Warum bleibt es beim Gedankenexperiment?
Michael Rühle, Leiter des Planungsreferats in der Politischen Abteilung der Nato, fasst die Lage prägnant zusammen(öffnet im neuen Fenster) : "Kein deutscher Regierungschef wird diesen Weg gehen. Die Nachteile würden etwaige Sicherheitsgewinne bei Weitem überwiegen."
Deutschland stehe vor Hürden, die kein anderer potenzieller Proliferator in dieser Kombination kenne. Ein Vertrag ohne Ausstiegsklausel, eine Anti-Atom-Kultur ohne internationale Parallele und eine zentrale geopolitische Position machten jeden Schritt zum gesamteuropäischen Sicherheitsrisiko.
Das Bulletin of the Atomic Scientists(öffnet im neuen Fenster) argumentiert, Deutschland bleibe ein Schwellenstaat – mit der Betonung auf Schwelle. Die technische Fähigkeit existiere, die politische Bereitschaft fehle. Russland würde ein deutsches Programm als existenzielle Bedrohung werten. Die aktualisierte russische Nukleardoktrin von 2024 habe die Einsatzschwelle bereits erheblich gesenkt.
Die europäischen Partner würden ein eigenständiges deutsches Programm ablehnen. Frankreich und Großbritannien sähen ihren Sonderstatus als europäische Nuklearmächte untergraben. Polen könnte folgen, die Türkei ebenso. Der NPT würde kollabieren.
Die Debatte zeigt allerdings, wie stark sich das sicherheitspolitische Koordinatensystem seit 2022 verschiebt. Was vor wenigen Jahren noch als absurd galt, wird heute mit operativer Dringlichkeit diskutiert. Dass Brigadegeneral Frank Pieper als Direktor an der Führungsakademie der Bundeswehr als Privatperson öffentlich taktische Atomwaffen für Deutschland fordert, wäre im Jahr 2020 undenkbar gewesen. Dass der grüne Ex-Außenminister Fischer eine EU-Atombombe verlangt, ebenfalls.
Die wahrscheinlichste Entwicklung bleibt eine Kombination: verstärkte französische Schutzgarantie mit deutscher Mitfinanzierung, massive konventionelle Aufrüstung und eine reformierte Nato-Nuklearteilhabe. Die Frage ist nicht, ob Deutschland die Atombombe baut. Die Frage ist, ob die USA glaubwürdig bleiben, ob Frankreich teilen will und ob Europa konventionell stark genug wird. Dass all diese Fragen wieder gestellt werden, ist die eigentliche Zeitenwende.