Relayr: Rückstandsglaube als Startup-Vorteil
Relayr wollte mal unser Leben vernetzen. 2013 gegründet, baute das Berliner Unternehmen dafür Sensoren, die unsere Umgebung mit dem Internet verbinden sollten: einen Bewegungssensor, der verrät, wenn jemand vor der Tür steht. Einen Feuchtigkeitssensor, der sich meldet, sobald die Büropflanze Wasser braucht. Einen Temperatursensor, der Bescheid gibt, wenn das Wasser kocht.
Das klingt nach einer überflüssigen Spielerei: Wer vor der Tür steht, klingelt, die Palme neben dem Rechner senkt bei Durst die Blätter oder wird braun und dass das Wasser in den nächsten Minuten blubbert, sobald ich es im Topf auf den Herd stelle: logisch. Wie mit etwas Geld verdienen, was allenfalls Tüftlerinnen und Tüftler anspricht?
Die Geschichte von Relayr hätte leicht hier auserzählt sein können. Doch vor ein paar Wochen verkündete Geschäftsführer Josef Brunner: Das einstige Startup wird übernommen, vom milliardenschweren Versicherungskonzern Munich Re. Und das zum beachtlichen Unternehmenswert von 300 Millionen US-Dollar – einer der teuersten Startup-Verkäufe in Deutschland überhaupt.
Angefangen hatte Relayr als Crowdfunding. Die Wunderbar war das Produkt. Was aussah wie ein Schokoriegel, war gefüllt mit Elektronik statt mit Nougat: WLAN-Modul, Geräuschdetektor, Feuchtigkeitsmesser und ein paar weitere Sensoren. Die Zielgruppe: Softwareentwicklerinnen und -entwickler. Die sollten dann sinnvoll damit experimentieren, um Menschen noch näher mit den Dingen, die sie umgeben, zu vernetzen. Sogar ein Elektronikmarkt nahm die Riegel ins Sortiment.

Doch die Idee blieb nischig. Und Relayr wäre vielleicht wieder verschwunden, wenn nicht Josef Brunner 2015 die Geschäftsführung übernommen und gemeinsam mit den Gründern entschieden hätte, das Geschäftsmodell zu wechseln. Anstelle von Alltagsgeräten stattet das Unternehmen mittlerweile Fabriken und Maschinen von industriellen Großkunden mit Sensoren aus. So betreut Relayr zum Beispiel die Kaffeemaschinen der Firma La Marzocco, die hauptsächlich in Cafés stehen. In den Geräten messen Sensoren Temperatur und Pfeifgeräusche, um festzustellen, wann einzelne Bauteile ausgetauscht werden müssen – und das, bevor sie kaputtgehen. Mit dieser frühzeitigen Wartung, dem Predictive Maintenance, sollen Unternehmen viel Geld sparen können. Und es ist der Bereich, in dem die anfänglichen Wunderbar-Sensoren gebraucht werden.
Mit dem neuen Geschäftsmodell sicherte sich Relayr mehr als 60 Millionen US-Dollar an Investitionen. Zu den Geldgebern gehörten der amerikanische Risikokapitalgeber Kleiner Perkins, die Telekom und eben auch die Rückversicherung Munich Re.
Relayr profitiert vom Hinterherhinken
Der Erfolg von Relayr hat aber noch einen weiteren entscheidenden Baustein. Deutschland, gerade vom Weltwirtschaftsforum zum innovativsten Land der Welt(öffnet im neuen Fenster) bestimmt, haftet ein Stigma an: Ausgerechnet in Sachen Digitalisierung hinken Firmen, ja die Gesellschaft hinterher(öffnet im neuen Fenster) , heißt es immer wieder. Relayr profitiert davon. Denn Unternehmen, die noch nicht auf das Internet vorbereitet sind, brauchen Hilfe. Und genau die kann Relayr bieten.
Wie schlecht es um die Digitalisierung bestellt ist (und wie groß dementsprechend das Marktpotenzial von Relayr), verdeutlichen zwei Indizes: Im europäischen Vergleich sieht der EU-Digitalisierungsindex Desi Deutschland als mittelmäßig digitalisiert(öffnet im neuen Fenster) . Der Wirtschaftsindex Digital, den das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim für das Bundeswirtschaftsministerium erhebt, gibt der deutschen Wirtschaft 54 von 100 möglichen Punkten(öffnet im neuen Fenster) . Die Industrie liegt dabei mit 45 Punkten noch hinter der Gesamtwirtschaft. Viele Firmen sind schlicht noch nicht auf vernetzte Geschäftsmodelle vorbereitet – gerade in der Industrie. Immerhin sei das Bewusstsein in den Unternehmen dafür in den vergangenen zwei Jahren gestiegen, sagt Irene Bertschek, die Leiterin des Forschungsbereichs Digitale Ökonomie am ZEW und eine der Autorinnen der Studie. War 2016 noch fast die Hälfte der Industrieunternehmen der Ansicht, dass Digitalisierungsprojekte gar nicht notwendig seien, fanden das 2018 nur noch 29 Prozent.
Digitaler Industriestandort Deutschland?
Spätestens, seit der Hype-Begriff Industrie 4.0(öffnet im neuen Fenster) überall zu lesen ist, wird genau darauf geschaut, wie digital Unternehmen wirklich sind. Auch wenn nicht immer klar ist, was sich dahinter verbirgt. Ein Onlineshop, Maschinen mit LAN-Kabel, ein Tablet für jede Mitarbeiterin? "Hauptsache digital" , heiße es oft. Das liege auch am größer gewordenen öffentlichen Druck, sagt Irene Bertschek.
Denn die Industrie ist wichtig für Deutschland – und das seit Jahren nahezu unverändert(öffnet im neuen Fenster) . Noch erlangt sie Spitzenpositionen, schafft Arbeitsplätze, steigert den Konsum, weil sich Leute etwas leisten können. Doch wenn mangelnde Digitalisierung hier die Gewinne kaputt macht, könnte das zum Problem für die Bundesrepublik werden. Relayr will offenbar der Retter sein: "Ich glaube, dass wir in Deutschland gerade an einem Wendepunkt sind" , sagt Relayr-CEO Brunner. Während bei sozialen Netzwerken, im E-Commerce, beim Videostreaming oder bei Suchmaschinen, in allen eher für private Nutzerinnen und Nutzer interessanten Bereichen amerikanische Unternehmen dominieren, könnte das in der Industrie anders aussehen. "Die Deutschen haben weltweit eine sehr gute Reputation auf die Industrie bezogen, das hilft uns sehr" , sagt CEO Brunner.
Vorausgesetzt, es wird in die Digitalisierung investiert und sie wird auch umgesetzt – dann versprächen sich die Unternehmen davon große Vorteile, sagt die Forscherin Bertschek. Prozesse könnten optimiert werden, Kosten reduziert, Produkte verfeinert. Alles Dinge, die Relayr erkannt hat: Mit dem Verbau von Sensoren können Maschinen frühzeitig gewartet werden. Wartezeiten für Reparaturen und mögliche Produktionsausfälle ließen sich so reduzieren oder ganz vermeiden. "Wenn sich deutsche Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil in Sachen Digitalisierung verschaffen wollen, funktioniert das am ehesten über die Industrie" , sagt auch Irene Bertschek vom ZEW.
Nicht trotz, sondern wegen der Digitalisierung so erfolgreich
Relayr, so scheint es, ist nicht trotz Deutschland so weit gekommen, sondern wegen Deutschlands Digitalisierung. Das perfekte Narrativ. Eigentlich. Denn die Digitalisierung in der Industrie sei besser, als oft behauptet werde, sagt Sabine Pfeiffer(öffnet im neuen Fenster) , Professorin für Soziologie an der Universität Erlangen-Nürnberg. "Es geht dabei ja um Know-how für Produktions- und Fertigungstechnologie. Und da ist die deutsche Industrie, vor allem der Maschinenbau, längst vornedran." Brauchen Unternehmen Dienstleister wie Relayr also überhaupt? Das entscheidet sich auch daran, was mit den in den Maschinen gewonnenen Daten angefangen wird. "Um zu verstehen, ob es echte Zusammenhänge in den Daten gibt, braucht es Verständnis für die konkreten Prozesse, die in der Maschine oder Anlage ablaufen. Das kann die Industrie selbst besser als irgendein Startup ohne Erdung in der Produktion" , sagt Pfeiffer. Weil es sich oft um sensible Daten handele, teilten Unternehmen sie nur ungern mit externen Dienstleistern, die auch für die Konkurrenz arbeiteten.
Das spricht gegen das Konzept Relayr. Immerhin könnte die Übernahme durch Munich Re – ein Unternehmen aus dem eher als konservativ geltenden Versicherungsmarkt – dem Unternehmen Vertrauen einbringen.
Relayr entwickelt sich ständig weiter, so wie schon einst nach der Erfindung der Wunderbar. Der größte Teil der Firmenprojekte hänge nur noch am Rande mit Sensoren zusammen, etwa 80 Prozent der Kundenprojekte drehten sich um neue digitale Geschäftsmodelle, sagt Brunner. Dahinter stecken "Everything as a service"-Modelle als neuartige Dienstleistungen: zum Beispiel ein Druckmaschinenhersteller, der seine Maschinen nicht mehr an Druckereien verkauft, sondern die Kunden künftig pro gedruckte Seite abrechnet. Insbesondere langfristig ist das ein lohnenswertes Geschäft – auch für Relayr. Denn außer der technischen Verwaltung gibt es noch andere smarte Möglichkeiten: Die Druckmaschine könnte zum Beispiel selbstständig Farbe und Papier bestellen, bevor die Vorräte zur Neige gehen.
Klingt also wieder nach Vernetzen, die Idee, mit der auch die Wunderbar unser Leben verbessern wollte. Nur statt mit einem Schokoriegel jetzt mit 300 Millionen Dollar in der Tasche.
- Anzeige Hier geht es zu den aktuellen Blitzangeboten bei Amazon Wenn Sie auf diesen Link klicken und darüber einkaufen, erhält Golem eine kleine Provision. Dies ändert nichts am Preis der Artikel.