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Automatisierung des Geistes

An anderen Stellen fremdeln auch die Autoren offensichtlich mit dem, was sie sehen. Dann werden ihre Sätze so mechanisch wie die Vorgänge, die sie beschreiben, dann wirken ihre Worte steril, ohne plastische Bilder: "Der Trend zum Outsourcen der maschinenintensiven Arbeiten geht immer weiter, das Ausbringen von Pestiziden und anderen Agrarchemikalien wird mittlerweile auch oft in Lohnarbeit erbracht, um Zeit und die Anschaffung der relativ selten gebrauchten Spritzanhänger zu sparen." Das ist sicher korrekt beschrieben, klingt aber nach einer Doktorarbeit in Ingenieurwissenschaft. An solchen Stellen schreiben sie Technologie statt Technik, Kennzahlen statt Zahlen, Steuercomputer statt Computer. Das klingt nach Maschinensprache.

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Kurz und Rieger können anschaulich erklären und schreiben, das haben sie nicht zuletzt in ihrem ersten Buch bewiesen. Was zeigt, wie beeindruckend die besuchten Hochregallager, Druckereien und Raffinerien sein müssen, wenn sich selbst jene, die sich täglich mit Technik befassen, ihrer Komplexität nicht entziehen können.

Es zeigt auch, wie fremd die Fabriken und Maschinen uns geworden sind. Aber nicht nur diese. Im zweiten Teil des Buches beschreiben die Autoren Entwicklungen, die weniger offensichtlich sind als große, vollautomatisierte Fabriken, aber ebenso umwälzend.

Bankberater beraten längst nicht mehr

Kurz und Rieger nennen es die "Automatisierung des Geistes": "Erfahrung, Wissen und Intuition werden durch Software nachgebildet, Statistiken, Optimierungs- und Wahrscheinlichkeitsrechnungen ersetzen die oft eher unscharf begründeten, einfach zu beeinflussenden Entscheidungen des Menschen. (...) Der zuweilen irrationale und unzuverlässige Mensch soll durch die vermeintlich perfekte Maschine ersetzt werden."

Ihre These dazu lautet, dass auch diese Automatisierung längst stattfindet, in Banken, Krankenhäusern, Unternehmen. Deren Werkzeug sind Algorithmen, mathematische Modelle, die Verhalten nachbilden und vorwegnehmen. Wie beim Bankberater, der längst nicht mehr selbst entscheidet, wer einen Kredit bekommt und wer nicht, sondern dem Kunden nur noch vorliest, was der Computer errechnet hat und dessen Job es eigentlich ist, die vom Computer vorgegebenen "Finanzprodukte" zu verkaufen.

Einen Moment lang schauen sie dabei auch in die Zukunft, streifen selbstfahrende Autos, Roboter im Operationssaal und autonome Fluggeräte. Doch geht es ihnen vor allem darum, den Ist-Zustand zu zeigen. Sie kommen zu dem gleichen Fazit wie Lobo und Passig: Jeder Beruf, jede Tätigkeit, wird durch Technik verändert, umgebaut, vielleicht ganz ersetzt.

Manchem mag das als eine eher düstere Zukunft erscheinen, bedeutet es doch für jeden, dass er sich ändern, dass er lernen und somit Mühe aufwenden und mit Enttäuschungen klarkommen muss. Das aber wird sich nicht vermeiden lassen - wenn unsere Umwelt sich ändert, müssen auch wir das tun. Die wesentliche Frage dabei ist lediglich, in welche Richtung die Änderung sich bewegt.

Wer Einfluss haben will, muss Maschinen verstehen

Kurz und Rieger beschreiben kurz, wie so etwas aussehen könnte, dass es bei der Erforschung solcher Systeme darum gehen kann, dass die Maschinen sich wieder mehr auf den Menschen einstellen, dass sie lernen, mit seinen Unwägbarkeiten klarzukommen. "Die Vision der Robotik für die nahe Zukunft ist es, Maschinen zu bauen, die in Werkstätten, Labors, Kleinbetrieben und Pflegeheimen zu Hause sein können. Statt sie umständlich zu programmieren, soll man sie anlernen können, wie man heute einen menschlichen Arbeiter anlernt. Statt auf komplizierte Programmierbefehle sollen sie auf Gesten und Sprache ansprechen. Statt hilflos zu piepen und stehen zu bleiben, wenn etwas schiefgeht oder im Weg steht, sollen sie flexibel, selbstständig und situationsangemessen reagieren. Menschen sollen sich in ihrer Gegenwart wohlfühlen und keine Angst haben."

Doch ist diese Utopie genau das, eine schöne Hoffnung. Dass sie eintritt, ist nicht garantiert. Denn das Ziel der Veränderungen und Optimierungen muss - wie Kurz und Rieger immer wieder erwähnen - von den Betroffenen in jedem Fall neu ausgehandelt werden. Geschieht etwas allein, um Geld zu sparen? Oder vielleicht doch vorrangig, um eine Arbeit zu erleichtern oder um eine Therapie zu verbessern?

Was letztlich heißt: Wenn wir wollen, dass Maschinen und Programme uns unterstützen und nicht dazu dienen, uns auszubeuten, müssen wir diese Maschinen und Programme gestalten. Wir müssen sie dazu also zuerst einmal verstehen. Kurz und Rieger versuchen, ein wenig dabei zu helfen.

 Rezension "Arbeitsfrei": Computerwelt, denn Zeit ist Geld
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kitingChris 20. Okt 2013

Soso komisch nur dass sehr viele mittlerweile zu diesem Ergebnis kommen... Dazu gibts...

ingmardrewing 16. Okt 2013

Das ist auch weniger ein Problem mit der Arbeitswelt - viel interessanter wird vermutlich...

tomGoGo 16. Okt 2013

Schoenes Ding! Ich mag das denken Abseits von den gelehrten Bahnen.

tomGoGo 16. Okt 2013

Dieser Artikel erfreut mich zunehmenst. Ich will das Buch. Ich will nachdenken! Ich finde...

Noppen 15. Okt 2013

Eigentlich geht es überhaupt nicht darum, ob irgendwann, irgendwo, irgendwie etwas besser...


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