamte Kontext, in dem der mutmaßliche Übergriff stattgefunden hat. Das Land wird erwähnt, auch die UN-Friedenstruppen, aber mit keiner Silbe geht Stallman darauf ein, in welcher Situation sich die Menschen im Südsudan befanden, ebenso wenig wie auf das potenzielle Machtgefälle zwischen einheimischen Jugendlichen und den Friedenstruppen.

Die Folgen von Stallmans Aussagen

Die besondere Tragik ist hierbei, dass jemand wie Richard Stallman, der die Freiheit so sehr schätzt, dass er seinen Job beim MIT dafür gekündigt hat, nicht wahrzunehmen scheint, dass Äußerungen wie diese die Freiheit einschränken. Das fängt damit an, dass Menschen skeptisch werden und Organisationen wie Unternehmen auf Abstand gehen.

Unterstützer wie Redhat und Suse haben sich bereits zurückgezogen und ihre Unterstützung eingestellt. Wer nach Alternativen zu GNU sucht, kann auf Chimera Linux (verwendet ein BSD-Userland und Gnome) oder BSD-Systeme wie FreeBSD oder NetBSD zurückgreifen. Frauen, die nach wie vor eine Minderheit in der IT sind, werden womöglich durch Stallmans Aussagen abgeschreckt und bewerben sich gar nicht erst.

Stallmans Äußerungen erinnern an eine Bewegung, die in den 1970er Jahren aufkam und die Meinung vertrat, Sex mit Kindern sei in Ordnung, wenn das Kind zustimme. Diese Auffassung setzte sich nicht durch, aber Richard Stallman ersetzte Kinder durch Jugendliche und vertritt diese Meinung daher im Grunde noch immer.

Der Report und der Zeitpunkt der Veröffentlichung

Der jetzt veröffentlichte Report ist nicht der erste Versuch, auf das Problem aufmerksam zu machen. Nach Richard Stallmans Rückkehr zur FSF 2021 wurde auf Github ein offener Brief veröffentlicht, in dem der Rücktritt des Vorstands sowie der Rückzug Stallmans aus sämtlichen Ämtern gefordert wurde. Der Brief ist hier nachzulesen(öffnet im neuen Fenster). Unterschrieben wurde er unter anderem von Mozilla und Gnome sowie von über dreitausend Einzelpersonen.

Richard Stallman und der Vorstand der FSF sind bis heute weder zurückgetreten noch haben sie Stellung zu den Aussagen Stallmans genommen. Gerade dass die FSF sich von Richard Stallman erst getrennt und ihn dann wieder 2021 in den Vorstand gewählt hat, lässt den Schluss zu, dass es Personen in der FSF gibt, die ihn in seinen Ansichten entweder bestärken oder sie zumindest nicht ablehnen.

Der Report wiederholt deshalb die Forderungen des offenen Briefs. Stallman solle sein Stimmrecht verlieren und den Vorstand verlassen. Außerdem empfehlen die Autoren, Stallman als "chief GNUisance" aus dem GNU-Projekt zu entfernen, falls er nicht freiwillig zurücktritt. Darüber hinaus soll eine Neustrukturierung der FSF erfolgen, zu der gehört, dass namhafte Personen im Vorstand ihren Platz räumen.

Auf Nachfrage von Golem.de sagten die Autoren, dass sie den Report veröffentlicht hätten, nachdem auf den offenen Brief nicht reagiert worden sei. Die Verfasser kündigen an, weiterzumachen, bis Veränderungen umgesetzt werden. Sie schrieben uns:

"Stallman was the subject of a public scandal in 2019 and again in 2021, and yet our institutions remain unsafe and he remains venerated and in a position of power. The report today is necessary so long as our community remains unsafe, and the necessity for pressure and action will remain important in the future until our communities can be made safe. It does not matter if it takes another 30 years -- we must continue to call for justice in our community."

("Stallman war Gegenstand eines öffentlichen Skandals im Jahr 2019 und erneut im Jahr 2021, dennoch bleiben unsere Institutionen unsicher und er bleibt in einer geachteten Machtposition. Der heutige Bericht ist notwendig, weil unsere Community weiter unsicher ist, und die Notwendigkeit von Druck und Maßnahmen wird auch in Zukunft wichtig sein, bis unsere Communities sicher gemacht werden können. Es spielt keine Rolle, ob es weitere 30 Jahre dauert – wir müssen weiter Gerechtigkeit in unserer Community einfordern.")

Dem ist nichts hinzuzufügen.


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