Retro-Netzwerk: Der Tilde.Club erstellt Webseiten wie in den Neunzigern

Die Mitglieder des Netzwerks Tilde.Club bauen Webseiten im Stil der Neunziger - das Netz ist hingerissen. Über eine Idee, die das vielleicht Beste ist, was im Internet seit langem passiert ist.

Artikel veröffentlicht am , Johannes Kuhn/Süddeutsche.de
Website eines Tilde.Club-Nutzers
Website eines Tilde.Club-Nutzers (Bild: Tilde.club)

Programmierer und Autor Paul Ford hat nur das getan, was das World Wide Web so großartig gemacht hat: Er hat etwas gebastelt. Ohne Hintergedanken und besonderen Zweck.

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Tilde.Club ist kein Facebook-Killer, vielleicht nicht einmal ein soziales Netzwerk. Ford hat einfach einen Server gemietet und seinen Twitter-Followern Zugang zum Webspace angeboten, um dort etwas hochzuladen. Betrunken sei er gewesen, schrieb er später, vielleicht aber auch etwas nostalgisch: Das Tilde-Zeichen (~) ist ein Signal aus den Frühzeiten des Webs, das meist Nutzernamen vorangestellt war, die auf einem Server Speicherplatz hatten (hier eine detailliertere Erklärung).

Fords Initiative ging durch die Decke: Was dort passiert, ist vergleichbar mit der Frühphase des Webs, sozusagen den Jahren nach dem Urknall. Hunderte wollten Zugänge und begannen unter ihrem kleinen Webspace (tilde.club/~Nutzername), Seiten zu basteln - und das, obwohl die Bedienung wie in der Frühzeit des WWW nur über Kommando-Zeilen möglich ist.

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Private Blogs, natürlich im html-Retro-Stil

Mashups aus Youtube-Musikstücken

Endlosschleifen-Gifs

Außerdem gibt es inzwischen Übersichten über jüngst aktualisierte Seiten und einen Webring, jene zufällige Verbindung von Seiten, die in den Neunzigern vor Verzeichnissen und Suchmaschinen die Weiten des Netzes erkundbar machte. Das Netz überschüttete Ford mit Lob, ein Unbekannter schob ihm 24 Dollar unter der Wohnungstür durch.

Man könnte das als Retro-Reiz abtun, doch es steckt mehr dahinter. Was Tilde.Club so erfrischend macht, ist das Fehlen eines Zwecks: Es ist einfach ein Ort, an dem Menschen das Web bevölkern. "Es gibt kein Geschäftsmodell, keine Relevanz für Marken und nichts zu optimieren", schreibt Ford, "die Seite konkurriert mit nichts - weil es ein einfacher Computer ist wie Millionen von anderen."

Die Freiheit der Zwecklosigkeit

Menschen, die etwas hochladen und ein loses Netzwerk ohne Zweck bilden. Das ist wenig und gleichzeitig ziemlich viel in einer Zeit, in der es um Geschäftsmodelle und Marktmacht geht, in der uns jede Seite ein "Besuch' mich und komm bald zurück" entgegenschreit und unsere Handlungen längst den Regeln der Aufmerksamkeitsökonomie genügen. In der eine Facebook-Alternative wie Ello nicht einmal mehr Dezentralität anbietet, sondern nur einen vermeintlich anderen Umgang mit den Nutzerdaten.

In den Neunzigern hätte Fords komplettes Netzwerk Tausende von Dollar gekostet, im Zeitalter des Cloud Computing nur noch einen zweistelligen Betrag. Die Bedingungen, etwas im Web zu basteln, sind also so gut wie nie. Startups wissen das, doch die Nutzer schrecken vor den technischen Hürden zurück, begeben sich in ihrer Bequemlichkeit in die Welt der Großunternehmen, wo sich alles zusammenklicken lässt. Identität, und das ist vielleicht der größte Verlust der vergangenen 25 Jahre, definiert sich im Web längst nicht mehr über Unabhängigkeit.

Nun wird Tilde.Club kein Startschuss für eine neue Do-it-yourself-Bewegung im Web sein (derzeit gibt es aufgrund der hohen Nachfrage einen Aufnahmestopp). Aber das kleine Projekt ist eine Erinnerung. Daran, was das Internet einst war - und was es im Kern immer noch ist: Verbundene Computer, die Menschen zusammenbringen.

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phre4k 26. Okt 2014

Schaut euch mal um. Ich bin dabei und finde es bis jetzt ziemlich cool. Ist halt nichts...

Walfleischesser 22. Okt 2014

Eine Hashtag-Taste gibt es nicht. Auf der Taste findet man eine Raute (d) bzw. einen hash...

zufälliger_Benu... 20. Okt 2014

Ach, in Berlin findet sich bestimmt irgendein BWL-Student, der dann Geld auf Kickstarter...

KritikerKritiker 20. Okt 2014

Was beim veröffentlichten Inhalt vieler User auch heute noch ausreichen würde.

KritikerKritiker 19. Okt 2014

Hehe, gut erkannt. Und davon können die auch noch (gut) leben :D



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