Raumfahrt: Diese privaten Raumstationen könnten die ISS ersetzen

Die Internationale Raumstation ISS ist in die Jahre gekommen. Gegenwärtig erlebt sie ihr drittes Jahrzehnt im All. Und die gingen nicht spurlos an der Konstruktion vorbei: Es häufen sich Schäden durch Mikrometeoriten oder schlichten Verschleiß. Die Kosten für den Unterhalt sind immens.
Deshalb soll die ISS 2030 außer Dienst gestellt und kontrolliert zum Absturz gebracht werden. Einen eigenen Nachfolger will die Nasa danach nicht in den Orbit schicken. Stattdessen setzt die US-Raumfahrtbehörde auf private Anbieter, bei denen dann Stationszeit und Transportleistungen angemietet werden sollen.
Die Nasa beteiligt sich zwar an der Finanzierung, verlässt sich im Wesentlichen aber darauf, dass die Unternehmen genug privates Kapital für ihre Projekte aufbringen können. Vier Anbieter konkurrieren um den Zuschlag für die erste kommerzielle Raumstation.
Axiom Space hat gute Aussichten
Die Axiom Station ist ein modularer Entwurf des Unternehmens Axiom Space. Zunächst fünf Module sollen ins All geschossen werden, das erste davon voraussichtlich schon 2026.
Axiom hat sich bereits 2020 die Unterstützung der Nasa gesichert. Das Unternehmen erhielt einen Vertrag, der es ihm erlaubt, eigene Module anzukoppeln. Der Vertrag ist 140 Millionen US-Dollar schwer und umfasst die Ankopplung eines voll funktionsfähigen und bewohnbaren Moduls an die ISS. Dieses Modul mit dem Namen Hab-1 soll 2026 an die ISS ankoppeln.
Nach dem Start des zweiten Moduls soll sich Hab-1 von der ISS lösen und gemeinsam mit Hab-2 den Grundstock der neuen Raumstation bilden. Bis 2027 sollen die ersten Stationsmodule im Orbit sein.
Axiom Space hat bislang vier kommerzielle Missionen zur ISS durchgeführt und nutzte dabei Trägerraketen und Raumkapseln von SpaceX. Die bislang letzte Mission, AX-4, flog im Mai zur ISS und bestand aus je einem Astronauten aus Indien, Polen und Ungarn.
"Innerhalb der nächsten 24 Monate im All"
Hab-1 befindet sich zurzeit im Bau(öffnet im neuen Fenster) . Die Primärstruktur kommt aus Europa und entsteht bei Thales Alenia Space in Norditalien. Tests und Systemintegration sollen am amerikanischen Sitz von Axiom in Houston durchgeführt werden.
Axiom-CEO Tejpaul Bhatia zeigte sich auf der diesjährigen Luftfahrtschau im englischen Farnborough optimistisch: "Wir werden die Module innerhalb der nächsten 24 Monate im All sehen" , sagte er dem Portal Aerospace Global News(öffnet im neuen Fenster) .
Eines dieser Module wird die Energieversorgung übernehmen, während die drei anderen Unterkünfte, Labore und ein Panorama-Observatorium umfassen. Das Energiemodul soll nach der aktuellen Planung als letztes starten und sich mit den anderen verbinden. Der so entstandene Komplex wird dann von der ISS abgekoppelt und als eigenständige Station weiter funktionieren.
Auch Vast will nächstes Jahr starten
Ein anderes Unternehmen mit dem Namen Vast plant gleich zwei Stationen, deren Entwürfe aufeinander aufbauen. Haven-1 ist seit vier Jahren in der Entwicklung und soll bereits im Mai nächsten Jahres mit einer Falcon-9-Trägerrakete von SpaceX in den Orbit starten. Die Station bietet Platz für bis zu vier Astronauten, die maximal 30 Tage an Bord bleiben können.
Vast ist mit Haven-1 ähnlich weit fortgeschritten wie Axiom mit seiner Station. Laut Presseberichten(öffnet im neuen Fenster) ist das Modul zu 80 bis 90 Prozent fertiggestellt und durchläuft gerade in der Mojave-Wüste Hardware-Tests.
Die Tests an der Primärstruktur sind inzwischen abgeschlossen. Die 10 m lange Station ist komplett autonom und umfasst rund 80 Kubikmeter Wohn- und Arbeitsraum für die Besatzung. Eigene Solarpaddel sollen rund 1.000 Watt Energie liefern. An die Dockvorrichtung kann sich eine Crew-Dragon-Kapsel von SpaceX ankoppeln.
Annehmlichkeiten für Astronauten
Haven-1 soll ausschließlich kommerzieller Forschung dienen. Dafür stehen im Laborabschnitt zehn Nutzlastabteile von 30 kg und 100 Watt Energieleistung zur Verfügung. Hier können Experimente aller Art durchgeführt werden – etwa aus der Biologie oder Materialwissenschaft.
Ein Starlink-Terminal stellt die Verbindung zur Erde her. So können Experimente an Bord in Echtzeit vom Boden aus überwacht werden.
Die Vast-Entwickler haben auch den Komfort im Blick: Es gibt eine Aussichtskuppel, separate Schlafkammern und Trainingsgeräte, mit denen sich die Astronauten fit halten können.
Der Nachfolger Haven-2 könnte dann der eigentliche Erbe der ISS werden – vorausgesetzt, die Nasa entscheidet sich 2026 im Rahmen ihres Commercial LEO Destinations Program für diesen Entwurf.
Schwerkraft durch Eigenrotation
Das erste Modul von Haven-2 könnte dann mit großen SpaceX-Trägerraketen 2028 ins All gebracht werden. Astronauten und Versorgungsgüter würden die Station, die fast 6 m länger ist als Haven-1, mit Dragon-X-Kapseln erreichen.
Auf längere Sicht soll es nicht bei einer Station aus einem oder zwei Modulen bleiben. Es sollen vier weitere Module folgen sowie 2030 ein Kernmodul, an das die anderen angekoppelt werden. Aus weiteren Komponenten soll nach und nach eine rund 100 m lange Station entstehen, die dann durch Eigenrotation eine geringe Schwerkraft simulieren könnte.
Durch die Fliehkraft würde die Besatzung nicht mehr in völliger Schwerelosigkeit leben, sondern in scheinbarer Schwerkraft. Die fertige Station soll dann aus dem Kernmodul und acht weiteren Komponenten bestehen – vorausgesetzt, der Aufbau und vor allem die kommerzielle Entwicklung des Stationsprojekts gehen reibungslos voran.
Orbital Reef stand schon auf der Kippe
Bei Orbital Reef arbeiten Jeff Bezos' Raumfahrtunternehmen Blue Origin, Boeing und Sierra Space zusammen. Es soll so etwas wie ein Business- oder Gewerbepark im niedrigen Erdorbit werden, der zahlenden Kunden die Möglichkeit bietet, beispielsweise eigene Forschungsprojekte durchzuführen.
Auch Weltraumtourismus soll möglich sein. Orbital Reef(öffnet im neuen Fenster) soll Wohn- und Laborraum im Orbit, Platz für Experimente, Logistik- und Raumtransportleistungen bieten. Ebenfalls beteiligt sind Redwire Space, Genesis Engineering Solutions und die Arizona State University.
Die beteiligten Unternehmen präsentierten ihr Vorhaben im Oktober 2021. Zwei Monate später erhielten sie von der Nasa Mittel in Höhe von 130 Millionen US-Dollar. 2023 gab es Konflikte zwischen Blue Origin und Sierra Space, die das Projekt kurzzeitig auf der Kippe stehen ließen. Aber dann ging die Zusammenarbeit doch weiter.
Fast so groß wie die ISS
Im folgenden Jahr bestand das Projekt eine Reihe von Nasa-Tests. So durchlief im Sommer das von Sierra Space gebaute LIFE-Stationsmodul erfolgreich seine Drucktests. Die Abkürzung steht für Large Integrated Flexible Environment, also "große, integrierte, flexible Umgebung".
Im Prinzip sind das die Wohnmodule für die Besatzung, von denen Orbital Reef drei haben wird. Zusätzlich soll die Station aus drei Kernmodulen, fünf weiteren Modulen und einem Ausleger mit Solarpaddeln bestehen.
Orbital Reef soll voll ausgebaut einer Besatzung von zehn Astronauten Platz bieten. Das nutzbare Volumen wird bei 830 Kubikmetern liegen, das sind etwa 90 Prozent des Volumens der ISS. Als Transporter sollen Boeings Starliner-Kapsel und die Raumfähre Dream Chaser von Sierra Space dienen.
Allerdings hat Boeing mit der Starliner-Entwicklung Probleme, so dass aktuell kein weiterer Flug mit der Kapsel durchgeführt werden kann. Der Dream Chaser ist noch gar nicht ins All geflogen und ist vorerst nur für unbemannte Transportflüge eingerichtet.
Starlab liegt zurück
Das sogenannte Starlab begann als Gemeinschaftsprojekt von Nanoracks, Voyager Space und Lockheed Martin. 2021 erhielt das Konsortium ebenfalls Fördermittel von der Nasa. Lockheed Martin schied aus dem Konsortium aus, dafür kam Airbus Defence and Space hinzu. Auch der US-Luftfahrtkonzern Northrop Grumman gab seine eigenen Pläne für eine Raumstation auf und schloss sich an.
Voyager Space und Airbus haben im Januar 2024 Starlab LLC gegründet, um die Station zu entwickeln und zu bauen. Die Firma soll die Station später einmal betreiben. Später gab das Konsortium weitere Mitglieder bekannt, so etwa Mitsubishi, Lufthansa Aviation Training, Palantir und das kanadische Unternehmen MDA.
Lufthansa Aviation Training wird das Training von Besatzungen übernehmen. Palantir soll einen digitalen Zwilling der Station entwickeln, der den Betrieb von Starlab erleichtern soll. MDA liefert einen Roboterarm, nachdem es derartige Arme schon für die ISS und die Space Shuttles der Nasa produziert hat.
Mock-up in Originalgröße
Im März 2025 durchlief Starlab erfolgreich eine Überprüfung des Entwurfs durch die US-Raumfahrtbehörde und hat nun mit der detaillierten Entwicklung und dem Bau der ersten Hardware begonnen. Außerdem baut das Konsortium ein Mock-up in Originalgröße, mit dem beispielsweise das Design der Innenräume und die Arbeitsabläufe der Astronauten getestet werden können.
Starlab soll aus einem Servicemodul und einem Habitat für bis zu vier Astronauten bestehen. Der Roboterarm soll Außenarbeiten erleichtern. Die Station wird ein nutzbares Volumen von 340 Kubikmetern haben, also etwa ein Drittel des Volumens der ISS. Sie soll 2028 an Bord einer großen Starship-Rakete von SpaceX starten(öffnet im neuen Fenster) .
Erdnaher Weltraum als Wirtschaftszone
Kommerzielle Forschung im All ist eigentlich nichts Neues. Die ISS wird schon heute auch als Labor für die anwendungsorientierte, industrielle Forschung genutzt. Die Nasa will sich zukünftig aber auf bemannte Missionen zu Mond und Mars konzentrieren.
Bei der amerikanischen Präsenz im erdnahen Weltraum will sie sich dagegen auf private Anbieter verlassen. Vor vier Jahren hat die Behörde dazu das Commercial LEO Destinations Program (CLD) aufgelegt. Das Ziel ist, potenzielle Anbieter zu fördern und nach Möglichkeit mehrere kommerziell betriebene Raumstationen im niedrigen Erdorbit zu haben(öffnet im neuen Fenster) .
In der ersten Phase vergab die Nasa hierzu Studienaufträge an mehrere Wettbewerber, darunter auch Axiom, Vast, Orbital Reef und das Starlab-Konsortium. Ziel waren sichere, zuverlässige und wirtschaftlich interessante Entwürfe. In Phase 2 vergab die Nasa dann konkrete Entwicklungsaufträge an einzelne Unternehmen.
Allerdings gibt es seit Juli 2025 keine Festpreisverträge mehr. Stattdessen hält die Nasa 25 Prozent der Fördersumme zurück, bis das jeweilige Unternehmen eine Art Prototyp-Station fertiggestellt hat, die vier Astronauten bis zu 30 Tage im All versorgen kann. 2026 soll dann die Entscheidung darüber fallen, wer weiter gefördert wird. Im entsprechenden Haushaltsjahr hat die Nasa 270 Millionen US-Dollar für die kommerziellen Raumstationen vorgesehen.



