Es ist noch schlimmer, als es aussieht

Anders als 1996 bei der Ariane 5 gibt es keinen Kompromiss als Übergangslösung für die Ariane 6, nicht einmal eine unterdimensionierte, aber wenigstens funktionierende Oberstufe für die ersten Flüge. Und so steht Europa nun ohne Zugang zum Weltall da, und zwar schon seit Jahren. Denn das Problem ist wesentlich schlimmer, als es zunächst aussieht. Seit Jahren kann kein Hersteller mehr zuverlässig neue Satellitenstarts in Europa buchen und durch das Ende der europäischen Sojus ist auch diese Option Geschichte. Die Zukunft sieht nicht besser aus.

Die Ariane 6 ist für geostationäre Satelliten optimiert, die seit 2014 stark an Bedeutung verloren haben, und ihr erster Flug findet nicht vor 2024 statt. Frühestens 2026 wird die Phase der ersten Entwicklungsflüge abgeschlossen sein und eine nennenswerte Serienproduktion beginnen, falls alle Flüge problemlos verlaufen. Aber in den letzten fünf Jahren hatte Arianespace drei Fehlstarts der Vega zu verzeichnen, darunter ein Fehlstart wegen zweier vertauschter Kabel. Hinzu kam der Start einer Ariane 5 in die falsche Flugrichtung,mit ernsthaften Problemen für einen der Satelliten an Bord.

Es ist deshalb nicht realistisch, von Arianespace vollkommen fehlerfreie Starts einer völlig neuen Rakete zu erwarten, zumal schon die Erststarts der Ariane 5 und der überarbeiteten Ariane 5 ECA scheiterten. Es ist zu einer deutlich wahrnehmbaren Qualitätsverschlechterung in der Arbeit von Arianespace gekommen, die in eine realistische Einschätzung der Tatsachen einbezogen werden muss.

Ariane Next wird nicht 2030 kommen

Auch die Entwicklung des Nachfolgers der Ariane 6 stockt. Eigentlich sollte die wiederverwendbare Testrakete Themis schon 2023 ein volles fortgeschrittenes Testprogramm, ähnlich des Grasshopper von SpaceX demonstrieren. Stattdessen ist das dafür vorgesehene Prometheus-Triebwerk noch in Entwicklung. Es wurde bisher nur wenige Sekunden getestet. Die Entwicklung soll erst Ende 2023 in Lampholdshausen fortgesetzt werden. Für den geplanten Start einer Ariane Next im Jahr 2030 sieht es damit schlecht aus.

Es ist dabei auffällig, dass alle wichtigen Kennzahlen des Prometheus-Triebwerks wie Schub, Brennkammerdruck und spezifischer Impuls ohne jede technische Notwendigkeit 5 bis 10 Prozent höher liegen als die Kennzahlen des Merlin-1D-Triebwerks von SpaceX. Eine konservativere Auslegung des Triebwerks, mit Plänen zur späteren Verbesserung wie bei früheren Triebwerken auch, hätte die Entwicklung mit Sicherheit beschleunigt.

Doch anstatt sich nun wenigstens auf die Entwicklung von Prometheus zu konzentrieren, wird bereits an dessen zukünftiger Umstellung von Methan auf Wasserstoff gearbeitet. Als mythologisch passender Name würde sich für dieses Triebwerk vielleicht der Bruder von Prometheus, Epimetheus, anbieten. Anders als Prometheus war der zumindest nicht an die Erde gefesselt.

Der Autor meint:

Ich beobachte Raumfahrt seit über 20 Jahren und das Wort, das sich mir aufdrängt ist Arroganz, die in Pressemitteilungen und Gesprächen mit Vertretern der Esa besonders in Bezug zu SpaceX immer wieder durchklang – unerschütterlich bis zur Realitätsleugnung. Im Gedächtnis blieben etwa Anmerkungen wie, dass SpaceX einen Traum verkaufe und man sie schlafen lassen solle. Und das, nachdem die Falcon 9 längst erfolgreich flog. Oder dass man in Europa einen Mercedes baue und bei SpaceX einen Tata.

Die Esa scheint kaum in der Lage zu sein, eigene Grenzen und Fehler zu erkennen. Das führt dann zu unerklärlichen Plänen wie den Aufbau einer interplanetaren Weltaumlogistik durch europäische Raumschiffe mit nuklearen Raketenantrieben bis 2035. Während die Esa 2023 keinerlei startbereite Raketen mehr hat, wähnt sie sich an der Spitze der Raumfahrt. Es ist, als lebe die Esa in einer Parallelwelt, die Kritik kaum noch zulässt.

Der Erfolg der Esa beruhte einst auf pragmatischer, zielorientierter Kooperation, ganz ohne Privatunternehmen wie SpaceX. Der untaugliche Kompromiss bei der Ariane 6 ist – ebenso wie das Scheitern der Esa an ihrer Hauptaufgabe insgesamt – vor allem auf egoistische, politische Alleingänge zurückzuführen.

Für die Zukunft der Esa gibt es nur zwei Wege: Den Weg zurück in die Welt der Tatsachen oder den Weg ihrer Vorgängerorganisation Eldo.

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 Wie Vinci zum großen Problem der Ariane 6 wurde
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knabba 07. Jul 2023

Die USA hat erkannt, dass Unternehmer einfach besser dabei sind. Das hätte Europa auch...

masel99 07. Jul 2023

Man kann sich auch fragen wieso man immer noch mit ozonzerstörenden Feststoffboostern...

dummzeuch 07. Jul 2023

Bei der ganzen Diskussion um das A380 "Debakel" sollte man eines nicht vergessen: Damit...

tbln2011 07. Jul 2023

Wenn man jetzt in Geld rechnet ist man auf dem Holzweg. Es geht schlicht um die...



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