Cybercrime im ICE: Datendiebstahl - ganz analog
Die Diebe schlagen am frühen Dienstagmorgen zu, und das Opfer ist ausgerechnet Dieter Kempf(öffnet im neuen Fenster). Der Vorstandsvorsitzende des Nürnberger IT-Dienstleisters Datev(öffnet im neuen Fenster) und Präsident des IT-Dachverbands Bitkom reist am 19. Mai mit dem ICE zum 14. IT-Sicherheitskongress(öffnet im neuen Fenster) in Bonn. Um 13 Uhr soll er dort eine Expertenrunde über "sichere mobile Kommunikation" moderieren.
Doch dann wird ausgerechnet Deutschlands höchster IT-Repräsentant beim Zwischenstopp in Würzburg Ziel eines Angriffs von Cyberkriminellen.
Gerade ist der ICE im Hauptbahnhof eingefahren. Nur zwei Minuten haben die Fahrgäste zum Ein- und Aussteigen Zeit. Da machen sich drei Männer an ihr Werk: Der eine steht auf dem Bahnsteig Schmiere, der zweite hält die Zugtür offen, der dritte sucht im Großraumwagen der 1. Klasse nach sorglosen Geschäftsleuten, die für einen kurzen Moment ihre Laptops und Smartphones unbeaufsichtigt an ihrem Sitzplatz zurücklassen.
Eine neue Sorte Cyberkrimineller
Kempf ist in seinen Laptop vertieft, als der Dritte im Diebesbund eines seiner beiden Smartphones, ein Blackberry Z 30, aus seinem Jackett am Kleiderhaken fischt – und flieht. Der Bitkom-Chef hat Glück im Unglück: Sein Blackberry mit dem neunstelligen Zugriffscode und dem achtstelligen Code ins Firmennetz lässt sich kaum knacken. Dennoch sagt er: "Ich ärgere mich am meisten über mich selbst. In Zürich ist mir das schon mal passiert", sagt er.
Mehrfach hat Kempf in den vergangenen zwei Wochen diese Geschichte in Managerkreisen erzählt – und dabei unter vier Augen erfahren, dass vielen Kollegen schon das Gleiche passiert ist. Denn offenbar hat es eine neue Sorte Cyberkrimineller auf Firmendaten abgesehen.
Anders als gewöhnliche Hightech-Kriminelle hacken sie sich aber nicht in die Datennetzwerke ihrer Opfer, um diese Daten dann missbräuchlich einzusetzen. Ihnen geht es gar nicht so sehr um die ergaunerten Bits und Bytes; die sind vielmehr Mittel, um von den eigentlichen Besitzern Lösegeld zu erpressen.
Besonders viel Lehrgeld musste der Frankfurter Rechtsanwalt Klaus Müller (Name von der Redaktion geändert) zahlen. Der Jurist, zu dessen Mandanten auch Topmanager gehören, hatte nur kurz seinen Sitzplatz verlassen, um ein Getränk aus dem Bordrestaurant zu holen. Als er zurückkehrte, war sein Laptop verschwunden. Keine Stunde später griffen die Diebe erstmals auf Dokumente und Kontaktlisten zu, die im kanzleiinternen Netzwerk unverschlüsselt hinterlegt waren.
Laptop zurück für 90.000 Euro
Sie boten Müller die Rückgabe des Laptops gegen eine Lösegeldzahlung in Höhe von 90.000 Euro in bar. Müller sah keine andere Wahl und zahlte. Rechtsanwälte unterliegen der Schweigepflicht. Wenn vertrauliche Dokumente durch den Diebstahl des Laptops in fremde Hände fallen, kann das mit Entzug der Zulassung und einer Gefängnisstrafe von bis zu einem Jahr geahndet werden.
Die Opfer zu erpressen, bringt also offenbar mehr Geld, als gestohlene Daten weiterzuverkaufen. "Wir beobachten einen Anstieg von Erpressungsfällen", sagt Alexander Geschonneck, Leiter Forensic bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG. Zumal viele Manager überraschend sorglos sind: "Wenn ich sehe, wie viele Laptops während der Kaffeepausen bei großen Konferenzen unbeaufsichtigt in Hotelsälen zurückgelassen werden, dann handeln viele grob fahrlässig", sagt der Karlsruher Strafverteidiger Matthias Klein.
Marco Gercke, Chef des Cybercrime Research Institute, ist auch überzeugt, dass es in Zukunft noch mehr Erpressungen im Cyberraum geben wird: "Das Risiko einer Identifikation ist für die Täter aufgrund der anonymen Kommunikations- und Zahlungsverfahren deutlich geringer." So nutzen Cybererpresser längst auch andere Möglichkeiten, von Firmen Geld einzufordern.
Viele Firmen zahlen an Erpresser
Ende Oktober bombardierten bisher Unbekannte die Webserver der Münchner Fidor Bank und des Düsseldorfer IT-Dienstleisters Sipgate mit so vielen Anfragen, dass sie unter der Last zusammenbrachen. Sodann meldeten sich die Übeltäter per Mail bei den Geschädigten mit den Worten: "Hallo, wie Sie hoffentlich festgestellt haben, haben wir Ihre Webseite für fünf Stunden offline genommen. Wir geben Ihnen bis 13 Uhr Zeit, sich bei uns zu melden zwecks Zahlungsvereinbarung."
Die beiden Unternehmen entschieden, die Polizei einzuschalten und nicht zu zahlen. Anschließend rollte eine noch größere Anfragewelle auf die beiden zu. Andere Unternehmen geben deshalb lieber klein bei, erstatten keine Anzeige und zahlen.
Selbst ein in Bayern ansässiges Dax-Unternehmen, berichten Sicherheitsexperten, habe erst kürzlich einem Erpresser nachgegeben. Der hatte die Kontrolle über einen Server der Firmen-Webseite übernommen und gedroht, den gesamten Verkehr auf eine originalgetreu gefälschte Homepage umzuleiten. Das Unternehmen konnte zwar das Lösegeld etwas herunterhandeln, am Ende flossen aber mehr als zwei Millionen Euro.
Mitunter nehmen die Erpressungsversuche bereits mafiöse Konturen an. Systemadministratoren, das sind die Experten in den Unternehmen mit den umfassendsten Zugriffsrechten auf die IT-Systeme, bekamen schon anonyme Päckchen, die einen USB-Stick mit einem Spionageprogramm enthielten. Er möge den USB-Stick in seinen Rechner stecken, forderte ein Absender einen Empfänger auf, wenn ihm an der Gesundheit seiner Kinder gelegen sei. "Solche Fälle hat es auch in Deutschland schon gegeben", sagt ein Sicherheitsberater. "Aber das wird kein Unternehmen zugeben."
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