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Retropie 3 angetestet: Unkompliziertes Retro-Daddeln auf dem Raspberry Pi

Die neue Retropie-Version bleibt das komfortable Einsteigen-und-Loslegen-Paket für Spielefans. Und es macht Experimente deutlich einfacher - leider.
/ Alexander Merz
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Sailor Moon Super S Fighter (Bild: Alexander Merz/Golem.de)
Sailor Moon Super S Fighter Bild: Alexander Merz/Golem.de

Retropie(öffnet im neuen Fenster) ist eine spezielle Linux-Distribution für das Raspberry Pi, mit der Fans alter Arcade- und Konsolensysteme sowie antiker Betriebssysteme per Emulator auf ihre Kosten kommen. Nur die jeweiligen Spiele und teilweise die notwendigen Betriebssystem-ROMs muss der Spieler selbst parat haben. Bereits beim Erscheinen des Raspberry Pi 2 in diesem Frühjahr haben wir einen Blick auf die Distribution geworfen. Damals wurde sie gerade eilig auf das neue Modell umgebaut. Diesmal liegt unsere Aufmerksamkeit auf den Veränderungen durch den Versionssprung der Distribution von 2.x auf 3.0(öffnet im neuen Fenster) und den Möglichkeiten, die sich daraus ergeben.

Die Installation ändert sich kaum

Am Installationskonzept von Retropie hat sich nicht viel geändert. Entweder werden per Retropie-Setup-Skript alle notwendigen Bestandteile auf eine vorhandene Raspbian-Installation aufgespielt, was allerdings zeitintensiv ist. Oder es wird das fertige Image(öffnet im neuen Fenster) heruntergeladen und auf eine Micro-SD-Karte aufgespielt - was wir auch getan haben.

Beim Starten begrüßt uns ein neuer Startbildschirm und wenige Sekunden später startet Emulationstation, die Oberfläche zum Starten der Emulatoren, aber auch zum Verwalten des Systems. Unser angesteckter Xbox-360-Controller wird sofort erkannt und wir starten per Buttondruck dessen Konfiguration. Sie ist nach einer Minute abgeschlossen und wir landen in der Übersicht der emulierten Systeme.

Das Aussehen und die Bedienung der Übersicht haben sich nicht geändert. Sie zeigt nur jene Systeme, für die es auch tatsächlich Inhalte gibt. Navigiert wird durchgängig per Controller, alternativ auch per Tastatur. Dabei ist aber zu beachten, dass diese wie ein Controller konfiguriert ist: Der A-Button liegt auf der X-Taste, der B-Button auf der Y-Taste, der Select-Button entspricht der rechten Shift-Taste und der Start-Button der Enter-Taste.

Der Controller wird allmächtig

So rufen wir als Erstes das Retropie-Menü auf. In der neuen Version soll sich darüber viel konfigurieren lassen, nicht nur Emulationstation selbst. Wir sind überrascht, denn die Liste der potenziellen Einstellungsmöglichkeiten ist tatsächlich lang. Sie umfasst Einstellungen für Emulationstation, die den meisten Emulatoren zugrundeliegende Retroarch-Installation und für Raspbian selbst. Leider muss der Nutzer selbst wissen, wo er welche Optionen findet - und wozu sie überhaupt gut sind, denn eine Systematik, Hilfestellungen und Hilfstexte fehlen. Allerdings weckt das auch ein wenig unsere Neugier, so kommen wir damit erstmals mit der Netplay-Funktion in Kontakt. Doch dazu später mehr.

Damit unser aufgespieltes Image auf der SD-Karte die komplette Speichergröße ausnutzt, rufen wir per Menü raspi-config auf. Und sind beeindruckt, obwohl sich entgegen unseren Erwartungen kein neues Untermenü in Emulationstation öffnet, sondern tatsächlich das originale Script mit seiner textbasierten GUI. Aber innerhalb dieser GUI können wir weiterhin mit unserem Controller navigieren und auch Aktionen ausführen.

Das Prinzip, dass über das Einstellungsmenü die jeweiligen textbasierten Programme aufgerufen werden, gilt für viele Einstellungen, zum Beispiel auch für die Wifi-Konfiguration. Praktisch überall können wir per Controller arbeiten. Ausnahmen gibt es nur da, wo Text beziehungsweise Zahlen eingegeben werden müssen. Da Retropie (noch) keine virtuelle Tastatur bietet, ist dafür immer noch eine echte Tastatur notwendig. Das ist übrigens auch eine der wenigen Stellen, wo die Tastatur nicht als Controller konfiguriert ist.

Leider funktioniert unser Controller ausgerechnet nicht in Kodi(öffnet im neuen Fenster) . Das Mediencenter-Programm ist inzwischen Teil der Retropie-Installation.

Erstmal spielen

Hängt das Raspberry Pi im Netzwerk, ist es recht einfach, Spiele beziehungsweise Betriebssystem-ROMs zu installieren. Der Rechner stellt die notwendigen Verzeichnisse namens bios (für die Betriebssysteme) und roms (für die Spiele) über SMB als Netzwerkverzeichnisse im Netz zur Verfügung. Innerhalb dieser Verzeichnisse gibt es für jedes emulierte System entsprechende Unterverzeichnisse. Das ist ein Fortschritt gegenüber der Vorgängerversion. Damals wurden die Verzeichnisse teilweise nicht nur nach System, sondern auch nach Emulator-Engine unterteilt.

Alternativ können Spiele-ROMs auch per USB-Stick aufgespielt und automatisch zwischen Stick und Raspberry Pi synchronisiert werden. Dazu muss auf dem Stick ein Verzeichnis retropie auf der obersten Ebene angelegt werden. Beim erstmaligen Einstecken des Sticks erzeugt Retropie die erforderlichen Unterverzeichnisse für alle unterstützten Systeme. Danach wird der Stick wieder entnommen und die ROMs können über einen anderen Rechner darauf kopiert werden. Wieder zurück am Raspberry Pi, werden die ROMs dann automatisch auf das Raspberry Pi kopiert.

Auf welchem Weg auch immer: Befinden sich die ROMs neu auf dem Raspberry Pi, ist erst einmal ein erneuter Start von Emulationstation/Retropie notwendig. Leider erkennt Emulationstation neu installierte ROMs immer noch nicht automatisch oder per Menüauswahl.

Die Ausführung der Spiele selbst ist unspektakulär wie gehabt. Zuerst das System und dann aus einer Liste das Spiel auswählen. Eine Auswahl aus allen Spielen ohne Rücksicht auf das System erfolgt über ein Menü, das per Select-Taste am Controller aufgerufen wird.

Wir testen verschiedene Spiele auf einer Reihe von Systemen, darunter das SNES, N64 und Playstation. Die im Test im Frühjahr angesprochenen Grafikprobleme mit dem N64-Emulator sind weitgehend verschwunden oder lassen sich leicht lösen. Lediglich die sporadisch stockende Audioausgabe bei Starfox und Mario Kart 64 während der jeweiligen Intros können wir nicht beseitigen.

Ansonsten stoßen wir unter anderem mit Crash Bandicot, Sailor Moon Super S Fighter und Asterix & Obelix nirgends auf Grafik- oder Tonprobleme. Sie laufen stets flüssig auf dem Raspberry Pi 2. Das war allerdings auch schon bei der Vorgängerversion von Retropie und dessen Emulatoren so. Auch unser Controller funktioniert stets wie erwartet. Das gilt auch für den USB-Controller(öffnet im neuen Fenster) im Retrolook. Hier müssen wir nur die Tastenbelegung zuerst explizit per Menüaufruf konfigurieren. Danach liefern wir uns im Büro nach Dienstschluss über längere Zeit kollegiale Fights in Mortal Kombat.

Der Controller im Browser

Retropie 3 unterstützt das Virtualgamepad. Dabei handelt es sich um eine Serveranwendung, die in einem Browser einen SNES-ähnlichen-Controller darstellt. Natürlich ist es wenig sinnvoll, den Controller in einem Desktopbrowser per Maus anzusteuern, auf einem Smartphone mit Touchscreen macht es hingegen Spaß. Die Anwendung ist denkbar einfach. Wird die IP des Raspberry Pi im Browser aufgerufen, steht der Controller direkt zur Verfügung und wird wie ein physisch angeschlossener Controller behandelt. Retropie und Spiele können so auch dann gesteuert werden, wenn weder ein echter Controller noch eine Tastatur am Raspberry Pi hängen.

Eine leichte Verzögerung zwischen dem Browser und der Umsetzung der Eingabe können wir feststellen. Wesentlich problematischer ist aber die offenbar eingeschränkte Fähigkeit des Chrome-Browsers, auf einem Android-Smartphone Touch-Eingaben in sehr kurzer Folge zu verwerten. Im Kollegenduell bei Mortal Kombat verwenden wir das Smartphone probeweise als zweiten Controller - und der Kollege mit dem Smartphone hat gegen einen Kollegen mit einem echten Controller nur wenig Chancen. Das grenzt den Einsatzzweck des Virtualgamepads erkennbar ein.

Die Theorie: Spielen übers Netz

Eine andere Möglichkeit, nicht allein zu spielen, ist Netplay. Damit werden selbst uralte Konsolenspiele für zwei Spieler netzwerktauglich. Der Trick von Netplay ist sehr einfach: Auf jedem der beteiligten Rechner läuft die Emulation des jeweiligen Spiels, Netplay kümmert sich um die Synchronisation des Bildes und der Benutzereingaben zwischen den beiden Emulationen.

Wir würden gerne darüber berichten, wie gut oder schlecht das effektiv funktioniert - nur ist es uns leider nicht gelungen, auch nur ein Spiel mit Netplay zum Laufen zu bekommen.

Die Konfiguration über das Retropie-Menü ist schnell erledigt. Einer der Rechner wird als Host/Server definiert, der andere als Client. Der Client benötigt zusätzlich noch die Angabe der Host-IP. Eventuell muss der Port noch eingetragen werden.

Jetzt steht aber die Frage im Raum, wie auf dem Server das Spiel im Netplay-Modus gestartet wird. Unser Versuch, irgendeine Art von Dokumentation zu Netplay auf dem Retropie oder unter Retroarch im Allgemeinen zu finden, scheitern. Üblicherweise wird nur das Konfigurationsmenü beschrieben.

Die Praxis ernüchtert

Eher durch Zufall stoßen wir auf die Option zum Start. Sie befindet sich im Konfigurationsmenü für den Emulator, das aufgerufen werden kann, wenn ein Spiel gestartet wird. Der Spieler hat nach dem Aufruf des Spiels aus Emulationstation heraus etwa eine Sekunde Zeit, den A-Button zu drücken, dann erscheint das Menü. Der Zufall spielt dabei insofern eine Rolle, als der Emulator Netplay unterstützen muss. Nur in dem Fall wird die Option auch angeboten. Leider ist weder irgendwo übersichtlich dokumentiert, welcher Emulator es unterstützt, noch wird der Nutzer irgendwie darauf hingewiesen, bevor er das Spiel startet. Hier hilft nur ausprobieren.

Wird das Spiel im Netplay-Modus gestartet, passiert erstmal gar nichts - der Server wartet darauf, dass sich ein Client mit ihm verbindet. Das tun wir schließlich auch, mangels eines zweiten Raspberry Pi 2 im Büro nutzen wir dafür einen Mac mit Retroarch(öffnet im neuen Fenster) . Das sollte in der Theorie funktionieren, denn Netplay ist auch in Retropie eine Retroarch-eigene Funktion.

Wir konfigurieren das Mac-Retroarch als Client und starten das Spiel mit der gleichen ROM-Datei und dem vermeintlich identischen Emulator wie auf dem Raspberry Pi 2. Beim Start erhalten wir dann allerdings die Meldung, dass Netplay deaktiviert wurde. Wir probieren weitere Spiele wie auch Emulatoren aus, stets mit dem gleichen Ergebnis. Auf der Suche nach der Fehlerursache finden wir heraus, dass der Hinweis, dass identische ROM-Dateien und vor allem identische Emulatoren (bei Retroarch Cores genannt) verwendet werden sollen, sehr ernst genommen werden sollte. Bereits kleinere, plattformbedingte Unterschiede bei den Versionen der Emulatoren scheinen dazu zu führen, dass es scheitert.

Effektiv ist damit Netplay wenig alltagstauglich. Denn es funktioniert faktisch nur dann problemlos, wenn beide Nutzer identische Plattformen benutzen. Von weiteren Netplay-Experimenten haben wir deshalb, auch aus Zeitgründen, erst einmal abgesehen.

Mehr Experimente wagen

Das oben erwähnte Konfigurationsmenü beim Start eines Spiels beziehungsweise Emulators bietet eine ganze Reihe weiterer Einstellmöglichkeiten. Es können der zu benutzende Emulator für ein System und die Videoauflösung festgelegt werden, sowohl bezogen auf das spezifische Spiel als auch allgemein. Die Einstellungen werden in den jeweiligen Konfigurationsdateien gespeichert und bei zukünftigen Starts beachtet.

Auf diese Weise gelingt es uns auch, einen Grafikfehler bei Mario Kart 64 in kurzer Zeit zu beseitigen. Beim standardmäßig eingestellten lr-mupen64plus -Emulator für das N64 werden die Bitmap-Grafiken im Menü fehlerhaft dargestellt. Nachdem wir mit zwei Klicks im Menü zum mupen64plus-gles2n64 -Emulator gewechselt haben, werden die Grafiken korrekt dargestellt, auch die 3D-Darstellung im Spiel wirkt einen Tick besser.

Tippen statt Klicken

Eine andere Möglichkeit, Einfluss auf die Konfiguration der Emulatoren und von Retropie zu nehmen, besteht in der direkten Manipulation der Konfigurationsdateien. Tatsächlich besteht der Hauptgrund für den Versionssprung von Retropie 2.x auf 3.0 darin, dass nunmehr die Konfiguration einheitlich organisiert ist, unabhängig vom System und den dahinterstehenden Emulatoren.

Diese Dateien können direkt auf dem Raspberry Pi bearbeitet werden. Über das Retropie-Menü von Emulationstation beziehungsweise das Startmenü eines jeden Spiels kann ein Editor mit der entsprechenden Konfigurationsdatei aufgerufen werden.

Als viel komfortabler empfinden wir aber die Bearbeitung über einen Desktopcomputer. Das Konfigurationsverzeichnis config steht ebenfalls als Netzwerkverzeichnis zur Verfügung. Die Basiseinstellungen für Retroarch, die Emulatoren und Emulationstation befinden sich im All -Verzeichnis. Spezifische Einstellungen für die jeweiligen Systeme und die dazugehörigen Spiele finden sich in den entsprechenden Unterverzeichnissen mit dem Namen des Systems. Konfigurationen in diesen Dateien überschreiben die Basiseinstellungen.

Experimente ohne Sicherheitsnetz

Je mehr wir uns aber in die Konfigurationsdateien vertiefen, Emulatoren austauschen, an Tastenbelegungen herumspielen und versuchen, die optimale Auflösung für das jeweilige Spiel auf unserem Fernseher zu ermitteln, desto öfter verheddern wir uns auch, bis hin zu komplett kaputtkonfigurierten Systemen. Hier machen sich zwei Dinge negativ bemerkbar: Retropie hat kein Sicherheitsnetz und es fehlt zu häufig an Dokumentation.

Werden Konfigurationsdateien per Menü bearbeitet, legt Retropie teilweise Sicherheitskopien der zu ändernden Datei an. Allerdings ist nicht immer klar, welche Datei durch ein Menü verändert wird - und ein Undo-Knopf fehlt. Es empfiehlt sich deshalb, das Konfigurationsverzeichnis einmal komplett zu speichern, bevor es ans Experimentieren geht.

Die fehlende Dokumentation ist eigentlich noch nicht einmal Retropie selbst geschuldet. Es schnürt aus den einzelnen Bestandteilen Emulationstation, Retroarch, diversen weiteren Emulatoren und Programmen "nur" ein Gesamtpaket. Und bei diesen Bestandteilen ist der Dokumentationsstand zuweilen schon fragwürdig. Zwar versucht Retropie, durch die Namen der Konfigurationsoptionen in den Dateien und entsprechenden Kommentaren wenigstens ansatzweise Hilfestellungen zu geben. Aber weitergehende Informationen fehlen häufig und sind auch auf der Webseite eher schlecht strukturiert oder verlinkt. So springen wir oft zwischen den Webseiten von Retropie und Retroarch mit seinen Emulatoren hin und her, ohne danach schlauer zu sein.

Fazit

Auch wenn der letzte Teil des Artikels eher einen negativen Eindruck erweckt, es ist doch eher Jammern auf hohem Niveau. Wer einfach nur allseits bekannte Spiele auf allseits bekannten Konsolen mit allseits bekannten Controllern spielen will, kann das mit großer Sicherheit ohne Konfigurationsaufwand tun. Treten kleinere Probleme auf, so reicht zumeist die Auswahl eines alternativen Emulators für das jeweilige System, um sie zu beheben. Retropie ist weiterhin eine gute Wahl für Retrogaming-Einsteiger auf dem Raspberry Pi 2.

Wer bereits ein lauffähiges Retropie-System hat, mit seinen Spielen zurechtkommt und keinen der neuen, eventuell experimentellen Emulatoren ausprobieren will, muss nicht unbedingt updaten. Bei den bestehenden Emulatoren selbst hat sich nicht viel getan. Die einzige Ausnahme betrifft die N64-Emulatoren, sie haben einen deutlichen Sprung gemacht.

Von einem Update profitiert noch am ehesten, wer an der Konfiguration drehen will oder muss. Dem kommt die überarbeitete und vereinheitlichte Konfigurationsstruktur zugute. An dieser Stelle setzt aber auch unsere Kritik an: So praktisch der direkte Zugang zu den vielfältigen Konfigurationsmöglichkeiten ist, er sollte auch mit einer entsprechenden Dokumentation einhergehen. Das dürfte vor allem deshalb umso dringlicher werden, da in früheren Versionen den Nutzern zuweilen gar nicht bewusst war, an welchen Schrauben sie überhaupt drehen konnten.


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