Raspberry Pi 2: Die Feierabend-Maschine

Während andere versuchen, produktiv mit ausgewachsenen Desktopanwendungen mit dem neuen Raspberry Pi 2 zu arbeiten, wollen wir einfach nur spielen – und Videos gucken. Deswegen haben wir ausprobiert, ob Open Elec fürs Mediencenter und Retro Pie als Spielekonsolen-Emulator von der gestiegenen Rechenpower des Raspberry Pi 2 profitieren. Um es vorwegzunehmen: Ja, das tun sie. Ein Problem gibt es nur an einer Stelle, und daran ist wohl nicht die Hardware schuld.
Wer eine unkomplizierte Mediencenter-Lösung auf dem Raspberry Pi sucht, wird mit Open Elec(öffnet im neuen Fenster) bestens bedient. Die reduzierte Linux-Distribution wurde um Kodi/XBMC(öffnet im neuen Fenster) herum aufgebaut. Es ist eine fertig konfigurierte Lösung: Image-Datei von der Webseite herunterladen(öffnet im neuen Fenster) , auf eine Micro-SD-Karte schreiben, in das Raspberry einlegen, fertig.
Da für das Raspberry Pi 2 ein neuer Kernel notwendig ist, konnten die bestehenden Images nicht verwendet werden. Aber kaum 24 Stunden, nachdem das Raspberry Pi 2 erschienen war, stellte das Open-Elec-Team bereits die Version 5.0.1 zur Verfügung. Diese funktioniert auch auf dem neuen Pi.

Während dieser Artikel entstand, wurde bereits die Version 5.0.3 veröffentlicht – doch selbst bei der früheren Version hatten wir nichts an Open Elec auszusetzen. Egal, ob wir Full-HD-Filme vom USB-Stick oder per Ethernet von unserem Samba-Fileserver anschauten: Nie ruckelte es. Zu keinem Zeitpunkt fror die Bedienungsoberfläche ein oder reagierte zu spät. Innerhalb unseres Netzwerks konnten wir gleichzeitig per SSH, SMB und über den eingebauten Webserver auf das Raspberry Pi zugreifen.
Alle notwendigen Einstellungen zum Ansprechen des Netzwerklaufwerkes und zum Aktivieren des SSH-Zugangs können wir flüssig über die Open-Elec-Oberfläche vornehmen – ohne weitere Konfiguration sogar per TV-Fernbedienung, denn unser Fernseher beherrscht CEC über HDMI(öffnet im neuen Fenster) .
Unser Raspberry Pi hing während des Tests auch mehrere Tage angeschaltet am Fernseher. Sobald wir den Fernseher anschalteten oder vom normalen Fernsehprogramm zum Raspberry wechselten, war dieser sofort ansprechbar. Weder stellten wir in dieser Zeit eine merkliche Wärmeentwicklung fest, noch zeigten sich Instabilitäten.
Einen Schreckensmoment hatten wir lediglich, nachdem wir von einem frisch per SMB eingebundenen Netzlaufwerk ein Video abspielten. Dies begann plötzlich zu stocken, und das Pi reagierte nur noch verzögert auf unsere Benutzereingaben. Die Ursache war einfach zu finden, Open Elec war damit beschäftigt, das relativ große SMB-Laufwerk zu indizieren. Als das einmal erledigt war, gab es keine solchen Verzögerungen mehr.
Unkompliziertes Daddeln
Die Idee von Open Elec – eine einfache und universelle Mediencenter-Lösung – will Retro Pie(öffnet im neuen Fenster) für Linux-basierte Emulatoren auf dem Raspberry Pi umsetzen. Dabei liegt der Schwerpunkt auf der Emulation von Spielekonsolen und eher historischen Computern wie auch Betriebssystemen. Insgesamt stehen rund 30 verschiedene Emulatoren bereit.
Retro Pie baut dabei in erster Linie auf zwei Projekten auf: Emulationstation(öffnet im neuen Fenster) als zentrale Oberfläche für die Emulatoren und das Retroarch-Projekt(öffnet im neuen Fenster) als Emulatorenplattform. Retro Pie vereinheitlicht die Installation und Konfiguration der verschiedenen Emulatoren und Treiber für Spielecontroller – oder versucht es zumindest.

Es gibt zwei Wege, um Retro Pie zu nutzen: per Installationsskript auf einer bestehenden Raspbian-Installation oder als vorbereitetes Image für die SD-Karte. Der einfachste und schnellste Weg ist der Download des Images(öffnet im neuen Fenster) . Dabei empfiehlt es sich, den Torrent-Link(öffnet im neuen Fenster) zu nutzen. Denn der Download über den Browser direkt von der Webseite des Projektes ist quälend langsam. Wie bei Open Elec ist die Image-Datei dann auf eine Micro-SD-Karte zu schreiben.
Mit Ausnahme von Linux-Portierungen, zum Beispiel von Quake und Doom, befinden sich auf dem Image aber keine weiteren Spiele. Es ist dem Benutzer überlassen, die ROM-Abbilder von Spielekonsolen-Cartridges zu organisieren.
Liegen die ROMs vor, müssen sie auf die Micro-SD-Karte kopiert werden. Da das roms -Verzeichnis der Retro-Pie-Installation als Netzwerklaufwerk verfügbar ist, ist das nicht sehr aufwendig. Leider erkennt Emulationstation neue ROMs beziehungsweise Spiele-Dateien nicht ohne Programm-Neustart.
Flott auch ohne Übertakten
Die meisten Emulatoren liefen auch schon auf dem Raspberry Pi 1 weitgehend schnell genug. Nur Spielekonsolen der 5. Generation(öffnet im neuen Fenster) waren ein Problem. Durch Übertakten ließ sich aber auch das durchaus lösen. Mit dem Raspberry Pi 2 ist kein Übertakten mehr notwendig. Obwohl die Emulatoren üblicherweise nicht von den Mehrkernprozessoren im Raspberry 2 profitieren, reicht doch der reine Rechenleistungszuwachs eines Kerns. Eindrucksvoll zeigt sich das beim Playstation-1-Emulator. Crash Bandicoot und Wipeout laufen ohne den geringsten Ruckler. Leider gilt das nur eingeschränkt für den N64-Emulator, doch dazu später mehr.
Unser kabelgebundener Xbox-360-Controller mit USB-Adapter läuft ohne weiteren manuellen Eingriff. Dessen Konfiguration in Emulationstation gilt aber auch nur für diese selbst. Die Controller- oder Tastaturkonfiguration der Emulatoren hingegen erfordert unter Umständen zusätzliche Handarbeit. Unterstützung erhält der Spieler dabei von einer Suchmaschine seiner Wahl. Mit der jeweiligen Standardkonfiguration in den Emulatoren für unseren Xbox-Controller kamen wir aber zurecht.
Wer selbst die Konfiguration vornehmen will, sollte beachten, dass in den aktuellen Versionen von Retro Pie die Konfigurationsdateien nicht mehr im Home-Verzeichnis liegen, sondern unter /opt/retropie/configs zu finden sind. Zuweilen sind hier Tutorials und Forenbeiträge nicht auf dem aktuellen Stand. In den entsprechenden Konfigurationsdateien kann meist nicht nur die Steuerung konfiguriert werden, sondern auch die Grafikausgabe und spielespezifische Einstellungen.
Mario-Fans sollten Experimente wagen
Bei unseren ersten Versuchen mit Retro Pie auf dem Raspberry Pi 2 konnten wir noch nicht auf das offizielle Image zurückgreifen. Wir behalfen uns deshalb mit dem Installationsskript auf einer frischen Raspbian-Installation.
Mit dem Skript hat der Benutzer zwei Möglichkeiten der Installation: das Aufspielen von Binaries oder das Herunterladen und Kompilieren des Quellcodes aller notwendigen Softwarepakete. Wir entscheiden uns für das Selbstkompilieren. Die angegebene Zeitdauer der Installation sollte ernst genommen werden. Auch auf dem Raspberry Pi 2 dauerte es bei uns die ganze Nacht, bis alles heruntergeladen und kompiliert war.
Es gelang uns zwar, eine ganze Reihe von Emulatoren in Betrieb zu nehmen, wir scheiterten aber beim N64-Emulator. Wir konnten die Spiele in Emulationstation zwar anwählen und starten, doch landeten wir im besten Fall nach wenigen Sekunden wieder in der Emulationstation-Oberfläche. Im schlechtesten Fall schien das Raspberry Pi ganz einzufrieren.
Wir änderten unser Vorgehen: Statt direkt am Pi zu arbeiten, griffen wir über einen anderen Computer per SSH zu und starteten Emulationstation. Die Oberfläche wurde weiterhin über HDMI auf unserem Fernseher dargestellt, die Konsolenausgaben des Emulators landeten aber in unserem SSH-Terminal.
Bei der Fehlersuche stießen wir darauf, dass es sich nicht um ein spezifisches Problem auf dem Raspberry Pi 2 zu handeln scheint. Der N64-Emulator Mupen64plus(öffnet im neuen Fenster) wurde in den vergangenen Monaten nicht sehr intensiv gepflegt.

Die Lösung war schließlich, in der Konfigurationsdatei des N64-Emulators das Video-Plugin auszutauschen. Als Video-Plugin trugen wir das Rice-Plugin ein. So ließ sich der Emulator per Kommandozeile starten. Allerdings war die Grafikperformance nicht begeisternd, die Tonausgabe abgehackt und Spiele wurden nicht im Vollbildmodus dargestellt. Nicht davon betroffen war unsere Steuerung per Xbox-Controller. Steuerungsanweisungen und das Drücken von Buttons wurden sofort umgesetzt.
Im neuen offiziellen Retro-Pie-Image wurde dieses Problem bereits korrigiert. Die Grafikperformance hat sich leicht verbessert, Ton-Aussetzer sind seltener. Bei Star Fox 64 ruckelt es sichtbar, Mario Kart 64 hingegen ist recht gut spielbar.
Für N64-Fans besteht aber Hoffnung. Praktisch gleichzeitig mit der Einführung des Raspberry Pi 2 haben die Macher hinter Mupen64plus verkündet, dass neue Programmierer für das Projekt gewonnen werden konnten und dieses Jahr wieder ein stabiles Release erscheinen soll.
Fazit
Das Raspberry Pi 2 ist mit der aktuellen Open-Elec-Version ein absolutes Vergnügen. Für alle, für die der fehlende SATA-Anschluss kein Ausschlusskriterium ist, ist das neue Raspberry wohl die preiswerteste Möglichkeit, ein Mediencenter aufzubauen.
Grundsätzlich gilt das auch für Retro Pie. Als Retro-Spielkonsole funktioniert das Raspberry Pi problemlos – mit Ausnahme des etwas ruckeligen N64-Emulators.
Der größere Aufwand, Retro Pie beziehungsweise vielmehr die Emulatoren an die eigenen Wünsche anzupassen, ist derzeit dem insgesamt geringen Stand der Integration geschuldet. Aber ohne Retro Pie wäre der Aufwand, auch nur einen Bruchteil der Emulatoren zu installieren und zum Laufen zu bringen, deutlich größer. Mit Retro Pie ist das an einem Feierabend erledigt.



