Regt euch richtig auf: Natürlich baut Nvidia weiter Produkte für Menschen
"In der Vergangenheit haben wir CPUs für Menschen gebaut. Wir brauchen CPUs für Agenten" – über diese Aussage von Nvidia-CEO Jensen Huang wird in Fachmedien heiß diskutiert. Nvidia habe endlich zugegeben, dass ihnen Menschen eigentlich egal seien. Für sie entwerfe man keine Produkte mehr.
Ganz ehrlich: Mir ist die Aussage, die einige so in Rage bringt(öffnet im neuen Fenster), gar nicht größer aufgefallen. Denn zum Aufreger wird sie erst, wenn sie aus dem Zusammenhang gerissen und übertrieben wird.
Sie fiel, als Huang die Vera-CPU vorstellte. Es ging um deren Architektur, und die ist für ein bestimmtes Einsatzszenario entworfen, eben KI-Agenten. Der Fokus liegt auf Speicherbandbreite und hoher Bandbreite zwischen den CPU-Kernen. Und das ist eben nicht für jeden Anwendungsfall die sinnvollste Auslegung.
Prozessoren werden für Workloads entworfen
Klassische, für die Interaktion mit Menschen ausgelegte Software wie Web-Server laufen mit anderen Architekturen effizienter. Nicht ohne Grund gibt es die E-Core-Xeons von Intel, die Epycs mit der Kompaktvariante der Zen-Kerne oder die ARM-CPUs von Ampere Computing. Alle entwerfen ihre Prozessoren für bestimmte Workloads.
Die Aussage war sicher unglücklich, aber nicht den Aufreger wert, der jetzt daraus gemacht wird. Denn eigentlich hat Huang nur das gesagt, was er seit Jahren sagt, wenn man ihm ein Mikrofon hinhält: KI macht das Leben besser, ihr müsst die alle viel mehr nutzen, und Unternehmen machen damit sagenhaft viel Geld. Besonders seins. Okay, den letzten Teil habe ich ergänzt.
Nvidia ist nicht das Problem
Ich will Nvidia oder Huang überhaupt nicht verteidigen. Beide haben einen maßgeblichen Anteil daran, dass Computer unbezahlbar sind, Rohstoffe wie Kupfer knapp, massiv neue Gaskraftwerke gebaut werden und das Internet von KI-Müll überschwemmt wird.
Aber die berechtigte Kritik an einer aus dem Zusammenhang gerissenen Aussage aufzuhängen, ist nicht hilfreich. Das schürt kurzfristig Wut, die aber nichts bewirkt. Denn schuld ist nicht Nvidia, es ist ein systemisches Problem.
Wenn etwas, in Nvidias Fall KI-Hardware, Umsatz und Gewinn explodieren lässt, wird jedes Unternehmen versuchen, so viel davon zu verkaufen, wie praktisch und rechtlich möglich ist. Nvidia hat längst klargemacht, dass das Consumer-Segment zur Nebensache geworden ist. Aber klar, "Keine Produkte mehr für Menschen" klingt spektakulärer.
Dabei enthält die Keynote genügend andere kritikwürdige Aussagen, die in anderen Texten ebenfalls angesprochen werden. Etwa, dass Tokens mit Gewinn gleichzusetzen seien oder die Anzahl an Github-Commits mit Produktivität.
Nvidias Keynotes sind zu Verkaufsveranstaltungen verkommen, was ich bereits zur CES kritisiert habe. Und Jensen Huang ist zum überdrehten Moderator eines Teleshopping-Kanals geworden.
Eine Gemeinsamkeit mit Teleshopping-Kanälen ist, dass Kunden nicht immer sinnvolle Produkte verkauft bekommen. Mit KI lassen sich echt tolle Sachen machen, aber ein Großteil der generierten Tokens produziert wohl einfach Müll. Vielleicht sollten wir das viel öfter genau so aufschreiben.
Nvidia baut Produkte für sehr wenige Menschen
Gut, verkaufen ist effektiv auch die Funktion eines CEO. Und das Paradoxe dabei: Nvidias Produkte, die angeblich nicht für Menschen sind, verkauft Huang natürlich weiterhin an Menschen. KI-Agenten kaufen zumindest aktuell noch keine Nvidia-Hardware im Rechenzentrumsmaßstab. Es sind allerdings nur sehr wenige Menschen, für die diese Produkte entworfen wurden.
Vielleicht lässt sich der weltfremd anmutenden Präsentation aber doch noch etwas Positives abgewinnen: Wenn der Nvidia-CEO mit so absurden Aussagen für seine Produkte wirbt, gehen die vielleicht schlechter weg, als er noch vor zwei Monaten erwartete. Oder er ist tatsächlich sehr in seiner Realität gefangen, in der mehr Tokens automatisch mehr Gewinn bedeuten.
IMHO ist der Kommentar von Golem.de. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach)
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