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Rebel Moon - Teil 1: Netflix' Antwort auf Star Wars ist ein Armutszeugnis

Keine Geschichte, keine Ideen und die Effekte sind auch nur in der ersten Viertelstunde gut. Warum Netflix ' Rebel Moon dennoch Sehnsucht nach einem zweiten Teil weckt.
/ Daniel Pook
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Offizielles Poster von Rebel Moon - Teil 1: Kind des Feuers (Bild: Netflix)
Offizielles Poster von Rebel Moon - Teil 1: Kind des Feuers Bild: Netflix

Als die Walt Disney Company gerade ganz frisch Lucasfilm eingekauft hatte, trug Regisseur Zack Snyder dort die Idee vor, seine eigene, erwachsenere Version von Star Wars zu verfilmen. Das Konzept fand keinen Anklang und auch andere Studios wie Warner Bros. konnte der damalige Drehbuchentwurf mit geändertem Titel als neues Franchise nicht überzeugen.

Gute zehn Jahre später hat doch noch jemand zugegriffen. Der Streaminganbieter Netflix möchte aus Rebel Moon eine riesige, crossmediale Marke machen. Sein eigenes Star Wars! Zwei große Filme für zusammen 166 Millionen Dollar Produktionskosten sind bereits fertig gedreht, ein weiterer befindet sich in Entwicklung.

Ein Videogame für die eigene Spieleplattform, Comics, Serien... – was bisher angekündigt wurde, klingt schon mal sehr nach genau den Ambitionen, die Snyder offenbar von Anfang an als Potenzial in diesem, jetzt ganz von ihm selbst erfundenen Science-Fantasy-Universum sah.

Und ewig grüßen die sieben Samurai

Nun ja, ich habe gestern auch etwas gesehen. Manches davon hat mich sogar wirklich an Star Wars erinnert. Anderes an Der Herr der Ringe. Und auch an Gladiator, an Harry Potter, Dune, Battle Angel Alita, Valerian. Wir könnten diese Liste noch eine Weile fortsetzen. Es war, als hätte sich jemand wahllos überall in der Sci-Fi-Popkultur bedient, aber keine einzige eigene Idee beigesteuert. Der Film, den ich gesehen habe, heißt Rebel Moon – Teil 1: Kind des Feuers. Und ich sah, wie er auch abgesehen von seiner eigenen Ideenlosigkeit vor meinen Augen von Minute zu Minute drastisch qualitativ abbaute.

Dabei war das in der ersten Viertelstunde eigentlich gar nicht absehbar. Hier hat Zack Snyder erst einmal nur den wahrscheinlich sowieso schon meistreferenzierten und meistadaptierten Film aller Zeiten, Die sieben Samurai von Akira Kurosawa(öffnet im neuen Fenster) , als Weltraumvariante zitiert. Das haben wir zwar gerade erst in einer Folge von The Mandalorian(öffnet im neuen Fenster) etwas besser bekommen, dennoch nimmt Snyder sich angenehm viel Zeit, ein Dorf aus einfachen Farmern auf dem Mond Veldt am Rande der Galaxie vorzustellen, in dem sich Heldin Kora (Sofia Boutella) versteckt hält, deren düstere Vergangenheit als Kriegerin wir in mehreren Rückblenden über den ganzen restlichen Film verteilt noch ausführlicher kennenlernen.

Es dauert nicht lange, bis die Armee des Weltraumtyrannen Balisarius (Fra Fee) auftaucht und von den wehrlosen Farmern ihre komplette künftige Ernte einfordert. Als Druckmittel lässt Oberschurke Admiral Noble (Ed Skrein), der auf mich wirkt, als hätten Hans Landa aus Quentin Tarantinos Inglourious Basterds und Jim Carreys Lloyd aus Dumm und Dümmer ein Kind bekommen, ein Regiment bewaffneter Sklaventreiber im Dorf zurück, die bald darauf versuchen, ein junges Mädchen zu vergewaltigen.

Es folgen gleich mehrere Startschüsse, mit denen die Geschehnisse in Rebel Moon zu diesem Zeitpunkt noch ein launiges, ganz okay gemachtes Weltraumabenteuer versprechen. Kora schreitet mit tödlichen Nahkampffertigkeiten und einer gestohlenen Laserwaffe ein, unterstützt von zwei unerwarteten Helfern, rettet das Mädchen und beschließt, sich auf den Weg zu einer Gruppe Aufständischer zu machen, damit Balisarius' Schergen nicht wieder ins Dorf zurückkehren. Oder falls doch, von einer eigenen Armee zurückgeschlagen werden.

Und das ist bis dahin in Ordnung. Nicht so elegant wie Dune . Erzählerisch auch bei Weitem nicht so komplex oder optisch opulent wie Apples Foundation-Serie . Nicht ansatzweise so cool wie Firefly oder so magisch wie Star Wars, als Star Wars noch magisch war. Und ja, der eine Dorfvorsteher, der als einzige Person im Ort völlig deplatziert wie ein bärtiger Zwerg aus den Hobbit-Filmen aussieht, hätte mich schon leicht skeptisch stimmen müssen.

Aber es gibt da eben auch noch einen malerischen Nachthhimmel mit riesigem Saturn-artigen Planeten am Firmament oder eine kurze Sequenz, in der mehrere Raumschiffe schön ihre Schatten über den Wüstenboden ziehen, während sie bedrohlich auf die Siedlung zufliegen. Einen super animierten Roboter der königlichen Leibgarde, die aufgelöst wurde, weil der König dummerweise ermordet wurde. Ich sah noch Ansätze einer Vision, die zwar sehr einfach daherkam, die aber in ihrer Einfachheit seichte Unterhaltung hätte bieten können.

Fantasieloser Totalabsturz

Was mit zarter, naiver, wohlwollender Hoffnung meinerseits begann, wurde ab da zu einem erst nach 133 Minuten endenden Totalabsturz. Sobald sich Kora auf ihre Reise begibt, verkommt Rebel Moon zu einer uninspirierten Videospiele-Nebenquestreihe, bei der die Protagonistin von einem generischen Ort zum anderen springt und den ganzen restlichen Film nichts anderes macht, als nach und nach einzelne Personen für ihre Crew anzuheuern. Eine Geschichte suchen wir da vergebens. Wenigstens etwas Worldbuilding, das uns die Atmosphäre erinnerungswürdiger Planeten aufsaugen, Mythologien außerirdischer Kulturen kennenlernen oder irgendeine Form eigener Identität des Rebel-Moon-Universums erkennen lässt? Dafür hatte Zack Snyder entweder keine Zeit oder einfach kein Gespür, keine Fantasie.

Rebel Moon – Teil 1: Kind des Feuers (Filmtrailer)
Rebel Moon – Teil 1: Kind des Feuers (Filmtrailer) (02:47)

Wir hüpfen hierhin, wir hüpfen dahin, sind konstant verwirrt von den harten tonalen Wechseln und sehr viel beliebigem Unsinn, der einfach kein stimmiges Gesamtbild abgeben will. Mal muss ein halbnackter Mann einen pegasusartigen Pferdevogel zähmen und auf diesem umherfliegen, bevor er seinen Planeten mit Kora verlassen darf. Dann schließt sich eine Cyborg-Laserklingenkämpferin der Gruppe an, aber erst, nachdem sie in den Slums einer Großstadt eine Riesenspinne mit menschlichem Oberkörper erschlagen hat, die vom Design her auch genauso gut ein Gegner aus Diablo IV sein könnte. Kontext wird uns dazu nur minimal geliefert.

Diese zusammenhangslosen Zwischenstationen werden sporadisch von aufgesetzten Dialogen unterbrochen, damit die Begleiter nicht immer nur tatenlos herumstehen, was sie nämlich in 90 Prozent der Filmzeit machen, während wieder jemand Neues seine kleine Begrüßungsshoweinlage ablegt. Was die immer größer werdende Gruppe miteinander verbindet, ist, dass sie natürlich alle irgendwie Unterdrückte sind, die aufbegehren wollen und ganz besonders unter der Herrschaft des Imperiums von Balisarius leiden, der in diesem ersten Teil aber noch fast gar nicht in Erscheinung tritt.

Die Frau mit den Laserklingen heißt übrigens Nemesis und das böse Imperium lebt in Motherworld. Die beiden Anführer der Rebellengruppe, der sich Kora & Co. anschließen wollen, nennen sich Bloodaxe. So, wie wir Zack Snyder aus Interviews gewohnt sind, wäre sein Kommentar dazu jetzt vermutlich: "That sounds cool, doesn't it?" Wir lassen das mal unkommentiert so stehen.

Die Augen voller Öl

Es gibt in Rebel Moon auch ein, zwei richtig gelungene außerirdische Spezies, die mein Sci-Fi-Herz wenigstens ganz kurz mal haben höher schlagen lassen. Die vielleicht sogar minimal Hoffnung machen, dass der Sequel-Film wenigstens davon etwas mehr bieten wird.

Und wenn man von der Tatsache absieht, dass es in der englischen Originalversion einen Moment im Film gibt, in dem ich den Eindruck hatte, gleich mehrere Schauspieler hätten ohne jede Erklärung auf einmal ihren Akzent gewechselt, haben mir gerade angesichts sehr dünner Charakterzeichnungen die Performances der meisten Hauptdarsteller gefallen. Insbesondere Sofia Boutella hat es durch reinen Schauspieleifer geschafft, dass mir das Schicksal ihrer Kora nie komplett egal war.

Es gibt allerdings noch zwei Gründe, weshalb ich eingangs die Worte wählte, der Film habe vor meinen Augen fortwährend qualitativ abgebaut. Sehen anfängliche Szenen noch visuell gut gemacht aus, mit Raumschiffen und Umgebungen auf zu erwartendem Kino-Blockbuster-Niveau sowie der schönen, weiten, hellen Landschaft des Mondes Veldt, war mein Eindruck mit jeder weiteren Sequenz, Zack Snyder seien während der Produktion von Szene zu Szene zunehmend Zeit und Geld ausgegangen.

Die Locations sind immer simpler ausgestaltet, die Sets werden immer kleiner, die Hintergründe kamen mir immer mehr wie schlecht gefüllte Greenscreen-Elemente vor. Überdies hat sich die Beleuchtungscrew zwischendurch wohl immer mal wieder in den Urlaub verabschiedet, denn sogar in Slow-Motion-Sequenzen kam es manchmal vor, dass wir in aller Ruhe eine in hässlich matschigen, dunklen Farbkontrasten absaufende Sofia Boutella betrachten durften, die sich selbst sicherlich gewünscht hätte, in so unvorteilhaft inszenierten Momenten wäre die Bildrate eher beschleunigt worden.

Oft hat Snyder, der wie bei Army of the Dead sein eigener Hauptkameramann war, offenbar ganz auf einen Focus-Puller verzichtet. Speziell bei Aufnahmen, die durch das gewählte Objektiv schon ein gewollt stark gestauchtes Bild mit ganz kleinem Schärfebereich vorweisen, schafft es der Regisseur persönlich immer wieder, gar nichts im Bild in diesen Schärfebereich zu rücken.

Es scheint ihn wohl überhaupt nicht zu stören, dass wir als Publikum beispielsweise gerade einen emotionalen Dialog zwischen zwei Personen mitverfolgen sollen, nun aber so dasitzen, als hätte der Sessel vor uns eine kleine Wasserpistole wie in einem 4D-Kino eingebaut und uns damit Öl in beide Augen gespritzt.

Für alle, die den Film zu Hause bei Netflix gucken: Stellen Sie sich vor, jemand habe beschlagene Klarsichtfolie vor Ihre Pupillen gespannt. So ungefähr ist es, manche Momente in Rebel Moon anzuschauen. Wenigstens tote Pixel sind uns im Kino nirgends im Bild aufgefallen.

Hält keinem Vergleich stand

Sequenzen, in denen Raumschiffe nur kurz mal zu einer Landestelle fliegen, haben mich gegen Ende des Films, ohne zu übertreiben, an alte Videospiele-Render-Cutscenes(öffnet im neuen Fenster) mit ganz simpel texturierten Gebäuden erinnert, wie man es ästhetisch aus dem Kino eigentlich nur von Filmen der späten 90er kennt. Dazu kommt, dass Zack Snyder sich dazu entschieden hat, wann immer eine Laserpistole abgefeuert wird, einen viel zu hellen, viel zu großen Mündungsfeuereffekt mit zusätzlichen Lens-Flares im Bild zu platzieren.

Wir erinnern uns: Die Gruppe um Anführerin Kora wird von Szene zu Szene größer. Wir können in den Actionsequenzen also von Szene zu Szene auch immer weniger erkennen, quasi nur noch helles Aufleuchten aus allen Richtungen und dazwischen mal kurz jemanden, der rennt. Spektakuläres Effektkino geht anders.

Wer große Weltraumschlachten wie aus Rebel Moons Vorbild Star Wars erwartet, bekommt in Teil 1 gar nichts dergleichen. Aber auch jegliche Bodenkämpfe, die hier ebenso kaum der Rede wert sind, verblassen völlig vor allem, was wir in Sachen Stil, Wucht, Größe und Epik so meisterhaft in Denis Villeneuves Dune erleben durften. Und selbst vor der visuellen Qualität und Größe, die zuletzt The Creator mit vergleichsweise kleinem Budget auf die große Leinwand gebracht hat oder wie es Apple TV+ bei Foundation als Streamingserie zeigt. Dagegen ist Rebel Moon, hart gesagt, ein Armutszeugnis an Vision und Umsetzung.

Rebel Moon – Teil 1: Kind des Feuers (Making of)
Rebel Moon – Teil 1: Kind des Feuers (Making of) (02:25)

Noch unerwähnt gelassen habe ich reichlich Kitsch und den kleinen Spoiler (dies bitte als milde Warnung verstehen, obwohl nichts Dramatisches verraten wird), dass die handlungsarme Reise zum Schluss nur primitivstes Gekloppe zum Ziel hat. Es wird sich wütend mit Stöcken geprügelt, bis einer weint.

Beim Fazit möchte ich mich kurzfassen und es mag jetzt etwas überraschend kommen: Nach Rebel Moon – Teil 1: Kind des Feuers freue ich mich jetzt noch sehr viel mehr auf Teil 2 im nächsten Frühjahr. Und zwar auf Dune: Teil 2.

Rebel Moon – Teil 1: Kind des Feuers erscheint am 22. Dezember 2023 bei Netflix. Abgesehen von nur wenigen Sondervorstellungen weltweit ist kein regulärer Kinostart geplant. Teil 2: Die Narbenmacherin wurde bereits für den 19. April 2024 angekündigt, während sich ein dritter Film laut Zack Snyder in der Entwicklungsphase befindet.


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