Rechner aus der DDR: Die Verklärung der Kleincomputer
Kleincomputer in der DDR waren von Anfang an nicht mehr als eine Notlösung. Die Antworten des Sozialismus auf US-amerikanische, westeuropäische und japanische Systeme waren zwar besser als nichts, aber bei weitem nicht attraktiv genug, um nach dem Fall der Mauer irgendeine Sentimentalität zuzulassen: Sobald es möglich war, stiegen die Nutzer auf Westprodukte um. Schon wenige Jahre nach der Wiedervereinigung war hinsichtlich der Computernutzung kein Unterschied zwischen Ost und West mehr zu erkennen: Auch im Osten Deutschlands herrschten nun Commodore, Atari, Nintendo, Sega und Co. Doch heute erleben die DDR-Rechner ein Revival.
Im Laufe der vergangenen Jahre ist eine Retroszene entstanden, die sich vor allem eine Entwicklung zunutze gemacht hat: Emulatoren. Die lassen sich mit einem Billig-PC aus dem Baumarkt betreiben und stellen eine Alternative zu den immer wertvoller werdenden Originalen dar, sowohl für die Programmierung als auch für die Anwendung und das Spielen. So sorgen Fans für einen Erfolg, den die Rechner in ihrer offiziellen Phase nie hatten – ein wohl einzigartiges Phänomen.
Nächtelang vor dem Z1013
Einer dieser Fans, die einen Emulator für DDR-Systeme entwickelt haben, ist der Programmierer Jens Müller, dem an einem Augusttag 2001 sein alter Z1013 wieder einfiel – ein Mikrorechnerbausatz und der erste Computer, den auch Normalbürger in der DDR erwerben konnten. Der stand seit Jahren vergessen in einem Karton irgendwo auf dem Grundstück seiner Eltern. Doch nun überkam Müller Nostalgie: Wie viele Nächte hatte er an dem Rechner verbracht, immer, wenn die Eltern im Bett waren und er den Fernseher als Monitor verwenden konnte!
Wie viel hatte er damit über die Grundprinzipien der Mikrotechnik gelernt, wie viel über Programmierung! Während im Westen kaum jemand etwas von den Computern aus dem Ostteil Deutschlands wusste und die DDR-Entwicklungen Vergleichen mit westlicher Technologie kaum standhielten, blieben für die Computerfans in der DDR bis 1989 de facto nur die eigenen Produkte, um erste Erfahrungen zu sammeln.
Ein Display wie bei einer Digitaluhr
Denn natürlich herrschte auch im Bereich der Computerentwicklung und -verbreitung bis 1989 die Logik des Kalten Krieges, und die sah im Rechner aus westdeutscher oder gar US-amerikanischer Produktion mindestens ebenso ein Politikum wie in jeder Coca-Cola-Flasche. Die überschaubare Menge an Hochtechnologie, die die DDR produzierte, brauchte sie außerdem für sich selbst, in Betrieben, Schulen und Universitäten.
Aus diesem Grund erscheint es logisch, dass der Begriff Kleincomputer gegenüber der im Westen verbreiteten Bezeichnung Heimcomputer bevorzugt wurde: Für jedes Heim reichte die Herstellungskapazität der volkseigenen Betriebe bei weitem nicht, und die ersten Computererfahrungen mussten oft außerhalb des Kinderzimmers gesammelt werden.
Die so gesammelten Erfahrungen konnten auch kaum mit den kreativen Möglichkeiten verglichen werden, die westliche Computersysteme den Benutzern einräumten. DDR-Systeme verfügten beispielsweise nicht über die grafischen und akustischen Fähigkeiten, die Westrechner auszeichneten. So hatte der Polycomputer 880 lediglich eine achtstellige Siebensegmentanzeige, sprich: Statt eines Bildschirms oder einer leistungsfähigen Grafikausgabe gab es nur das, was im Westen schon lange niemanden mehr vom Hocker riss, nämlich ein Display, das an eine Digitaluhr erinnerte.
Lernen und Basteln statt Spielen und Tools
Auch die populären KC85-Systeme boten grafisch nur wenig: Angeschlossen an die üblichen Schwarz-Weiß-Fernseher, ließ die Bildqualität zu wünschen übrig, und selbst das Lesen von einfachen Texten war eher mühsam. Folglich standen auch nicht optisch anspruchsvolle Games oder Tools im Vordergrund, sondern Lern- und Bastelprojekte, die dem Nutzer die Technik und das Programmieren derselben näherbringen sollten.
Aus diesem Grunde war es auch nicht entscheidend, dass der beispielsweise im Polycomputer verbaute Prozessor U880 nur eine zweitklassige Kopie des extrem erfolgreichen 8-Bit-Prozessors Z80 war (mit lediglich einem MHz Taktfrequenz) und für die Datenspeicherung nur ein einziges Kilobyte RAM zur Verfügung stand. Die Faszination des Digitalen ließ sich schließlich auch durch einfachere Lerncomputer erkunden.
Jens Müller lernte an seinem Z1013 Programmiersprachen: zuerst Basic, dann Assembler. Auch die Hausaufgaben am Anfang seines Informatikstudiums erledigte er an dem Rechner – während sich die Kommilitonen für Zugangszeiten im Rechenkabinett anstellten. Sehr weit führte die Entdeckungsreise mit DDR-Rechnern allerdings nicht, da sie eben nicht mehr zu bieten hatten – bis zum Mauerfall.
DDR-Retroszene profitiert von den neuen Möglichkeiten
Schlagartig eröffneten sich völlig ungeahnte Möglichkeiten, und die Menschen widmeten sich nun vorrangig den westlichen 8-Bit-Rechnern und ließen die leistungsschwachen Ost-Pendants fortan links liegen. Auch Jens Müller musterte seinen alten Z1013 aus. Zu Silvester 1990 wurde der neue Atari 1040 STE geliefert.
Müller schuf noch eine Möglichkeit, Programme und Daten vom Z1013 über eine selbstgebaute senderseitige Midi-Schnittstelle auf den Atari zu übertragen, dann räumte er den alten Rechner weg und vergaß ihn. Als er ihm 2001 wieder einfiel, kam sich Müller undankbar vor. "Irgendwie tat mir mein Z1013 leid" , erzählt er. "Ich wollte noch etwas für ihn tun."
Und er begann, eine Software zu entwickeln, die die Systeme des alten Rechners nachahmen sollte: einen Emulator namens JKCEMU. Von der Entwicklung von Emulatoren profitiert die gesamte lebendige Retroszene rund um die DDR-Computer. Alte Rechner werden bekanntlich mit zunehmendem Alter nicht unbedingt fitter, sondern sollten ab einem gewissen Reifegrad eher geschont und nur noch gezielt eingesetzt werden.
So ist die DDR-Retroszene heute nicht nur um ein Vielfaches älter als die offizielle Zeit der Ostcomputer, sie profitiert auch ganz klar von den nach dem Fall der Mauer entstandenen wirtschaftlichen und technischen Möglichkeiten. Nie war es so einfach wie heute, das Potenzial der Systeme auszuloten. Während bei allen anderen Retroszenen Fans ihre digitalen Lieblinge nach deren Erfolgsphase weiter am Leben halten, ist es hier genau andersherum: Die Erfolgsphase der DDR-Systeme begann eigentlich erst nach ihrem offiziellen Ende.
JKCEMU emuliert fast alles
Mittlerweile emuliert JKCEMU(öffnet im neuen Fenster) fast alle in der DDR produzierten Systeme. Auf der dazugehörigen Website findet sich eine beeindruckend lange Liste aller emulierten Rechner, der Polycomputer 880, die KC85-Reihe, in Computerzeitschriften vorgestellte Bastelcomputer wie der Hübler/Evert-MC und der Schachcomputer SC2. Interessanterweise gibt es dort auch einen ZX-Spectrum-Emulator, was Müller damit begründet, dass es in der DDR mehrere erfolgreiche Nachbauprojekte gab. Von diesen Vorhaben fand der Spectral offenbar eine vergleichsweise große Verbreitung, unter anderem da eine vollständige Kompatibilität zu einem 48 Kilobyte starken ZX gegeben und auch eine Erweiterung auf 128 Kilobyte möglich war.
Ein weiterer Emulator ist KCemu(öffnet im neuen Fenster) von Torsten Paul, der ebenfalls zahlreiche DDR-Systeme sowie zusätzliche Hardware abbildet. Hilfreich bei der Emulatorentwicklung war sicherlich die Dominanz der Z80-CPU beziehungsweise ihres Plagiats U880, da dieser wohl erfolgreichste 8-Bit-Chip aller Zeiten nicht nur weit verbreitet und damit entsprechend vertraut und umfassend dokumentiert, sondern demzufolge auch gut zu programmieren ist.
Zudem fand man in fast allen DDR-Kleincomputern nur den U880, so dass ein Emulator, der diesen Chip abbildet, automatisch viele verschiedene Systeme abdeckt und damit einen umfassenden Blick in die DDR-Computergeschichte ermöglicht.
Das Scheitern an der 16-Bit-Revolution...
Auch im Falle der 16-Bit-Maschinen hilft heute ein Emulator weiter; die DDR hat nämlich sogar noch versucht, die 16-Bit-Revolution mitzugestalten – allerdings mit noch geringerem Erfolg als bei den 8-Bit-Rechnern. Erwähnenswert sind hierbei zwei Rechner von Robotron, der A7100 und der EC1834. Mit dem A7100 erschien 1985 der erste serienmäßige 16-Bit-PC der DDR, erhältlich in zwei Varianten: einmal mit einem halben Megabyte RAM und einer Grafikkarte, die mit 640 x 400 Pixeln eine solide Leistung auf den Bildschirm brachte, sowie in einer Nur-Text-Ausstattung, die sich zwar auf wenig begeisternde 80 x 25 Zeichen beschränkte, dafür – aufgrund der fehlenden Grafikkarte und des dadurch gewonnenen Steckplatzes – aber bis zu 768 Kilobyte RAM aufnahm.
Es existierten mehrere Betriebssysteme wie das CP/M-kompatible SCP1700, das Unix-kompatible, aber eher selten anzutreffende MUTOS und das für die Steuerung von Maschinen geeignete BOS 1810. Man dürfte nicht falsch liegen, wenn man der DDR mit diesem Rechner einen Angriff auf weit verbreitete Westsysteme wie die damals populären IBM-PCs unterstellt, zumal dieser Büroeinsatz auch der offensichtliche Haupteinsatzzweck des A7100 war. Besonders seine grafischen Fähigkeiten fanden seinerzeit großen Zuspruch, wenngleich der Preis mit gut 60.000 Mark natürlich den Verkauf an Otto Normaluser effizient verhinderte – das durchschnittliche Bruttojahreseinkommen eines DDR-Bürgers betrug 1985 gut 13.000 Mark.
Zum Scheitern verurteilt, von Fans verewigt
Auch der zweite Robotron-Angriff auf die Westkonkurrenz, der EC1834, hatte keine Chance mehr, das 16-Bit-Zeitalter entscheidend mitzugestalten. Zwar wurden ab 1986 noch gut 30.000 dieser Rechner gebaut, doch schon der zwei Jahre später vorgestellte Nachfolger EC1835 schaffte es nicht mehr über die Vorserienphase hinaus.
Seit April vergangenen Jahres gibt es nun ein Freewarepaket, das den A7100 wiederauferstehen lässt. Wie so oft ist die hier entstandene Software eine klassische Szenelösung: entwickelt ohne kommerziellen Hintergedanken, unterstützt und iterativ weiterentwickelt dank der Mitwirkung der DDR-Computer-Fans. Allein im Robotron-Technikforum haben sich knapp 2.000 Benutzer eingefunden, um über Hard- und Software des legendären volkseigenen Betriebes zu diskutieren. Im Umfeld des Forums sind zudem viele weitere Emulatoren entstanden.
Und das ist noch längst nicht alles: Zu diesen ohnehin beeindruckenden Szeneentwicklungen kommen zahlreiche private Websites, virtuelle Museen, umfangreiche Rechnersammlungen und zahllose Youtube-Videos über DDR-Rechner und ihre Software, Diskussionen über Computerszene, Informatikausbildung und Reparaturmöglichkeiten. Von Konferenzen und Nutzertreffen im In- und Ausland einmal ganz zu schweigen.
Es gibt wohl keine zweite Digitalisierungsphase in Deutschland, die so kurz, so teuer und gleichzeitig hinsichtlich ihrer Breitenwirkung so mühsam war wie die Zeit der Massendigitalisierung der DDR. Und keine zweite Retroszene in Deutschland, die mit so viel Eifer Systeme am Leben erhält, die bei ihrer offiziellen Vorstellung eigentlich schon zum Scheitern verurteilt waren. Warum? "Was mich zu diesem Z1013-Emulator getrieben hat, wird nicht jeder verstehen" , schreibt Jens Müller auf seiner Webseite(öffnet im neuen Fenster) . "Um ganz ehrlich zu sein, man muss es auch nicht verstehen."
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