Ralph Dommermuth: 1&1-Chef versteckt sich auf dem Mobile World Congress

Das erste landesweite 5G-Open-RAN Netz in Europa, das 1&1 Mobilfunk derzeit errichtet, hat die Besucher des Mobile World Congress in Barcelona in dieser Woche sehr interessiert. In vielen Gesprächen auf dem Branchengipfel war das neue vierte Netz in Deutschland Thema. Unter den Key-Note-Sprechern des Kongresses war 1&1-Chef Ralph Dommermuth allerdings nicht zu finden, obwohl er nach Informationen der Wirtschaftswoche auf dem MWC(öffnet im neuen Fenster) war.
Tim Höttges, Chef der Deutschen Telekom, sprach sich in seiner Keynote eindeutig für Open RAN aus und forderte ein "Ende der Black Boxes" , wie er die proprietäre Antennentechnik der etablierten RAN-Ausrüster nannte. Kurz zuvor hatte die Telekom ein White Paper herausgegeben, das viele Kritikpunkte an Open RAN zusammenträgt.
1&1-Chef Dommermuth hatte im Januar 2023 über den Beginn der Netzstart-Phase gesagt(öffnet im neuen Fenster) : "Mit der Inbetriebnahme unseres Open-RAN-Netzwerks sind wir Pioniere, die nun in Deutschland den Beleg für das Funktionieren der weltweit modernsten Netztechnik liefern." In Barcelona sagte er nichts. Zumindest nicht öffentlich.
Auch nicht bei den beiden thematischen Sessions zu Open RAN im MWL Broadcast Studio in Halle 4 und auf Stage A in Halle 6. Fast alle Zuschauerplätze waren besetzt, Dommermuth oder andere Redner von 1&1 suchte man vergebens.
Mit dabei war zum Beispiel Sidd Chenumola, Vice President Technology Development beim neuen US-Mobilfunkbetreiber Dish, der sich über die vielen Zuschauer wunderte. Er erklärte:(öffnet im neuen Fenster) "Wir sind komplett O-RAN, wir haben bis heute bereits Tausende Sites aufgebaut."
"Wir arbeiten mit Marktführern wie Mavenir und sind Multivendor. Wir sind wirklich zufrieden mit der Performance" , sagte Chenumola weiter. Durch Auflagen des US-Justizministeriums musste Sprint beim Verkauf seines Netzes an T-Mobile US sein Prepaid-Geschäft an Dish Network abgeben, wofür rund 1,4 Milliarden US-Dollar gezahlt wurden.
Noch wichtiger: Das 800-MHz-Spektrum von Sprint wurde für rund 3,6 Milliarden US-Dollar an Dish verkauft. Im April 2020 schloss die Telekom die Übernahme von Sprint in den USA ab. Dish Network hat laut Chenumola in weniger als drei Jahren Tausende Sites gebaut und live geschaltet.
Rakuten: Weltgrößtes Open-RAN Netzwerk für 4G und 5G
Francisco Martin Pignatelli, Head of Open RAN bei Vodafone, betonte die Notwendigkeit der Zusammenarbeit mit Open-RAN-Experten wie NTT Docomo. Für sie saß Sadayuki Abeta, Head of Open RAN Solutions, auf dem Podium. "Open RAN ist live. Wir haben ein großes Projekt im Vereinigten Königreich. Die Performance ist bereits gut." Jedoch brauche man "noch ein oder zwei Jahre, um das Potenzial zu erreichen."
Bei der Hauptveranstaltung Open RAN: The Debate sagte Alex Choi(öffnet im neuen Fenster) , Chairman der O-RAN Alliance und Senior Vice President bei der Telekom, dass 32 Netzbetreiber in der O-RAN Alliance tätig seien. "Wir sind für ein offenes Ökosystem" , betonte er.
Raghunath Hariharan, Technikchef bei Rakuten Symphony, erklärte über die Timeline des weltgrößten Open-RAN-Netzes: "Wir befähigen zusammen mit Rakuten Mobile das weltgrößte Open-RAN-Netzwerk für 4G und 5G. Zusammen mit Rakuten Mobile sind wir seit 2017 auf dieser Reise. Der erste Ausbau startete 2018 und der kommerzielle Beginn war Anfang 2020."
Open RAN: Dommermuth hat viele Jahre verstreichen lassen
Um den schwachen Open-RAN-Ausbau in Deutschland und vielleicht auch das Fehlen von Dommermuth auf den Bühnen in Barcelona zu erklären, ist die Timeline wichtig: 1&1/United Internet ersteigerte bereits im Juni 2019 seine Frequenzen in Deutschland. Danach verstrichen viele Jahre. Mit dem staatlichen chinesischen Ausrüster ZTE verhandelte United Internet laut einem Medienbericht im Dezember 2018 über einen möglichen Großauftrag.
Es wurde der Plan diskutiert, ZTE den Aufbau eines 5G-Netzes übernehmen zu lassen. United Internet würde anschließend die Infrastruktur leasen. "1&1 Drillisch hat mit allen namhaften Netzausstattern gesprochen" , sagte ein Unternehmenssprecher. Mit zwei Anbietern seien die Verhandlungen weitestgehend abgeschlossen. Einer der Anbieter komme aus China.
1&1 lässt sein Mobilfunknetz vom japanischen Open-RAN-Netzbetreiber Rakuten aufbauen. Dommermuth hat bei öffentlichen Auftritten in der Vergangenheit mehrfach betont, er wolle keine "chinesischen Ausrüster" .
Rakuten wurde Generalunternehmer und trägt die Verantwortung für den Aufbau und die Planung. Fronthaul, Midhaul und Backhaul werden über die Schwestergesellschaft 1&1 Versatel realisiert.
Erst im Dezember 2021, also zweieinhalb Jahre nach Ende der Frequenzauktion, schloss 1&1 mit der Vodafone-Funkturmgesellschaft Vantage Towers einen Vertrag zur Anmietung von Antennenstandorten. Vantage Towers soll laut Dommermuth nun schuld daran sein, dass man statt 1.000 Standorten nur unter zehn ausgebaut hat.
Vodafone reagierte laut dpa mit "Unverständnis" auf die Kartellbeschwerde von 1&1. Man habe die Anschuldigungen von 1&1 "mit Verwunderung zur Kenntnis genommen. Den Vorwurf der Behinderung durch unser Haus weisen wir zurück" , sagte ein Sprecher.
Der größte Sendemastbetreiber in Deutschland ist die Deutsche Funkturm der Telekom mit mehr als 33.000 Standorten, die zur Funkturmsparte GD Towers gehört. Laut informierten Branchenkreisen soll es anhaltende Gespräche von Dommermuth mit dem Marktführer geben.



