Raumfahrt: China lädt die Welt zur neuen Raumstation ein

Der Aufbau der nächsten chinesischen Raumstation soll 2020 beginnen. Noch lange vor dem Start hat China nun über die Vereinten Nationen dazu aufgerufen,(öffnet im neuen Fenster) sich an Experimenten auf der Station zu beteiligen. Dazu gehört die Durchführung von Experimenten mit den Geräten auf der Raumstation, aber auch der Bau und die Installation eigener Messgeräte innerhalb und außerhalb der Station. Noch bis 31. August können Bewerbungen abgegeben werden. Ein entsprechendes Anmeldeformular(öffnet im neuen Fenster) wird zur Verfügung gestellt. Die Anmeldungen laufen über das Büro für Weltraumangelegenheiten der Vereinten Nationen in Wien.
Der Aufruf zur internationalen Kooperation richtet sich klar gegen die Politik der USA. Im Jahr 2011 erließ die von Präsident Barack Obama geleitete Regierung ein Gesetz, das der Nasa verbietet, Geld für jede Form bilateraler Zusammenarbeit mit China oder chinesischen Unternehmen aufzuwenden, sei es zur Entwicklung, Planung, Verbreitung, Implementierung oder Ausführung bilateraler Politik, Programme, Verträge, Bestellungen, Kollaborationen oder Koordinationen - zumindest bis ein Gesetz in Kraft tritt, das anderes besagt. Dieses Gesetz(öffnet im neuen Fenster) verhindert jede chinesische Beteiligung an der Internationalen Raumstation.
Nach bisheriger Planung soll die neue Raumstation, die in dem Dokument als China Space Station (CSS) bezeichnet wird, im Jahr 2022 fertiggestellt werden. Ihre grundlegende Struktur soll aus einem zentralen Kernmodul und zwei Labormodulen bestehen. Laut Handbuch(öffnet im neuen Fenster) wird die Station eine Masse von rund 66 Tonnen haben. Dazu kommt ein frei fliegendes "optisches Modul" , ein Weltraumteleskop im gleichen Orbit wie die Raumstation.
Die Raumstation wird so groß wie die Mir
Das Zentralmodul, Tianhe, beinhaltet alle wesentlichen Steuerungsfunktionen der Station und Andockschleusen für Raumschiffe und Frachter. Das Labormodul 1, Wentian, wird als Wohnquartier für die dreiköpfige Besatzung dienen und kann im Notfall auch einige Steuerungsfunktionen übernehmen. Hinzu kommen einige Experimentalaufbauten. Das Labormodul 2, Mengtian, soll dagegen ausschließlich der Forschung dienen. Dieser grundlegende Aufbau soll aber noch erweiterbar sein.
Detaillierte offizielle Informationen über die Raumstation sind aber nur schwer zu finden. Selbst das Handbuch macht keine Angaben zur genauen Größe der Module. Es wird lediglich angegeben, dass die Experimentalaufbauten internationalen Standards entsprächen, also wohl die gleichen Abmessungen wie auf der Internationalen Raumstation haben. In einem Interview in der britischen Nachrichtenseite des Guardian(öffnet im neuen Fenster) wurden die Maße des Zentralmoduls mit 18,1 m Länge und 4,2 m Durchmesser angegeben. Die Labormodule sollen nur 14,4 m lang sein.
Die chinesische Raumstation hätte damit eine vergleichbare Größe wie die sowjetische Raumstation Mir(öffnet im neuen Fenster) im Jahr 1990 vor der Erweiterung durch die Module Spektr und Priroda im Jahr 1995 und 1996. Sie bestand am Ende aus fünf Modulen mit 12 m bis 14 m Länge und 4,2 m bis 4,3 m Durchmesser sowie einem 5 m langen Modul. Durch die modulare Bauweise soll aber auch die chinesische Raumstation erweiterbar sein.
Das optische Modul soll Hubble in den Schatten stellen
Nach chinesischen Angaben soll das frei fliegende optische Modul mit einem zwei Meter großen Teleskopspiegel nur etwas kleiner als das Hubble-Weltraumteleskop sein. Im Vergleich zu dem inzwischen technisch veralteten amerikanischen Teleskop soll es die 300fache Fläche am Himmel mit ähnlicher Auflösung beobachten können. Der Start wird aber nicht vor 2022 stattfinden. Ähnlich wie Hubble wird auch das chinesische Teleskop von Astronauten im Orbit gewartet werden können.
Das Teleskop wird sich aber im gleichen Orbit wie die Raumstation befinden. Es kann für Wartung, Reparaturen und Verbesserungen zur Raumstation zurückkehren, wo die gesamte Infrastruktur der Station zur Verfügung steht, ohne eine gesonderte Wartungsmission mit einem Raumschiff planen zu müssen. Neben astronomischen Beobachtungen soll das Teleskop auch für Erdbeobachtungen geeignet sein, was wohl auch zur Leistungsdemonstration chinesischer Spionagesatelliten dient. Auch das Hubble Space Telescope wurde zumindest aus Teilen von Spionagesatelliten gebaut.(öffnet im neuen Fenster)
Der Start der chinesischen Raumstation hat sich immer wieder verzögert. Das Zentralmodul Tianhe soll bereits 2016 fertiggestellt worden sein, im Gegensatz zur nötigen Trägerrakete Chang Zheng 5 (Langer Marsch 5). Mit rund 22 Tonnen Startmasse sind die Module zu schwer für andere Trägerraketen. Nach dem Fehlstart beim zweiten Testflug der Chang Zheng 5 im vergangenen Jahr verzögerte sich der ohnehin schon verspätete Start noch weiter. Die Ursache(öffnet im neuen Fenster) soll eine Fehlfunktion im Abgassystem der Turbopumpen der Haupttriebwerke gewesen sein.
Die Station wird von Deutschland aus nur schwer zu sehen sein
Die Raumstation wird dauerhaft drei Personen beherbergen, die mit Shenzhou-Raumschiffen zur Station gebracht werden. Beim Besatzungswechsel werden sich sechs Personen auf der Station aufhalten. Die Versorgung geschieht mit Tianzhou-Frachtern, die in Form und Aufbau weitgehend den Tiangong-1- und Tiangong-2-Raumstationen entsprechen sollen. Mit diesen Raumstationen wurden im chinesischen Raumfahrtprogramm Dockingmanöver und längere Aufenthalte im Weltraum erprobt.
An Bord der chinesischen Raumstation sollen Experimente durchgeführt werden, die von den biologischen Auswirkungen der Schwerelosigkeit über Kristallisation von Proteinen und anderen Stoffen bis zum Verhalten von Feuer in der Schwerelosigkeit reichen. Internationale Partner können Experimente für vorhandene Instrumente vorschlagen oder eigene Instrumente zur Installation auf der Raumstation zur Verfügung stellen. Sie werden dann entweder schon vor dem Start auf der Station installiert oder später mit einem Tianzhou-Frachter gebracht.
Nach der Fertigstellung soll die Station zumindest zehn Jahre in einem 340 bis 450 km hohen Orbit bleiben. Mit einer Inklination von 41 bis 43 Grad wird der Orbit, anders als der der ISS, nicht über Deutschland verlaufen. Nur in Süddeutschland dürften gute Chancen zur Beobachtung der Station bestehen.



