Rezension Thing Explainer: Genialer Aberwitz, der immer wieder süchtig macht
"Wenn man etwas nicht einfach erklären kann, hat man es nicht richtig verstanden", schreibt Microsoft-Gründer Bill Gates in seinem Blog(öffnet im neuen Fenster) über das Buch "Thing Explainer, Der Dinge-Erklärer – Komplizierte Sachen in einfachen Worten" von Autor Randall Munroe. Der XKCD(öffnet im neuen Fenster)-Zeichner will damit explizit erklären, was Dinge machen, nicht wie sie genannt werden. Dafür beschränkt sich Munroe zwar oberflächlich betrachtet völlig unnötig auf die tausend häufigsten Wörter. Der riesige Spaß, den der Autor damit hat, zieht sich aber durch das gesamte Buch und ist ansteckend.
Als kleine Einstimmung dienen die Vorder- und Rückseite des Buches. Der Titel ist zum Beispiel mit den "hilfreichen" Erklärungen "Meine Name" und "Hier steht, was für ein Buch das ist" samt Pfeilen versehen, wobei der Einband auch Ausschnitte aus dem Buch selbst zeigt. Auf der Rückseite ist etwa ein "Stern mit Leuten aus einer Geschichte, die nach einem großen Sandhaufen heißt" abgebildet. Nur wer hier nicht sofort an Dune von Frank Herbert denkt, sollte besser die Finger von dem Buch lassen.
Darin betrachtet der studierte Physiker und ehemalige Nasa-Robotiker Munroe neben der Mondrakete ("Aufsteiger Fünf des US-Raumfahrtteams") allerlei weitere Weltraumtechnik wie etwa die "Wohngemeinschaft im Weltraum" (ISS) oder das "Raumfahrzeug der roten Welt" (Curiosity). Zu den einfach erklärten komplizierten Sachen gehören aber auch Alltagsgegenstände wie die "Box, die Nahrungshalter saubermacht" (Geschirrspüler), verschiedene Arten von "Booten" (Flugzeug, Hubschrauber, U-Boot, Spaceshuttle) oder die uns täglich umgebende Technik wie ein "Faltcomputer", "Handcomputer" oder "Bildermacher".
Stundenlange Internetrecherchen und schwelgen in Kindheitserinnerungen
Schon über die Überschriften muss sich der Leser mitunter den Kopf zerbrechen. Vertieft man sich dann in die aberwitzigen Zeichnungen mit ihren überbordenden Details und teils haarsträubend simplifizierten Erklärungen, fällt es wirklich schwer, das Buch wegzulegen. Und weil die kurzen Texte oft weniger erklären, als der Buchtitel verspricht, spornen sie uns noch mehr als das Buch "What if" aus dem vergangenen Jahr dazu an, uns über das Buch hinaus mit den einzelnen Darstellungen zu befassen. Das führt bei uns noch zu ausufernden Internetrecherchen. Und wir kramen altes und vergessen geglaubtes Wissen aus der Schule oder Uni hervor.
Das beginnt schon mit dem ersten komplexen Ding, der ISS. Dort heißt es zu dem Greifarm: "Dieser Arm wurde in einem Land mit viel Schnee hergestellt. Die Leute dort haben ihn auf ihr Geld gemalt". Wahrscheinlich wissen nur Raumfahrtfans sofort, welcher Staat damit gemeint ist, alle anderen müssen zum Rechner greifen.
Einen geradezu absurden Höhepunkt bildet das Periodensystem, die "Teile, aus denen alles gemacht ist". Mit dessen Beschäftigung allein lässt sich schon ein ganzer Tag füllen. Denn zusätzlich zu Namen wie "rotes Wasser", "Luft, die man für Fotoblitze nimmt", oder "Gold" werden viele Elemente einfach durch eine Kombination aus Bild und Text beschrieben wie "Metall, das nach dieser Gegend heißt" mit dem Umriss von Deutschland oder "Teil von dem hier" neben einem Salzstreuer.
So forciert "Thing Explainer" – wohl sehr bewusst – zahlreiche schöne Erinnerungen an die Nerdkindheit. Wie wir stundenlang im Museum waren, bis der Wachmann uns hinauswarf. Oder unsere Eltern es nicht schafften, uns zu stoppen, wenn wir immer wieder weiterfragten: "Und warum?"
Erwachsenenhumor im Kinderbuchformat
Bilder aus der Kindheit erzeugt auch die Gestaltung von Thing Explainer. Sie ist eine Hommage an die Sach- und Erklärbücher, die hauptsächlich für Kinder im Grundschulalter verlegt werden. Das unhandlich große Format mit Hardcover-Einband und vergleichsweise wenigen Seiten würde so auch gut in die Was-ist-was-Reihe passen. Ein Poster ist beigelegt, das den Aufbau eines Wolkenkratzers darstellt. Ebenso gibt es die von früher wohlbekannten Aufklappseiten.
Die teils riesigen Zeichnungen von Munroe in ihrer typisch minimalistischen Form stehen im Zentrum jeder Erklärung. Sie werden von kurzen Einführungen und Texten begleitet, die etwa einzelne Bauteile erläutern oder relevante Zusammenhänge darstellen: ein Bilderbuch mit Text also. Die behandelten Themen eignen sich bis auf wenige Ausnahmen wohl aber kaum für Kinder. Sie richten sich an Fans der mehr als 1.500 Webcomics von Munroe wie Elektronikbastler oder Naturwissenschaftsfreaks.
Das zeigt sich auch am Ursprung des Buches, einem Webcomic von Munroe, der vor etwa drei Jahren erschienen ist(öffnet im neuen Fenster). Auf Grundlage der originalen Blaupausen der Nasa für die Saturn-5-Rakete wird dort deren Aufbau mit den tausend häufigsten Wörtern erklärt – oder wie Munroe selbst schreibt: mit den "zehn mal hundert Wörtern, die in unserer Sprache am meisten verwendet werden". Die Idee dazu sei ihm beim Prokrastinieren gekommen, sagte Munroe der New York Times(öffnet im neuen Fenster).
Versteckte Gags und Querverweise
Und das Buch eignet sich auch für den Leser zur Beschäftigung beim Prokrastinieren. Denn auch bei mehrmaliger Lektüre lassen sich immer noch neue kleine Witze finden, zum Beispiel die Querverweise, die mehrfach im Buch vorkommen, jedoch nur einmal erklärt werden. Etwa die "Maschinen zum Verbrennen von Städten" oder "Hautvögel", die besondere Formen auf Wetterkarten verursachen, aber laut Lebensbaum keine Vögel sind.
Highlights sind auch die Knöpfe auf der Mikrowelle, die "niemand wirklich braucht", etwa für "Tee", "Katzeneier" oder "Gesichtsbuch" sowie teils abfällige Kommentare, die in einem Sachbuch normalerweise nicht zu finden wären. Die deutsche Übersetzung stammt von Ralf Pannowitsch und Benjamin Schilling und ist sehr gelungen. Ihre Arbeit vergleichen die Übersetzer in einer Nachbemerkung mit "20 Kilometer Sackhüpfen". Es hat sich gelohnt!
Wie der Vorgänger "What If" ist auch "Thing Explainer" schon jetzt ein Bestseller und in den USA in den Top 20 der Amazon-Bestseller-Liste aller Bücher(öffnet im neuen Fenster). In Deutschland führt Munroe die Amazon-Liste fremdsprachiger Fachbücher(öffnet im neuen Fenster) an.
Die deutschsprachige Ausgabe ist bei Knaus erschienen(öffnet im neuen Fenster) und kostet 24,99 Euro.


