Rebel Moon Director's Cut: Netflix fordert zur Durchhalte-Challenge heraus
Nicht einmal vier Monate sind vergangen, seit beide Rebel-Moon-Filme nacheinander in ihren ursprünglichen Versionen bei Netflix erschienen sind. Angesichts des miserablen Kritikerschnitts(öffnet im neuen Fenster) der 166-Millionen-US-Dollar-Produktionen hätte es uns nicht gewundert, wäre unter den Beteiligten anschließend Stillschweigen über eine Zukunft des Franchise vereinbart worden.
Ein Mann hat Rebel Moon dennoch unermüdlich weiter im Gespräch gehalten: Zack Snyder – Regisseur, Kameramann, Produzent und Autor der Reihe – sagt, dass er längst an den nächsten Folgen schreibe, kann sich eine Ausweitung auf sechs Filme gut vorstellen und versprach immer und immer wieder , die jetzt neu erschienenen Director's Cuts von Teil 1 und Teil 2 seien durch ihre vielen Änderungen und die weniger familienfreundliche Inszenierung eigentlich ganz neue, " komplett andere " Filme geworden, denen wir jetzt also ruhig noch mal eine Chance geben sollten.
Wer mehr darüber wissen möchte, worum genau es in Rebel Moon geht, kann dies in unseren früheren Rezensionen nachlesen.
Noch mehr – aber von dem, was vorher schon nicht fehlte
Wiederholt deutete Snyder in Interviews etwas nebulös begründet an, seine Rebel-Moon-Filme seien deswegen so harsch kritisiert worden, weil wir die echten Filme noch gar nicht gesehen hätten. In Abmachung mit Netflix habe er nicht sofort seine wahre Vision veröffentlichen wollen, da Zuschauer so am Ende vier eigenständige anstatt nur zwei Filme geboten bekämen. Ohne starke Gewaltdarstellungen, Sex mit Aliens(öffnet im neuen Fenster) und viel mehr Erzähldauer zum Aufbau der Hintergründe seiner zahlreichen Charaktere, hätten die Sci-Fi-Actionfilme in ihrer kürzeren Form noch nicht ihre wahre Stärke entfalten können.
Schon zum Zeitpunkt dieser Aussagen wunderte uns, dass wir in unseren Rezensionen zu Teil 1: Kind des Feuers und Teil 2: Die Narbenmacherin zwar viele Kritikpunkte genannt hatten – fehlendes Blut, zu wenig nackte Haut oder zu geringe Laufzeit gehörten aber gar nicht dazu.

Was wir in Actionszenen vermissten, waren nicht per CGI eingefügter Körpersaft und durch die Gegend fliegende Augen. Im Gewitter ständig hell aufblitzender Lichter in graubrauner Farbgebung, während alle Akteure wild durcheinanderrennen, konnten wir schlicht kaum etwas erkennen. Dass in diesen Momenten nun auch noch rote Suppe quer durchs Bild spritzt, ist in unseren Augen im Director's Cut sogar eher kontraproduktiv.
Unästhetisch, steril, dröge und albern
Vereinzelt gibt es Zeitlupenszenen, die durch das Extrablut zumindest weniger langweilig und steril anmuten. Da die Optik von Rebel Moon jedoch unverändert unästhetisch, farblich dröge und mitunter albern konzipiert ist, profitiert das Gesamterlebnis davon kaum. Wir sehen auch jetzt noch ein hässliches Werk, plump zusammengekleistert aus Motiven, die Zack Snyder offensichtlich bei Star Wars, Sieben Samurai, Harry Potter, Inglorious Basterds, Gladiator und unzähligen anderen Filmen gesehen hat, cool fand, und mit denen er selbst auch mal gerne herumspielen wollte.
Snyder wird gerne als visionärer Filmemacher beworben. In früheren Filmen wie Watchmen oder 300 hat er auch durchaus bewiesen, dass er vorhandene Vorlagen anderer Künstler, meist aus dem Comicbereich, mindestens bildlich stark für die große Leinwand adaptieren kann. Was folgte, war jedoch der Trugschluss, er sei darüber hinaus auch ein guter Erzähler und habe spannende eigene Ideen. Rebel Moon stellt nach Sucker Punch und Army of the Dead die Spitze einer Reihe gescheiterter Versuche Snyders dar, gänzlich selbsterfundene Geschichten ebenso erfolgreich zu verfilmen wie seine früheren Comicadaptionen.
Viel hilft nicht immer viel
Was schon vorher auffiel, wird durch die längeren Laufzeiten(öffnet im neuen Fenster) beider Director's Cuts nur noch deutlicher: Informationen komprimiert mit filmischen Mitteln zu kommunizieren, ist nicht Teil von Snyders Werkzeugkasten als Drehbuchautor und Regisseur. Kind des Feuers heißt nun Kelch des Blutes und verlängert sich von sowieso schon langen 2 Stunden und 16 Minuten auf 3 Stunden und 24 Minuten. Die Narbenmacherin, jetzt Fluch der Vergebung genannt, wurde von 2 Stunden und 3 Minuten auf 2 Stunden und 53 Minuten gestreckt.
Innerhalb der neuen Gesamtlaufzeit von 6 Stunden und 17 Minuten gibt es wie versprochen mehrere zusätzliche Rückblicke sowie verlängerte oder alternative Versionen schon bekannter Szenen. Was fehlt, ist aber der Eindruck, etwas wirklich Neues, tatsächlich Anderes, geschweige denn Besseres für dieses erneut große zeitliche Opfer geboten zu bekommen.
Zack Snyder scheint ernsthaft zu glauben, mehr Worte zu benutzen und mehr Bilder zu zeigen, würde automatisch auch mehr Qualität bedeuten. Wenn man aber nichts Aufregendes zu sagen hat, sondern einfach nur die Anzahl langweiliger Sequenzen und banalster Konversationen vergrößert und verlängert, ist das Ergebnis nur noch schwieriger durchzusitzen als vorher schon.
Einen Informationszugewinn haben wir durch die Erweiterung beider Filme nicht im Geringsten feststellen können. Hätte man Rebel Moon ernsthaft verbessern wollen, wäre der vielversprechendere Ansatz gewesen, die Filme radikal zu kürzen und viel konsequenter als visuell aufgedrehte Musikvideo-Collagen zu präsentieren. Das wäre so auch kein erzählerisches Meisterwerk, würde aber mehr zu der Art von Filmmaking stehen, die Zack Snyder eigentlich viel besser beherrscht, als sich in irgendeiner Form an epischen Sagen mit Überlänge zu versuchen.
Das Prinzip Director's Cut ad absurdum geführt
Grundsätzlich wird das Prinzip des Director's Cut hier von Netflix ad absurdum geführt. Normalerweise werden solche erweiterten Versionen so betitelt, wenn etwaige Einschränkungen dazu geführt haben, dass ein Film nicht gleich in seiner besten Form erscheinen konnte. Etwa wenn es Differenzen zwischen Filmstudios oder Produzenten und Regisseuren gab. Oder weil ein Projekt unbedingt eine bestimmte Altersfreigabe oder Laufzeit einhalten musste, da sonst im Kino mit zu wenig Erlös gerechnet wurde.
Oft lassen Verleihe für die Heimkino-Veröffentlichung auch belanglose Szenen einfügen, die vorher rausgeschnitten wurden. Nur um ein zusätzliches Verkaufsargument für die Special Edition zum Aufpreis zu haben.
In diesem Fall hatte der Regisseur aber von Anfang an bis hin zur Kameraführung die komplette Kontrolle und Rebel Moon ist zudem ein reiner Streaming-Release als Netflix-Eigenproduktion. Wenn es jetzt unter anderem im Trailer(öffnet im neuen Fenster) heißt, dies sei nun erst der wahre Film, die eigentliche Vision Snyders, warum erscheint sie dann erst jetzt und nicht direkt? Weshalb hat Netflix uns wissentlich erst eine schlechtere Variante angeboten? Auch eine Uncut-Fassung mit mehr Sex und Gewalt hätte problemlos parallel zum familienfreundlicheren Rebel Moon erscheinen können.
Kein neuer Snyder-Cut
Wir vermuten, Netflix versucht durch dieses Vorgehen zumindest in Ansätzen einen ähnlichen Hype zu generieren, wie er damals beim sogenannten Snyder-Cut(öffnet im neuen Fenster) des Films Justice League entstand. Bei der teuren Comicverfilmung, mit der Warner Bros. den Avengers-Filmen von Marvel Konkurrenz machen wollte, musste Snyder im fortgeschrittenen Stadium der Dreharbeiten aus privaten Gründen den Regiestuhl räumen. Schon vorher war Warner Bros. allerdings unzufrieden mit dem immer weiter angewachsenen Budget und hatte Vertrauen in Snyder als Architekt des DC-Kino-Universums rund um Batman, Wonder Woman und Superman verloren.
Was dann aber 2017 von Ersatzregisseur Joss Whedon, der vorher immerhin die ersten beiden Avengers-Verfilmungen für Konkurrent Marvel inszeniert hatte, ins Kino gebracht wurde, war ein regelrecht kaputtgemachter Film: eine teilweise zusammenhanglose Verkettung des ursprünglichen Konzepts mit ganz neu gedrehten Szenen in völlig anderem Farbton und mit veränderter Handlung. Manch angekündigter Held und Superschurke, auf die Fans sich sehr gefreut hatten, wurde kurzerhand herausgeschnitten. Die hellbunte Farbbearbeitung passte nicht zum Stil(öffnet im neuen Fenster) , auf den Kostüme und Kulissen während der Dreharbeiten nach Snyders Entwürfen abgestimmt waren.

Dass Superman-Darsteller Henry Cavill bei Nachdrehs unter Regie von Joss Whedon plötzlich einen Schnauzer trug, den er wegen seiner parallel gefilmten Rolle in Mission Impossible nicht abrasieren durfte, rundete das desaströse Gesamtbild ab. Das Ergebnis einer hastig unter Zeitdruck digital durchgeführten Rasur(öffnet im neuen Fenster) per Computereffekt ist seither(öffnet im neuen Fenster) eines der bekanntesten Memes in Bezug auf Hollywoods unsinnigen Übereinsatz von CGI in modernen Filmen.
Justice League wurde eine Katastrophe, vor allem aber überhaupt nicht mehr der Film, in den Zack Snyder als ursprünglicher Regisseur enorm viel Arbeit investiert hatte. Dass seine Fans daraufhin über Jahre hinweg im Internet unter dem Hashtag #ReleaseTheSnyderCut mobilisierten, mit dem Traum, eine von ihm neu und ganz anders geschnittene Version des Heldenepos doch noch gezeigt zu bekommen, hatte sehr viel damit zu tun, dass die erste Kinofassung von Justice League aus anderer Hand kam, eigenes Footage anstatt des schon gefilmten verwendete und indiskutabel schlecht war.
Hier gab es ernsthafte Hoffnung auf eine Art filmische Wiederauferstehung. Das Konzept des Director's Cut wurde in Verbindung mit dem Namen Zack Snyder zu einer Art Marketinglabel, mit dem Filmfans weltweit viel mehr verbanden als nur den üblichen Werbeaufdruck von teureren Special Editions beim Heimkino-Release eines Films. Zum Start des Streaming-Dienstes HBO Max ist Zack Snyder's Justice League(öffnet im neuen Fenster) 2021 dann tatsächlich erschienen. Mit neu gedrehten Sequenzen, überarbeiteten Effekten, anderem Look und der ursprünglich geplanten Handlung wurde Snyders wiederbelebtes Werk vor allem von Fans des DC-Universums wohlwollend als große Wiedergutmachung aufgenommen.

Was am Ende bleibt, ist eine sehr lange Challenge
Obwohl Rebel Moon Teil 1 und 2 in ihrer Urfassung ebenfalls keine guten Filme sind, werden die Director's Cuts diesen Ruf jetzt nicht mehr ändern und schon gar keinen ähnlichen Hype entfachen können. Was wir vor Monaten als erste Fassungen präsentiert bekommen haben, war auch schon Snyders Vision. Und was wir jetzt noch mal gucken können, ist dieselbe Vision in verlängerter Ausgabe. Es fällt uns schwer zu glauben, abseits von Rezensenten hätten noch wirklich viele Netflix-Zuschauer Bedarf oder Interesse daran, diese beiden Filme noch einmal anzusehen. Und das selbst dann nicht, wenn ihnen Rebel Moon nicht ganz so schlecht gefallen haben sollte wie uns.
Den kompletten Director's Cut von Rebel Moon erleben wir beim Durchsehen als eine Art Challenge: noch länger als zuvor etwas durchzuhalten, das langweilig und schlecht ist. Was am Ende bleibt, ist das Gefühl, zumindest davor dann doch unseren Hut ziehen zu müssen. Dass Netflix und Zack Snyder uns, sei es auch nur in Funktion als Filmkritiker, letztendlich irgendwie dazu gebracht haben, diese Herausforderung wider besseres Wissen pünktlich bei Veröffentlichung um 9 Uhr morgens in einer Sitzung ohne Pause angenommen zu haben. Allen anderen raten wir nun aber aus Erfahrung davon ab.
Die Director's Cuts von Rebel Moon Teil 1 und 2 sind am 2. August 2024 bei Netflix erschienen.
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