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Retrogaming: Wie Sonic auf den C64 kam

Warum er 64 KByte an Code übersetzte und wieso das Spiel nicht auf einem normalen C64 laufen kann, erklärte uns der Programmierer des Retro-Projektes.
/ Martin Wolf
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Sonic läuft nur mit Speichererweiterung auf originaler Hardware. (Bild: Montage: Golem.de)
Sonic läuft nur mit Speichererweiterung auf originaler Hardware. Bild: Montage: Golem.de

Andreas Varga ist hauptberuflich Entwickler für ein großes Spielestudio. In seiner Freizeit beschäftigt er sich mit dem C64 und hat ein beeindruckendes Portfolio an Produktionen vorzuweisen(öffnet im neuen Fenster) .

Sein letztes Projekt ist die Umsetzung der Master-System-Version von Sonic für Commodores 8-Bit-Heimcomputer(öffnet im neuen Fenster) . Was sich zunächst nicht so sonderlich kompliziert anhört, ist in Wirklichkeit eine Meisterleistung: Da die Hardware der beiden Systeme komplett verschieden ist, musste der gesamte Code übersetzt werden.

Das fertige Spiel benötigt eine Speichererweiterung(öffnet im neuen Fenster) , es läuft also nicht auf einem Standard-C64.

Golem.de: Wie ist Ihre Herangehensweise an eine solche Portierung?

Andreas Varga: Ich übernehme als erstes die Logik des Spiels. Die ist eigentlich plattformunabhängig. Ich könnte mir natürlich selbst überlegen, wie die Steuerung und das Springen funktionieren und die ganze Mechanik selbst implementieren. Aber was dabei herauskommt, fühlt sich nicht richtig an.

Gewisse Sachen sind sehr schwer zu beschreiben, wie man das Springen, die Beschleunigung und das Laufen empfindet. Das kann man echt schwer quantifizieren. Mathematisch gesehen machen die beiden Programme jetzt genau dasselbe. Es kommen dieselben Werte raus in den Berechnungen - und somit fühlt das Spiel sich ganz genauso an wie die Vorlage.

Sonic C64 - Gameplay
Sonic C64 - Gameplay (08:52)

Golem.de: Die beiden Prozessoren haben ja unterschiedliche Taktfrequenzen - das Master System läuft mit 4 Mhz, der C64 nur mit 1 Mhz. Das macht es komplizierter, oder?

Varga: Der Z80(öffnet im neuen Fenster) des Master System braucht pro Befehl mehr CPU-Zyklen als der 6502(öffnet im neuen Fenster) des C64, das gleicht sich oft aus. Der wesentlichste Unterschied ist, dass das Master System frei scrollen kann. Das heißt, man kann den Bildschirm frei verschieben. Beim C64 kannst du nur acht Pixel verschieben und danach musst du dann alles ein Zeichen weiter kopieren. Diese Restriktionen haben dazu geführt, dass ich mich dazu entschlossen habe, die REU zu verwenden, die die Grafik eben sehr schnell aus dem Speicher kopieren kann.

Somit ist das Scrolling in der Geschwindigkeit nicht mehr limitiert. Und das ist zum Beispiel in den Bonuslevels sehr hilfreich. Die meisten Spiele scrollen auf dem C64 nur in acht Richtungen: horizontal, vertikal und dann in 45-Grad-Winkeln. Aber bei Sonic kann es passieren, dass man in eine Kurve springt und der Bildschirm folgt. Das ergibt dieses sehr weiche, sehr angenehme Scrolling in einer sehr hohen Geschwindigkeit. Das fühlt sich nach Konsole an, das fühlt sich nach starker Hardware an und das ist auf dem C64 unüblich.

Sonic ist mehr als nur springen und Ringe sammeln

Golem.de: Gab es Herausforderungen, die Sie überrascht haben?

Varga: Ja, dass es so viele verschiedene Arten von interaktiven und dynamischen Objekten im Spiel gibt. Das beinhaltet die ganzen Gegner, aber auch so Sachen wie verschiedene Arten von Plattformen und Türen und Schalter und Fallen und feuerspeiende Drachen. Es gibt so viele kleine Details im Spiel, die alle implementiert werden müssen. Am Anfang war meine Vorstellung: das ist Sonic, da springt man und sammelt Ringe ein und dann gibt es eine Handvoll Gegner.

Aber am Schluss habe ich dann herausgefunden, dass es über 80 verschiedene Arten von Gegnern gibt, die alle ihr eigenes Verhalten, ihre eigene Logik haben. Diese Liste habe ich dann abgearbeitet: 30 von 80, 40 von 80! Einfach um zu sehen, dass es Fortschritt gibt. Ansonsten hätte ich vermutlich die Lust verloren.

Golem.de: Was motiviert Sie überhaupt, so ein Projekt zu machen?

Varga: Ich entwickle beruflich für moderne Konsolen, aber da bin ich halt nur ein kleiner Teil eines großen Ganzen. Bei den C64-Sachen habe ich die volle Kontrolle und kann alles selbst planen. Ich kann mir Zeit lassen - und es dauert manchmal auch lange. Mit Sonic habe ich im Mai 2019 angefangen. Insgesamt waren es dann zweieinhalb Jahre.

Golem.de: Haben Sie auf originaler Hardware entwickelt?

Varga: Nein, entwickelt habe ich natürlich auf einem Emulator. Das ist heutzutage Standard. Aber ich habe noch echte C64 hier stehen mit Floppy-Laufwerken, einer Festplatte und natürlich auch einer SuperCPU(öffnet im neuen Fenster) und der Speichererweiterung. Ich fühle mich da auch nicht als Teil einer Retrowelle. Für mich gab es eigentlich nie einen Zeitpunkt, wo ich diese Sachen im Keller habe verstauben lassen, sondern das stand hier immer auf dem Schreibtisch.

Grafik und Sound wurden überarbeitet

Golem.de: Neben Code und Logik gibt es ja noch mehr Elemente, haben Sie die auch selbst umgesetzt?

Varga: Am Anfang habe ich die Grafik selbst konvertiert, damit ich was in der Hand habe, um das Spiel laufen zu lassen, um es wirklich spielen zu können. Später hat sich Oliver Lindau(öffnet im neuen Fenster) , einer der besten C64-Grafiker, bereiterklärt mitzumachen und die Grafiken alle komplett zu überarbeiten.

Die Musik hat ein Bekannter von mir(öffnet im neuen Fenster) aus Schweden übernommen. Alle Songs von Sonic wurden neu in einem C64-Musikprogramm erstellt - er hat sehr auf die Details geachtet.

Mit dem C64 ins Internet - Tutorial
Mit dem C64 ins Internet - Tutorial (01:46)

Golem.de: Bei solchen Umsetzungen können Probleme mit den Rechteinhabern entstehen - hat Ihnen das Sorgen bereitet?

Varga: Mir ist persönlich kein Fall bekannt, dass jemand, der ein Fan-Remake gemacht hat, verklagt wurde. Dass da was passiert, ist meiner Meinung nach ziemlich unrealistisch, solange man das nicht kommerziell verwertet.

Sega ist da ja auch traditionell entspannt. Es gibt zum Beispiel die Sonic Amateur Games Expo(öffnet im neuen Fenster) , eine Online-Konferenz, wo alle Leute, die an Sonic-Spielen oder von Sonic inspirierten Sachen arbeiten, ihre Projekte präsentieren können.

Golem.de: Welche kommenden Projekte für den C64 finden Sie spannend?

Varga: Demnächst kommt wahrscheinlich Eye of the Beholder(öffnet im neuen Fenster) . Das ist technisch sehr aufwendig und grafisch beeindruckend. Eines hat sich meiner Meinung nach in den letzten Jahren wirklich gezeigt: die Leute trauen sich, große Sachen zu bauen. Das ist mit den heutigen technischen Mitteln möglich, weil die Plattform, auf der man arbeitet, sich nicht verändert hat, aber C64 lässt sich mit modernen Tools besser ausreizen.

Golem.de: Was machen Sie als nächstes?

Varga: Noch ist nichts nichts spruchreif, aber es ist ein großes Projekt. Es kann trotzdem sein, dass es wieder ein paar Jahre lang auf Eis liegt, weil ich zwischendurch an etwas anderem arbeite. Für mich ist es aber wichtig, so ein Projekt nicht vorher öffentlich zu präsentieren. Wenn ich die Lorbeeren vorher kassieren kann, geht für mich die Motivation komplett verloren.

Golem.de: Vielen Dank für das Gespräch!


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