Raumfahrt: Auch SpaceX steht vor dem Absturz

Der Höhepunkt jeder Unternehmensgeschichte ist nicht nur der Punkt des größten Erfolges, sondern auch der Punkt, ab dem es abwärts geht. Tesla hat diesen Punkt bereits im März 2023 erreicht und ist nach dem unvermeidlichen Abstieg in der Automobilindustrie heute so schwach geworden, dass Donald Trump öffentlich einen Tesla zur Stützung des Unternehmens und dessen Aktienkurses(öffnet im neuen Fenster) kaufen muss. Nun deutet alles darauf hin, dass SpaceX eine ähnliche Entwicklung bevorsteht.
Die beiden Explosionen des siebten und achten Starships in diesem Jahr sind dabei nur ein Teil des Problems, die allerdings spektakuläre Bilder lieferten. Es sind die wirtschaftlichen und politischen Aussichten, die für SpaceX zum größten Problem werden. Denn SpaceX und Starlink können nicht mehr unabhängig von Politik diskutiert werden, seit Elon Musk auf höchster Ebene der US-Wirtschafts-, Finanz- und Außenpolitik agiert.
Das Raketengeschäft von SpaceX besteht hauptsächlich aus Starlink, einer Reihe lukrativer US-Regierungsaufträge und wenigen kommerziellen Missionen für andere Firmen und Länder, die eine niedrige Gewinnmarge haben. Den größten Umsatz macht SpaceX mit dem Betrieb von Starlink-Satelliten, eine globale Konstellation, die auf Geschäfte mit Privatkunden, Firmen und Regierungen auf der ganzen Welt angewiesen ist.
SpaceX ist nicht mehr vertrauenswürdig
Doch nun erwiesen sich die USA innerhalb weniger Wochen international als unzuverlässiger und oft sogar feindselig agierender Handelspartner. Das gilt insbesondere gegenüber dem unmittelbaren Nachbarn Kanada, dessen Annektierung als US-Bundesstaat von der US-Regierung offen diskutiert wird. Die USA brachen militärische Allianzen und unterstützen die Gegner der eigenen Alliierten. Das ist schlecht für das Ansehen und das globale Geschäft.
Nicht nur Kanada will keine Verträge mit Starlink mehr haben, auch der mexikanische Multimilliardär Carlos Slim(öffnet im neuen Fenster) wandte sich von Elon Musk ab. Dessen Mobilfunkfirma America Movil wollte innerhalb von drei Jahren 22 Milliarden US-Dollar in Satellitenkommunikation investieren – große Teile davon in Starlink.
Streit gibt es auch in Italien(öffnet im neuen Fenster) und Ähnliches wird sich unter diesen Umständen überall auf der Welt wiederholen, womit die Investoren in SpaceX ihre wirtschaftlichen Aussichten völlig neu kalkulieren werden – mit negativen Ergebnissen.
Staaten wie Südkorea, Japan und Taiwan sowie alle Staaten in Süd- und Südostasien werden ihre Sicherheit auch kaum einem Regierungschef oder einem Firmenchef anvertrauen, die jederzeit das Kappen kritischer Internetverbindungen in einer militärischen Krise befehlen können, zumal das in der Ukraine auf der Krim und im Schwarzen Meer bereits demonstriert wurde.
US-Aufträge sind kein Ersatz für den Weltmarkt
Gleiches kann auch Firmen und Privatpersonen treffen, insbesondere wenn US-amerikanische Wirtschaftspolitik zur Durchsetzung der Außenpolitik verwendet werden soll, wie es aktuell mit Zöllen gegenüber China, der EU, Kanada, Mexiko und anderen Ländern geschieht. In der Politik der USA, wo aktuell auch die Annektierung Panamas und Grönlands diskutiert wird, ist eine Abschaltung von Starlink als politisches Druckmittel längst plausibel geworden.
Elon Musk kann versuchen, staatliche Aufträge für Starlink zu sichern. Aber lukrative Aufträge für die Bereitstellung kritischer oder gar militärischer Infrastruktur werden sich in Zukunft wohl hauptsächlich auf eine dünn besiedelte nordamerikanische Provinz mit der halben Einwohnerdichte Mecklenburg-Vorpommerns und rund vier Prozent der Weltbevölkerung beschränken. Deren Schuldenstand ist mit 123 Prozent des BIP vergleichbar mit den Schulden Griechenlands am Anfang von dessen Schuldenkrise im Jahr 2009.
Die USA werden sich langfristig keine hohen Staatsausgaben mehr leisten können. Außerdem können Firmen von Elon Musk nach einem möglichen Regierungswechsel wohl keinerlei bevorzugte Behandlung mehr erwarten. Das schränkt alle für SpaceX erreichbaren Ziele unmittelbar ein. Denn es war das Geschäft mit Starlink, das die Finanzierung des Starship überhaupt erst möglich machte.
SpaceX ist 2025 eine völlige andere Firma als früher
SpaceX steht heute zusammen mit der US-Politik – von der das Unternehmen nun nicht mehr zu trennen ist – vor einer existenziellen Krise, die selbst unter den besten Umständen nur schwer zu meistern wäre. Aber SpaceX steht gleichzeitig nie da gewesenen technischen Problemen gegenüber. Dafür ist ein seit langem laufender allgemeiner Braindrain im Unternehmen genauso verantwortlich ist, wie das wachsende Desinteresse des CEO an seiner Führungsrolle.
SpaceX ist im Jahr 2025 eine völlig andere Firma als noch 2015. In der Raumfahrt galt SpaceX allerdings schon damals als ein Ort, wo trotz der harten Arbeitsbedingungen an visionären Projekten gearbeitet wurde, statt talentiertes Personal mit guten Arbeitsbedingungen anzulocken. Oft wurde die Arbeit für SpaceX im Lebenslauf genutzt, um mit Investorengeldern eigene Firmen zu gründen. So verließ auch Tom Müller das Unternehmen, der für die Triebwerksentwicklung der Falcon-Raketen verantwortlich war, und gründete Impulse Space.
Das ist kein Einzelfall.(öffnet im neuen Fenster) Der US-Raumfahrtjournalist Eric Berger schrieb zwei Bücher über die Geschichte von SpaceX, in großen Teilen auf Grundlage von Interviews mit ehemaligen Angestellten in leitenden Positionen. Auch Berger stellt in einem aktuellen Artikel(öffnet im neuen Fenster) inzwischen die Frage, ob die Firmenkultur aus ständigem Druck und engen Zeitplänen bei SpaceX nicht inzwischen mehr Schaden als Nutzen bringe.
Falcon 9 wird immer unzuverlässiger
Diese Fragen stellte er nicht nur vor dem Hintergrund der beiden Fehlstarts des Starships im Januar und März. Wobei Bergers Kontakte in der Firma den offensichtlichen Zeitdruck bestätigen, unter dem die Fehleranalyse beim siebten Flug in nur sieben Wochen scheiterte und so einen weiteren Fehlstart beim achten Flug provozierte. Auch Produktion und Betrieb der Falcon 9 werden immer unzuverlässiger, nachdem über mehrere Jahre trotz hoher Startrate kaum nennenswerte Probleme an der Rakete auftraten.
Deutlich wurde das im Juli 2024, als eine Falcon 9 nach 335 erfolgreichen Flügen in Folge erstmals wieder einen Fehlstart durch eine Fehlfunktion beim ersten Neustart der Oberstufe hatte. Seitdem kam es zu mehreren vergleichbaren Problemen beim zweiten Neustart der Oberstufe, die nach dem Aussetzen der Satelliten zum unkontrollierten Absturz der Oberstufe führt.
Am 28. September 2024 brannte das Triebwerk der Oberstufe beim Bremsmanöver nach dem erfolgreichen Start von Crew-9 zur ISS eine halbe Sekunde zu lang und verfehlte so das geplante Zielgebiet. Mit dem Starship wäre das eine potenzielle Katastrophe.
Zum völligen Versagen des Triebwerks kam es bei einem geplanten Bremsmanöver am 1. Februar 2025, als die Oberstufe im Orbit verblieb und später unkontrolliert in die Atmosphäre eintrat. Die Trümmer der Oberstufe, darunter schwere Helium-Druckflaschen, fielen auf Polen. Das letzte vergleichbare Problem trat 2021 bei Flug 109 auf.
Auch Booster gehen wieder verloren
Auch zwei erste Stufen der Falcon 9, die Booster, gingen verloren. Am 3. März 2025 ging Booster B1086 nach nur fünf Flügen verloren. Dabei handelte es sich um ein Treibstoffleck in einem Triebwerk, das schon während des Starts auftrat, aber nach der Landung zu einem unkontrollierbaren Feuer führte. Der Verlust des Boosters B1062 am 28. August 2024 hatte die gleiche Ursache, obwohl zunächst Materialschwäche nach 22 erfolgreichen Landungen in Folge vermutet wurde.
Die letzten Verluste von Boostern der Falcon 9 Block 5, der aktuellen Variante der Falcon 9, traten bei Flug 108 im Jahr 2021, den Flügen 81 und 83 Anfang 2020 und bei Flug 65 im Jahr 2018 auf. Die Häufung der Probleme in den letzten neun Monaten, angefangen mit dem ersten Totalverlust einer Nutzlast seit 2016, ist bemerkenswert.
Was Starship zur bislang schlechtesten Rakete des 21. Jahrunderts macht
Das Starship sollte nach Plänen aus dem Dezember 2020(öffnet im neuen Fenster) bereits Mitte 2022 erstmals in den Orbit fliegen, Ende 2022 den ersten Treibstofftransfer demonstrieren, Anfang 2024 erstmals zum Mond fliegen. Im ersten Quartal 2025 sollten wieder Amerikaner auf dem Mond landen, also spätestens in drei Wochen. Stattdessen ist das Starship bislang bei vier von acht suborbitalen Demonstrationsflügen explodiert und bei einem weiteren außer Kontrolle geraten.
Die Reduzierung der geplanten Testnutzlast an Bord des Starships bei Flug 8 um 60 Prozent gegenüber Flug 7 lässt außerdem darauf schließen, dass sich die längst offensichtlichen Leistungsprobleme des Starships beim Übergang zur vergrößerten Version 2 unerwartet noch weiter verschärft haben. Beobachter sprechen außerdem von einem möglichen Konstruktionsfehler der Treibstoffleitungen des neuen Starships, der einen Neubau und die Verschrottung bereits gebauter Modelle nötig machen könnte.
Die Unzuverlässigkeit des Starships ist im 21. Jahrhundert nur noch mit der Rocket 3 von Astra vergleichbar. Sie hatte nach zwei gescheiterten Testflügen in den Orbit bei den fünf folgenden Starts jeweils eine Nutzlast an Bord. Zwei Flüge erreichten davon erfolgreich einen niedrigen Erdorbit, bevor das Programm wegen absehbarer Erfolglosigkeit aufgegeben wurde. Zum Vergleich: Die New Glenn von Blue Origin startete schon beim ersten Flug erfolgreich mit einer Nutzlast an Bord .
Starship ist zu unzuverlässig für den Flug in den Orbit
Das Starship flog hingegen sechs von acht der bisherigen Entwicklungsflüge ohne jede Nutzlast. Die beiden anderen Flüge hatten Massensimulatoren, aber keine nutzbaren Satelliten an Bord. Beide scheiterten schon beim Start und die geplante Flugbahn war kein stabiler Orbit.
Den Orbit konnte SpaceX nicht anfliegen, da es in den sechs Flügen davor nur einmal gelang, mit dem Starship das Wiederzünden eines Triebwerks in Schwerelosigkeit zu demonstrieren, was für eine kontrollierte Rückkehr aus dem Orbit unabdingbar ist. Aus Sicherheitsgründen kann ein unkontrollierter Absturz des über 150 Tonnen schweren Starships aus dem Orbit nicht riskiert werden.
Das Starship muss wegen des Konzepts als schnell wiederverwendbares und für den Flug mit Menschen geeignetes Raumschiff zur zuverlässigsten Rakete aller Zeiten werden. Es muss aber zusätzlich auch genauso zuverlässig landen und in kurzer Zeit zu geringen Kosten wiederverwendet werden können.
Nichts deutet darauf hin, dass dieses Ziel in den nächsten Jahren erreichbar ist. Zur Zeit gelingt SpaceX nicht einmal eine korrekte Fehleranalyse nach einem gescheiterten Start. Das gleiche gilt für die mehrfach aufgetretenen Problemen mit der ersten und zweiten Stufe der Falcon 9. Möglicherweise fehlt dafür schlicht die Expertise von Chefentwickler Tom Müller.
Vor zehn Jahren war diese Entwicklung unvorstellbar
Das alles sind für SpaceX bislang nie dagewesene Probleme, sowohl im Geschäft als auch in der Technik. Entsprechend muss jede ehrliche Beurteilung von SpaceX im Jahr 2025 deutlich negativer als in allen vorangegangenen Jahren ausfallen. Die US-Politik spielt darin zwangsläufig eine Rolle und ihre Beurteilung wird zur Notwendigkeit bei einer Firma, deren Chef in jeder Hinsicht maßgeblich für diese Politik mit verantwortlich ist und deshalb auch selbst sagt, dass er kaum noch Zeit für seine Firmen hat .
Das Ergebnis wird in den nächsten Jahren ein Verlust an Bedeutung von SpaceX in der weltweiten Raumfahrt sein, wenn auch von einem sehr hohen Niveau aus. Vor zehn Jahren war eine solche Entwicklung unvorstellbar.
Der Autor meint dazu: Das Leben ist (k)ein Spiel
Elon Musk ist vom großen visionären Geschäftsmann zum kleingeistigen Oligarchen geworden, der inzwischen öffentlich fast alle anderen Menschen als NPCs bezeichnet(öffnet im neuen Fenster) . Er fordert 60 Stunden Arbeit pro Woche und mehr von seinen Angestellten und blickt auf sie und andere wie auf Figuren in einem Computerspiel herab. Nur die fanatischsten Fans können sein Verhalten noch entschuldigen.
Doch – um bei seiner eignen Metapher zu bleiben – im Spiel des Lebens sind wir alle die Spieler. Es ist ein AAAAA-Live-Service-Game mit sehr guter Grafik, in dem Spieler als billiger Content gegeneinander ausgespielt werden. Die Programmierer mögen es selbst nicht. Das Spiel ist Pay-to-win. Die DLCs sind teuer und wer sie sich nicht leisten kann, muss immer wieder eine langweilige Story grinden.
Dabei sind scheinbar hilfreiche NPCs wie Elon Musk nach einem schlechten Story-Twist nur noch Mini-Bosse, die von den Spielern auf dem Weg zu den Endgegnern besiegt werden müssen. Aber dafür müssen die Spieler miteinander statt gegeneinander spielen.
Fuck this game.