Qualityland 2.0: Der bekackte Dritte Weltkrieg
Qualityland 2.0 – Kikis Geheimnis ist die Fortsetzung von Marc-Uwe Klings erfolgreichem Science-Fiction-Roman Qualityland. Es spielt in einer nahen Zukunft, in der das gesamte Leben von Algorithmen optimiert ist. Im ersten Band versucht der Protagonist Peter Arbeitsloser vergeblich, einen ihm unbestellt gelieferten Delfinvibrator wieder loszuwerden – und hinterfragt am Ende das gesamte System.
Auch im zweiten Band ist Peter wieder die Hauptperson. Im folgenden Kapitel stehen aber zwei andere Charaktere im Vordergrund: der amtierende Präsident von Qualityland, Tony Parteichef, und seine Beraterin Aisha Ärztin. In der Nacht zuvor hat der dritte Weltkrieg zwischen 64 Ländern stattgefunden. Qualityland hat ihn in acht Stunden und 16 Minuten gewonnen. Viel Spaß beim Lesen!
Nur Leute mit einem IQ über 150 kapieren das folgende Kapitel
Tony Parteichef blickt aus dem Panoramafenster seines Büros. Der Jetlag von der Reise nach Quan 1 sitzt ihm noch in den Knochen. Und jetzt das ..."War das wirklich nötig?", fragt er.
"Was meinen Sie, Herr Präsident?", fragt General Dragqueen.
Tony dreht sich zu ihm um. "Dieser Dritte Weltkrieg, wie ihn die Medien nennen. War das wirklich nötig?"
"Ich verstehe nicht, wo das Problem liegt", sagt der General. "Wir haben doch gewonnen."
"Aber zu welchem Preis?", fragt Tony.
"Dreiunddreißig Millionen Tote", sagt Aisha.
"Wir gehen von nur acht Millionen ...", will der General korrigieren, aber Aisha bringt ihn durch einen Blick zum Schweigen.
"Und das alles so kurz vor dem Parteitag!", sagt Tony. "Als ob ich nicht eh schon unter Druck stehen würde. Conrad Koch hält seine Fresse in jede Kamera, fordert Neuwahlen und verbreitet seine Vermutungen, dass ich hinter dem Attentat auf John of Us stecke! Wissen Sie, was das Wort Vermutung heute bedeutet? Es ist eine Lüge, für die man nicht verklagt werden möchte!"
"Auch in unserer Partei rumort es gewaltig", sagt Aisha zum General. "Es wäre also schön, wenn Sie uns mit ein paar Informationen versorgen könnten."
"Darum frage ich Sie noch mal", sagt Tony. "War dieser Dritte Weltkrieg wirklich nötig?"
"Nun ja, unsere Analysten sitzen noch an den Daten und versuchen zu extrahieren, was die Entscheidung der Verteidigungsalgorithmen ausgelöst hat", erwidert General Dragqueen. "Wir gehen momentan von einer Ereigniskaskade verschiedenster autonomer Trigger aus, also Trigger auf unserer Seite und Trigger aufseiten der Gegner, die sich gegenseitig durch ihre getriggerten Reaktionen auf das Triggern der Trigger, äh, getriggert haben."
"Sie sollten irgendetwas mit Sprache machen", sagt Aisha."Ich glaube, da liegt Ihr Talent. Als Verteidigungsminister scheinen Sie mir hingegen fehl am Platz."
Auch Tony schüttelt den Kopf. "Ja, Sie triggern gleich bei mir was mit diesem Geschwafel. Sie wissen also nicht, was genau den Dritten Weltkrieg ausgelöst hat?"
"Das ist nicht ganz korrekt", sagt der General. "Wir haben das Wissen. Es ist nur noch nicht aufbereitet."
"Sie wollen mir also ernsthaft verkünden", sagt Tony, "dass an der Entscheidung, die zum Dritten Weltkrieg geführt hat, kein einziger Mensch beteiligt war?""So kann man das nicht sagen. Es waren schon Menschen, die die Vorgaben der einzelnen ..." Der General räuspert sich."... Trigger ..."
"Wenn Sie noch einmal Trigger sagen ...", unterbricht ihn Aisha, "ich schwöre es Ihnen bei der unpenetrierten Muschi der Heiligen Jungfrau, dann reiße ich Ihnen Ihren Trigger ab, stecke ihn in ein Hotdog-Brötchen und werfe ihn im Zoo den Säbelzahntigern zum Fraß vor."
"Es ist verboten, die Tiere im Zoo zu fütt...", beginnt der General.
"Obwohl es verboten ist!", ruft Aisha.
"Verstehe ich Ihr Ablenkungsmanöver richtig?", fragt Tony."An der direkten Entscheidung, die den Krieg ausgelöst hat, in dem Moment, in dem er ausgelöst wurde, war kein Mensch beteiligt?"
"Ja schon, aber wie soll denn das auch gehen?", fragt der General. "Haben Sie schon mal bei einer Partie Blitzschach zugesehen? Es ist extrem schwer, dem Geschehen zu folgen, ganz zu schweigen davon, in dieser Geschwindigkeit Entscheidungen zu treffen. Und jetzt stellen Sie sich noch vor, nicht zwei Menschen, sondern zwei Computer würden gegeneinander Blitzschach spielen. Schwarz wäre schon schachmatt, bevor Sie auch nur verarbeitet hätten, dass Weiß seinen Eröffnungszug gemacht hat."
Krieg wie Blitzschach
"Aber warum muss es denn überhaupt Blitzschach sein?", fragt Tony. "Warum muss denn immer alles so schnell gehen?"
"Vielleicht wäre es die beste Entscheidung gewesen, relativ bald nach dem Eröffnungszug ein Remis anzubieten", sagt Aisha.
"Leider gilt immer noch, was Sunzi vor über zweitausend Jahren in Die Kunst des Krieges geschrieben hat", sagt der General,"›Geschwindigkeit ist die Essenz des Krieges.‹""Wollen Sie mir mit Ihrem Trivial-Pursuit-Wissen imponieren?", fragt Aisha. "Reden Sie Klartext!""Es muss so schnell gehen, wegen des OODA-Loops", sagt der General."Genauso gut hätten Sie sagen können, wegen des Hula-Hoops", sagt Tony. "Beides wäre gleich rätselhaft für mich."
"OODA steht für observe, orient, decide, act. Also beobachten, orientieren, entscheiden, handeln. Diesen Kreis durchläuft jeder Kriegsteilnehmer immer und immer wieder. Es ist vorteilhaft, den OODA-Loop schneller zu durchlaufen als der Gegner. Da das eigene Handeln die Situation verändert, zwingt man Idealfall den Gegner dazu, seinen OODA-Loop von vorne zu beginnen, bevor er überhaupt zum Handeln gekommen ist. Er muss also die veränderte Situation erst wieder beobachten und sich orientieren ..."
"Guter Mann!", ruf Tony. "Kann man denn aus Ihnen keine vernünftige Antwort herausbekommen? Ich habe doch eine ganz einfache Frage gestellt! Warum entscheiden Algorithmen über Krieg und Frieden und nicht ich? Ich bin der gewählte Präsident von QualityLand, verdammt noch mal."
"Der gewählte Vizepräsident."
"Sie begeben sich auf ganz gefährliches Terrain, Herr General", sagt Tony. "Haben Sie etwa keine Lust mehr auf Ihren Job?"
"Meine ›Lust‹ hält sich tatsächlich in Grenzen."
"Nach Ihren Ausführungen ist mir sowieso nicht ganz klar, wofür wir überhaupt noch Generäle brauchen", sagt Aisha.
"Was tun Sie denn, wenn Sie keine kriegswichtigen Entscheidungen treffen?""Mein Job ist es, Leuten wie Ihnen zu erklären, was passiert ist."
"Das machen Sie aber nicht besonders gut!", ruf Tony. "Was soll denn das ganze Gelaber über Hula-Hoop?"
"Hätten Sie gedient, könnte ich mir die Einführung in die moderne Militärstrategie sparen."
"Worauf wollen Sie hinaus?", fragt Aisha.
"Unsere Streitkräfe agieren vollständig autonom."
"Ja", ruft Tony, "aber warum? Warum?"
"Wir haben gar keine andere Wahl, wenn wir vom Gegner nicht abgehängt werden wollen. Sehen Sie, grundsätzlich gibt es halbautonome Systeme, überwachte autonome Systeme und vollständig autonome Systeme. Sie unterscheiden sich dadurch, wie sie den OODA-Loop handhaben. Bei einem halbautonomen System beobachtet die Maschine, sie orientiert sich und entscheidet sich für eine Handlungsmöglichkeit. Aber bevor sie tatsächlich handelt, wird die Entscheidung einem Menschen vorgelegt, der dann entscheidet, ob die Maschine handeln soll. Der Mensch ist ›in the loop‹. Das Problem dabei ist natürlich, was ich vorher schon angesprochen habe ..."
"Es hat Vorteile, den Loop schneller zu durchlaufen als der Gegner", sagt Aisha.
"Korrekt. Und ein Mensch im Loop verzögert das Handeln ungemein. Darum sind unsere Streitkräfe schon sehr früh zu überwachten autonomen Systemen übergegangen. Bei diesen ist der Mensch ›on the loop‹. Das heißt, die Maschine beobachtet, orientiert sich, entscheidet und handelt selbstständig, wird dabei aber von einem Menschen überwacht, der jederzeit eingreifen kann. Das Problem dabei ist nur ..."
"Das Computer-Blitzschach", sagt Tony.
"Korrekt", sagt der General. "Offiziell sind unsere Systeme immer noch alle überwacht. Aber in der Realität treffen sie so schnell Entscheidungen – müssen sie so schnell Entscheidungen treffen, um nicht langsamer zu sein als die der Gegner – dass man eigentlich von vollständig autonomen Systemen sprechen sollte. Der Mensch ist ›out of the loop‹. Und deswegen kann ich Ihnen augenblicklich keinen Menschen nennen, der weiß, welcher Tri... welcher Entscheidungsauslöser, die, äh, Entscheidung ausgelöst hat. Für den Dritten Weltkrieg, meine ich."
"Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner weiß, warum", brummt Tony.
"Können Sie mir denn wenigstens sagen", fragt Aisha, "gegen welche Länder wir Krieg geführt haben?"
"Nun, äh, nicht aus dem Stehgreif", sagt der General. "Aber das herauszufinden sollte kein größeres Problem sein."
Aisha blickt ihn fassungslos an.
"Nun, sicherlich Quan 7", sagt der General. "Alles andere würde mich verwundern."
"Sonnige Strände, faszinierende Ruinen", murmelt Aisha.
"Sehr wahrscheinlich auch Quan 3, 5 und 8", fährt der General fort. "Schweden ..."
"Schweden?", fragt Tony. "Warum denn Schweden?"
Daten aus dem Arsch ziehen
"Nur so ein Gefühl", sagt der General. "Quan 1 hat sich sehr wahrscheinlich rausgehalten, sonst hätte das Ganze länger gedauert. Und ehrlich gesagt hätten wir vielleicht sogar verloren. Nach allem, was man hört, hat uns Quan 1 auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz schon vor Jahren rechts überholt. Deshalb werde ich nicht müde, zu erklären, dass unser Militär dringend mehr Geld ...""Sie sind ja in gleichem Maße forsch wie inkompetent", sagt Aisha."Es soll in Quan 1 eine Autobahn geben, deren Oberfäche aus Solarpaneelen besteht", sagt der General. "Und nicht nur das. Die Autos werden sogar beim Fahren aufgela..."
"Ja, ja", sagt Tony. "Erzählen Sie mir was Neues.""Zum Beispiel darüber, wie es zum bekackten Dritten Weltkrieg kam!", sagt Aisha.
"Unsere Analysten arbeiten unter Hochdruck ..."
"Sagen Sie Ihren Analysten, dass sie um ihrer selbst willen einen verdammt guten Grund für den Dritten Weltkrieg aus den Daten extrahieren sollten", schimpf Aisha. "Sagen Sie ihnen, dass sie ohne diesen Grund hier nicht angestunken kommen sollen, und wenn sie ihn aus ihrem Arsch extrahieren müssen. Haben wir uns verstanden?"
"Laut und überdeutlich." General Dragqueen verlässt das Büro des Präsidenten.
"Daten aus dem Arsch ziehen", lacht Tony. "ANALysten. Verstehen Sie?"
Aisha zieht ganz kurz ihre Mundwinkel nach oben und lässt sie wieder fallen.
"General Dragqueen", sagt Tony immer noch lachend. "Bei dessen Familientrefen würde ich ja gerne mal Mäuschen spielen."Er steht stramm wie ein Soldat und ruf: "Ganze Kompanie hüftwackeln!"
Aisha lächelt nicht mal mehr aus Höfichkeit.
"Na, wie dem auch sei", sagt Tony. "Schreiben Sie mir für den Parteitag eine Rede, warum dieser Krieg notwendig gewesen ist. Irgendetwas Vages über die Grausamkeit unserer Gegner und die Notwendigkeit, die Demokratie, die Freiheit und die Menschenrechte zu verteidigen. Das Übliche. Sie wissen schon. Und dass wir das Leben Unschuldiger retten mussten."
"Notfalls durch ihren Tod."
"Ja, genau. Irgend so was. Kriege sind doch immer gut für amtierende Präsidenten, oder nicht?"
"Nur, wenn sie gewonnen werden."
"Aber gewonnen haben wir ja, oder?"
"Fragen Sie nicht mich ..."
"Und erwähnen Sie in Ihrer Rede auch lobend den Trottel, der über seine Schnürsenkel gestolpert ist."
"Unser aller Held."
"Wie hieß er noch mal?"
"Jonas Matrose."
"Ja, ja."
"Haben Sie eigentlich die Pressemitteilung des Militärs gelesen?", fragt Aisha. "›Gestern Nacht hat sich zwischen vierundsechzig Ländern der Dritte Weltkrieg erforderlich gemacht.‹ Das ist eine Satzkonstruktion, die den Dingen selbst die Schuld an sich gibt. Widerlich, aber brillant."
"Schreiben Sie mir bitte etwas Besseres."
Aisha nickt.
"Es geht vielleicht um mein politisches Überleben", sagt Tony. "Und auch das Ihre." Er verlässt den Raum, und Aisha ist alleine im Büro.
"John?", füstert sie. "Falls du hier doch noch irgendwie rumspukst, warum hast du das nicht verhindert? Warum hast du das zugelassen?"
Tony kommt zurück. "Das ist ja mein Büro", sagt er kopfschüttelnd. "Sie müssen gehen, ich bleibe. Verzeihen Sie, ich bin etwas durch den Wind."
"Hm", sagt Aisha. "Vielleicht ist es doch gut, dass Menschen nicht mehr in Kriegsentscheidungen involviert sind."
Das war: "Nur Leute mit einem IQ über 150 kapieren das folgende Kapitel" aus Qualityland 2.0(öffnet im neuen Fenster) von Marc-Uwe-Kling, erschienen 2020 bei Ullstein Buchverlage GmbH.
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