Wie Vinci zum großen Problem der Ariane 6 wurde
Angetrieben im geschlossenen Expanderzyklus wäre es 5 Prozent effizienter als herkömmliche Triebwerke im Gasgeneratorzyklus, was einer Ariane 5 oder 6 rund eine Tonne mehr Nutzlast bringt. Dabei ist die ECB mit 6 Tonnen Leergewicht etwa 2 bis 3 Tonnen schwerer als vergleichbare Oberstufen anderer Raketen, besserer Leichtbau hätte mehr gebracht als ein Weltspitzentriebwerk. Denn Vinci benötigt einen Schub von 18 t (in der Raumfahrt sind Schubangaben in Tonnen üblich), während technisch vergleichbare Triebwerke wie das RL-10 aus gutem Grund nur 12 t Schub haben.
Vinci reizt mit dem Konstruktionsprinzip die Grenzen des technisch Machbaren aus, was die Entwicklung immer wieder verzögert hat. Dazu kam, dass 2003 die Entwicklung weitgehend eingestellt wurde, als ein Flug der Ariane 5 wegen Problemen mit dem neuen Vulcan-2-Triebwerk in der ersten Raketenstufe scheiterte und ungeplant mehr Budget zur Lösung dieses Problems benötigt wurde. 2008 wurde die Entwicklung einer Oberstufe mit Vinci wieder aufgenommen. 2012 wurde die ECB-Oberstufe ein Teil der geplanten Ariane 5 ME, deren Entwicklung aber 2014 gestrichen wurde.
Der Grund dafür waren die politischen Probleme der Ariane 6. Bis 2012 war der Plan für die Ariane 6,, zunächst eine weitere Ariane 5 mit einer neuen Oberstufe und anderen Verbesserungen einzuführen. Die Oberstufe dieser Ariane 5 ME (für: midlife evolution) sollte anschließend auch die Oberstufe der Ariane 6 werden. Ansonsten sollte die Ariane 6 mit drei P120 Feststoffboostern in der ersten Stufe und einem P120 in der zweiten Stufe fliegen, der eine verlängerte Variante des P80-Feststoffbosters in der ersten Stufe der kleinen Vega-Rakete ist.
Farce statt Rückkehr zum Pragmatismus
Die damalige Ariane 6 wäre eine Rückkehr zum alten Konzept der Ariane 4 gewesen – eine pragmatische Rakete, die mit 6,5 t Nutzlast den Anforderungen der Satellitenbauern entsprach und in hohen Stückzahlen zu akzeptablen Preisen hergestellt würde. Das Konzept war schlüssig, galt aber schon damals mit Blick auf die ersten Flüge der Falcon 9 als veraltet. Das größere Problem war aber, dass in Frankreich die Produktion der großen zentralen Wasserstoffstufe stattfand, die in dieser Ariane 6 nicht mehr existieren würde.
Deshalb setzte sich Frankreich für die Entwicklung der Ariane 5 ME vor der Ariane 6 ein. Aber DLR-Chef Jan Wörner, der die alte Form der Ariane 6 befürwortete, war 2014 gegen die Entwicklung der Ariane 5 ME, aus Kostengründen, wie er sagte. Das war für Frankreich inakzeptabel. So wurde die Entscheidung über die Ariane 6 im Jahr 2014 zur Farce.
Die neue Ariane 6 war nun eine Ariane 5 ME, aber mit vier kleinen statt zwei großen Feststoffboostern. Sie sollte aber nur halb so viel kosten. Niemand glaubte diese Angaben. Geld sollte durch eine Vereinfachung des Wasserstofftanks und des Triebwerks der ersten Stufe gespart werden, gleichzeitig wurde die zweite Stufe viel komplexer.
Ein Eiffelturm auf Rollen für die Ariane 6
Jenseits der Außendarstellung fällt es schwer, der Esa eine Kultur der europäischen Kooperation und des gegenseitigen Respekts zu attestieren. Zentraler Punkt aller Finanzierungsentscheidungen ist die Vergabe der Produktionsaufträge an die Mitgliedsländer. Lobbyisten von Zulieferunternehmen in einzelnen Esa-Staaten, die mit ihrer Zuteilung der Aufträge nicht zufrieden sind, entscheiden deshalb oft über die gesamte Raumfahrtstrategie Europas. Den Schaden tragen alle Europäer und Esa-Mitglieder.
Die Ariane 6 sollte angeblich wie die Falcon 9 horizontal montiert werden, um die teure vertikale Montage zu vermeiden. Aber tatsächlich wurde ein neues rollendes Gebäude für die vertikale Montage konstruiert, das schwerer ist als der Eiffelturm, wie man in Frankreich stolz sagt. Und wieder fehlte der neuen Rakete eine fertig entwickelte Oberstufe. Die sollte eigentlich seit 2018 Teil der Ariane 5 ME sein, gegen deren Entwicklung sich Jan Wörner beim DLR einsetzte. Die Entwicklung der Ariane 6 wurde ein großes Problem für die Esa unter deren neuem Chef, Jan Wörner.
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