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Rich Flu: Tödlicher Reichtum

Eine Seuche geht um, die diejenigen zuerst tötet, die am meisten besitzen. Rich Flu ist ein imposanter Film und unbedingt sehenswert.
/ Peter Osteried
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Je reicher man ist, desto schneller stirbt man. (Bild: Leonine Studios)
Je reicher man ist, desto schneller stirbt man. Bild: Leonine Studios

Ein Mann erzählt davon, dass Menschen nicht mehr an Krankheiten sterben, dass die Überbevölkerung riesige Ausmaße annimmt und ein Algorithmus aussiebt, wer für die Gesellschaft Nutzen hat; alle anderen müssen sterben. Das ist nicht die Handlung von Rich Flu (Kinostart: 12. Dezember), sondern ein Pitch, den ein hoffnungsvoller Autor der Managerin Laura macht.

Die lächelt, zeigt sich begeistert, aber man weiß: Dieser Film wird nicht finanziert werden. Lächeln, Komplimente machen, aber innerlich ist längst alles abgehakt – schon in den ersten Minuten zeigt sich Rich Flu als bissige Satire. Aber der Film ist mehr, auch mehr als ein gewöhnlicher Pandemiethriller. Er kommt mit einer erzählerischen Wucht daher, die der von Civil War ähnelt.

Die Reichen sterben

Erst ist der Papst tot, dann erwischt es Putin, dann auch andere Staatenlenker sowie Milliardäre. Das erste Symptom: strahlend weiße Zähne. Danach geht es ans Sterben. Die Reichen versuchen, ihren Besitz zu verringern.

Sie verbrennen ihre Häuser, sie versenken ihre Jachten, einer ist besonders perfide: der Multimilliardär Snail. Er hat schnell verstanden, was passiert, und Milliarden verschenkt. An Angestellte, denen er Jobs im Wohltätigkeitsbereich gegeben und die er mit umfangreichen Aktienpaketen versehen hat. So wie Laura, die fast eine Milliarde Dollar besitzt.

Man versucht, die Seuche einzudämmen, Vermögende werden interniert. Doch Laura versucht zu fliehen und von London zu ihrer Tochter und ihrem Exmann in Barcelona zu kommen.

Ein Pandemiefilm mit Gesellschaftskritik

Regisseur von Rich Flu ist Galder Gaztelu-Urrutia. Er hat die beiden Der-Schacht-Filme inszeniert, den zweiten auch geschrieben , bei Rich Flu brachte er sich ebenfalls als Autor ein.

Ihn interessieren gesellschaftliche Konflikte, der Kontrast zwischen denen, die alles haben, und den Habenichtsen. Das hat er in seinen früheren Sci-Fi-Filmen gezeigt, und das zeichnet nun auch Rich Flu aus.

Der Wohlstand muss weg

Zu Beginn gibt es die typischen Elemente eines Pandemiethrillers: die ersten Anzeichen, die ersten Symptome, die ersten Nachrichtensendungen. Aber dann geht alles blitzschnell, die Ereignisse überschlagen sich.

Das kennt man aus der Coronapandemie, nur dass die Auswirkungen andere sind. Hier bricht das System zusammen, weil niemand mehr arbeiten und Geld verdienen will, weil keine Firma mehr Aufträge annimmt, weil ein Trickle-Down-Effekt von oben nach unten einsetzt, bei dem es nicht um Wohlstandsmehrung, sondern -minderung geht.

Wenn versucht wird, die Reichen zu isolieren, entstehen intensive Szenen. Davor wurde noch debattiert, wer eigentlich reich ist, die Hauptfigur wähnte sich noch wie Friedrich Merz in der Mittelschicht(öffnet im neuen Fenster) . Als sie das ihrem Assistenten sagt, blickt der sie nur entgeistert an.

Der Zusammenbruch

Das Virus, wenn es denn eines ist, hängt vom Networth der Menschen ab. Das ist abstrus, keine Frage, aber in Hinblick auf die Metaphorik der Geschichte ist das nicht weiter von Belang.

In Rich Flu geht es um die immer weiter klaffende Lücke zwischen Arm und Reich und die Erkenntnis, dass die Vermögenden sich auch in Zeiten der Coronapandemie die Taschen vollstopfen konnten, nun aber nicht mehr unantastbar sind. Es ist eine Form von poetischer Gerechtigkeit, gepaart mit Schadenfreude, die übersieht, dass der Zusammenbruch des Systems letztlich allen schaden wird.

Als Europa brennt, beschließen die Hauptfiguren, nach Afrika zu flüchten. Der Film kehrt um, was in der Realität passiert, zeigt weiße Wohlständler, die alles verloren haben und auf ein besseres Leben andernorts hoffen.

Ob man an den Küsten Afrikas mit einem "Wir schaffen das" willkommen geheißen würde? Jedenfalls erinnert diese Fluchtbewegung an Roland Emmerichs The Day After Tomorrow, wo die Amerikaner vor dem Eis in Richtung Süden fliehen und illegal nach Mexiko emigrieren. Ja, es ist hier wie dort eine Botschaft mit dem Holzhammer. Aber Rich Flu zeigt, dass jeder zum Flüchtling werden kann, wenn die Umstände nur schlecht genug sind.

Die Hauptfiguren werden zu Boatpeople(öffnet im neuen Fenster) , sie landen an der afrikanischen Küste ( "Es ist noch mehr Müll angespült worden" ), sie sind Verzweifelte in einem verzweifelten Land.

Der Film entwickelt hier eine immense Wucht, indem er mit den Bildern spielt, die man aus den Nachrichten kennt – nur dass die Menschen in den Booten andere sind. Damit erreicht Rich Flu eine Wirkung wie die, die Matthew McConaughey als Anwalt in der John-Grisham-Verfilmung Die Jury bewirkt, als er den Geschworenen vom Leiden eines getöteten schwarzen Mädchens erzählt – in aller Ausführlichkeit – und sie dann bittet: "Und jetzt stellen Sie sich vor, sie wäre weiß."

Der Film ist dabei inszenatorisch fast schon einmalig. Im letzten Drittel wird kaum noch gesprochen, die Bilder sprechen für sich, auch und gerade das letzte Bild, mit dem ein Moment der Hoffnung ins Gegenteil verkehrt wird, weil die menschliche Gier niemals endet. Auch nicht im Angesicht einer Seuche, die die Besitzenden sterben lässt.


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