Raumfahrtdiplomatie: Esa-Kooperation mit Russland steht am moralischen Abgrund

Die Esa will an der Kooperation mit Russland festhalten - als wichtiges diplomatisches Signal. Aber dieses "Weiter so" ist das genaue Gegenteil.

Ein IMHO von veröffentlicht am
Esa Chef Josef Aschbacher will an Kooperation mit Russland festhalten.
Esa Chef Josef Aschbacher will an Kooperation mit Russland festhalten. (Bild: Nasa/Bill Ingals)

Esa-Chef Josef Aschbacher hält trotz des russischen Überfalls auf die Ukraine und der abschätzigen Äußerungen des russischen Raumfahrtchefs Rogosin an der Kooperation mit Russland fest.

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Das ist ein Fehler, der auch auf Twitter heftig kritisiert wird. Er entsteht aus der Selbstüberschätzung einer Raumfahrtagentur, die sich selbst in der Rolle des Diplomaten sieht, dabei aber die Realität des Verhältnisses von Diplomatie und Raumfahrt verkennt.

Raumfahrt und Politik waren immer fast untrennbar miteinander verbunden. Die größten Ereignisse in der Raumfahrt waren immer ein deutliches und unübersehbares Zeichen der Änderung im Umgang der Staaten miteinander. In ihren strahlendsten Stunden zeigte die Raumfahrt, wie sehr sich unterschiedliche Staaten bemühten, aufeinander zuzugehen. Aber Kooperation war immer nur das Resultat und nicht der Akt der Diplomatie.

Der erste Akt der modernen Raumfahrt war ein Akt der Aggression. Der Start des Sputnik, der anstelle einer Wasserstoffbombe auf die Spitze einer R-7 Interkontinentalrakete montiert und im Orbit freigesetzt wurde, war ein klares Signal der Sowjetunion: Wir können jeden Ort der Welt mit Wasserstoffbomben erreichen. Der Sputnikschock leitete die heißeste Phase im Wettrüsten von Sowjetunion und USA ein.

Kooperation im Weltraum wurde erst durch Diplomatie möglich

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Als der Sowjetbürger Juri Gagarin 1961 die Erde umrundete, es ihm 1962 der US-Bürger John Glenn gleichtat, der amerikanische Präsident John F. Kennedy wenige Monate später einen Flug zum Mond ankündigte und danach die Kubakrise friedlich beigelegt wurde, war auch das ein deutliches Signal. Beide Seiten wollten den Konflikt nicht mit Atombomben und weiteren Atombombentests austragen. Im Hintergrund wurden die entsprechenden Verträge ausgehandelt und 1963 abgeschlossen, in der Öffentlichkeit gab es das Rennen in den Weltraum.

In den 1970er Jahren kam es immer mehr zur diplomatischen Annäherung zwischen den beiden Staaten. Die letzte Apollo-Mission nach den sechs Mondlandungen war Apollo-Sojus. Erstmals gaben sich Astronauten und Kosmonauten im Orbit die Hand. Das war kein Verdienst der Raumfahrt, sondern der Diplomatie, die hier mit Hilfe der Raumfahrt ein weiteres Zeichen der Kooperation setzte. Gleichzeitig liefen diplomatische Bemühungen zur Zusammenarbeit etwa in der friedlichen Nutzung der Kernkraft und der Entwicklung von Kernfusionsreaktoren.

Das Ende des Kalten Krieges brachte weitere Entspannung mit sich. Das Spaceshuttle flog zur Raumstation Mir. Die Internationale Raumstation wurde in Kooperation mit Russland geplant und aufgebaut. Es waren Jahre guter Zusammenarbeit in der Diplomatie wie auch im Weltraum.

Kooperation braucht zwei Seiten

Aber schon lange war absehbar, dass diese Zeiten vorbeigingen. Das zeigten überzogene Startkosten an Bord von Sojus-Raumschiffen und Anschuldigungen des russischen Raumfahrtchefs wegen eines Lochs in einem Sojus-Raumschiffs deutlich. Die aktuellen Ausfälle von Rogosin auf Twitter lassen keinen Zweifel mehr. Es gibt keine Kooperation von Seiten Russlands mehr. Aber Kooperation braucht zwei Seiten.

Es wird Zeit, die Zusammenarbeit der Esa mit Russland zu beenden, bis dort eine neue Regierung an die Macht kommt, die wenigstens grundlegende Werte des menschlichen Zusammenlebens auf diesem Planeten zu schätzen weiß. Der Neubeginn der Kooperation mit Russland wird dann wieder ein Signal des Aufbruchs und des Friedens sein. Heute ist ihre Fortsetzung ein Signal der Ignoranz gegenüber einem diktatorischen, imperialistischen Regime im Stil des frühen 20. Jahrhunderts.

Die Starts der Sojus-Raketen von Arianespace, die größtenteils von der Esa abhängt, müssen sofort beendet werden, egal ob sie in Französisch Guayana oder in Baikonur stattfinden. Sie sollten gar nicht oder mit anderen Raketen stattfinden. SpaceX hat wohl kurzfristig die größten Reserven, aber auch andere Anbieter könnten freie Kapazitäten haben. Das Gleiche gilt für die astronautische Raumfahrt. Das europäisch-russische Exomars-Programm wurde zwar schon mehrfach verschoben, der Start würde nun aber nur der Propaganda des russischen Regimes dienen.

Natürlich sind es schwere Einschnitte. Immerhin sollte dieses Jahr jeden Monat eine Sojus im Auftrag von Arianespace fliegen, darunter sechs Raketen zum weiteren Aufbau der Oneweb-Konstellation, zwei Galileo-Satelliten und das Euklid-Infrarotteleskop. Für Exomars wurde lange und hart gearbeitet. Aber ihren Stolz muss die Esa endlich hinten anstellen, zugunsten der Diplomatie. Nur die Einstellung der Missionen ist ein starkes Signal, gerade weil sie schwere Folgen hätte. Wenn die Esa eine Rolle in der Diplomatie spielen will, dann nur so und nicht anders.

Nachtrag vom 26. Februar 2022, 7:30 Uhr

Noch vor Veröffentlichung dieses Textes gab Roskosmos-Chef Rogosin auf Twitter bekannt, dass die Kooperation mit der Esa in Französisch-Guayana beendet und das russische Personal dort abgezogen wird.

IMHO ist der Kommentar von Golem.de [IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach)]

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lunarix 28. Feb 2022

Aber es wirft Fragen auf, die man stellen müssen darf. Es wird Zeit, dass endlich nicht...

schnedan 28. Feb 2022

Die Starts mit SpaceX sind ja auch gar nicht günstig. Sie werden nur unter den Kosten...

svt (Golem.de) 27. Feb 2022

Danke für den Hinweis, wir haben das korrigiert.

Jossele 27. Feb 2022

Ahja... muss man Sarkasmus eigentlich auch kennzeichnen oder checkt ihr das auch ohne?



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