Pulitzer-Preis: Wie ein Programmierer den Journalistenpreis gewann

Christo Buschek sagt von sich, er sei kein Journalist. Dennoch wurde er als Teil eines Dreierteams zum Pulitzer-Preisträger. Wir haben mit ihm gesprochen.

Artikel von Elke Wittich und veröffentlicht am
Christo Buschek ist der erste österreichische Pulitzer-Preisträger überhaupt.
Christo Buschek ist der erste österreichische Pulitzer-Preisträger überhaupt. (Bild: Christo Buschek)

Die Nachricht vom Gewinn des Pulitzer-Preises kam für Christo Buschek gleich doppelt überraschend. Erstens, weil wohl niemand wirklich damit rechnet, diese hohe Auszeichnung für journalistische, literarische und musikalische Beiträge zu bekommen. Und zweitens, weil Christo Buschek weder Literat noch Musiker noch Journalist ist, sondern Programmierer. "Ganz ehrlich: Ich hatte nicht einmal mitbekommen, dass wir nominiert waren", sagt Buschek im Gespräch mit Golem.de.

Inhalt:
  1. Pulitzer-Preis: Wie ein Programmierer den Journalistenpreis gewann
  2. 24 Server scrollen zwei Monate lang herum
  3. Plötzlich Pulitzer-Preisträger

Dass ein Programmierer den renommiertesten Journalismus-Preis der Welt erhält, ist ungewöhnlich - auch wenn er ihn nicht alleine gewonnen hat. Buschek ist Teil eines Dreierteams, das eine herausragende Recherche auf die Beine stellte, deren Ergebnis eine Artikelserie bei Buzz Feed News war.

Es ging um potenzielle Standorte von Camps, in denen die chinesische Staatsführung Angehörige der uigurischen Minderheit zur Umerziehung interniert. Buschek ersann eine Möglichkeit, diese Standorte zu identifizieren und seine beiden Kolleginnen, die Journalistin Megha Rajagopalan und die Architektin Alison Killing, bei der Auswertung zu unterstützen. Allein Buscheks Nennung als Mitautor der Texte, schließlich aber auch die Auszeichnung selbst zeigt, wie wertvoll Computer und maßgeschneiderte Software für aufwändige Recherchearbeiten sein können.

Erst Doom, dann Datensammeln

Buschek ist der erste Österreicher überhaupt, der einen Pulitzer-Preis erhält. Es gab feierliche Empfänge in Wien und in Buscheks Heimstatt Graz. Das österreichische leadersnet.at fasste Buscheks Verdienste so zusammen: "Besonders bemerkenswert ist, dass der Preisträger nicht als Journalist, sondern als Softwareprogrammierer tätig ist. Mit datenbezogenen Recherchen unterstützt er Menschenrechtsorganisationen und Investigativjournalisten."

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Interesse an Computern hatte der 1980 geborene Buschek schon früh - zunächst vor allem an Computerspielen: "Ich habe gern und viel gespielt, und damals war es so, dass man vieles selber machen musste. Also habe ich mir selbst das Programmieren beigebracht." Als prägende Spiele nennt er die Adventures von Lucas Arts, Wing Commander und "das originale Doom", fügt aber sofort hinzu, dass er heute nicht mehr spiele. Gut, bis auf "Mario auf der Switch, und mit Zelda hatte ich mal angefangen, aber in dem Spiel bin ich einfach nicht gut."

Ohnehin war Buschek nie einseitig nur am Daddeln und Programmieren interessiert. "Ich war ich immer politisch aktiv und interessiert." Manchmal vermischte sich beides, "digitale Sicherheit, Datensammeln, Auswirkungen auf die Gesellschaft, das waren Themen, an denen ich gearbeitet habe." Ein Weg, der ihn letztlich zum Preisträger machte.

Die Entstehung der ausgezeichneten Artikelserie

Die Basis für den Pulitzer-Preis wurde von der China-Korrespondentin Megha Rajagopalan gelegt. Sie berichtete unter anderem für die Nachrichtenagentur Reuters und für Buzzfeed aus dem Land. Nachdem sie sich eines Tages im uigurischen Autonomie-Gebiet Xinjiang Komplexe angeschaut hatte, die offiziell "Zentrum zur beruflichen Qualifizierung und Ausbildung" heißen und "religiösen Extremismus" verhindern sollen, wurde ihr Journalistenvisum nicht mehr verlängert.

Als Reaktion auf diese Verhinderung von Berichterstattung sprach Rajagopalan zunächst mit der britischen Architektin Alison Killing, die auch Spezialistin für räumliche Analyse von Geodaten zu sozialen Zwecken ist. Die wiederum holte Buschek mit ins Boot - um zu überlegen, wie "man weiter recherchieren könnte, ohne vor Ort zu sein", beschreibt der in Berlin arbeitende Programmierer die Anfänge des Projekts.

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Bei diesen Recherchen fielen ihnen Zensurkacheln auf Baidu Maps - einer mit Google Maps vergleichbaren Anwendung für den chinesischen Markt - auf, mit denen die chinesische Regierung sämtliche Gegenden abdecken lässt, die sie lieber nicht aus dem All fotografiert im Internet einsehbar haben möchte. Sie fragten sich: Könnte es sein, dass einige der Zensurkacheln mit den Camps, in denen Uiguren interniert werden, korrelieren? Kann man vielleicht die gesamte Provinz von außen daraufhin überprüfen?

Die technische Lösung

Buschek sah schnell, dass zum Auffinden der mit Zensurkacheln abgedeckten Gebiete technische Hilfsmittel der richtige Ansatz sind. "Ich wollte das automatisieren", sagt er. Dazu sei es wichtig herauszufinden, wie Zensur technisch ablaufe und ob sich dadurch vielleicht Ansatzpunkte ergeben.

Auf die Analyse folgte eine erste Antwort: "Die Kacheln wurden zusätzlich hineingerendert, sie stammten wohl aus einer anderen Datenbasis als das eigentliche Kartenmaterial." Deshalb waren sie auch so sehr als Fremdkörper zu erkennen und unterschieden sich damit von Gebieten, zu denen keine Satellitenbilder gefunden werden konnten oder wo auch einfach nur das Laden nicht klappte.

  • Die Übersichtsseite des Tools. "Bei so einem Werkzeug ist die schnelle und sichere Bedienbarkeit wichtiger als das Aussehen", sagt Buschek. (Bild: Christo Buschek)
  • Eine der Locations in der Bearbeitung: Marker können gesetzt, Auffälligkeiten markiert und Schlüsse gezogen werden. (Bild: Christo Buschek)
  • Eine Übersichtsseite über einzelne Locations mit den wichtigsen Daten und einem kleinen Satelitenbild, wo vorhanden. (Bild: Christo Buschek)
  • Noch eine Übersicht mit mehr Umgebung, basierend auf den bereits gesetzten Marken (Bild: Christo Buschek)
Die Übersichtsseite des Tools. "Bei so einem Werkzeug ist die schnelle und sichere Bedienbarkeit wichtiger als das Aussehen", sagt Buschek. (Bild: Christo Buschek)

Auf dieser Basis schrieb Buschek ein Programm, das einen scrollenden User simulierte. So erfasste er nach und nach die ganze Region, nämlich das zu China gehörende und an Kasachstan grenzende Xinjiang, und katalogisierte die Zensurflecken.

Die chinesische Staatsführung sollte keinesfalls vorzeitig Verdacht schöpfen. Dabei sei es wichtig gewesen, erklärt er, "dass nicht zu mechanisch gescrollt wird, es gibt nämlich Methoden, das zu erkennen." Etwas unrhythmisch, ab und zu innehalten, manchmal an eine Stelle zurückgehen, "das ist noch nicht wie menschliches Verhalten", gibt der Programmierer zu, "aber es kommt ihm schon näher." Für die Datenerfassung reichte dieses Vorgehen, um nicht zu systematisch zu wirken.

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Cerdo 12. Aug 2021

Okay, wenn Du darauf besteht können wir ja gerne "Umerziehungslager" für die größte...

theFiend 10. Aug 2021

Einmal in die Liste der Preisträger geschaut, und du hättest Dir den Käse hier sparen...

theFiend 10. Aug 2021

Wow, und um hier den einen Post zu veröffentlichen, und zur Schau zu stellen das Du die...

Kleba 10. Aug 2021

Das hat ja die Frau Rajagopalan auch zuerst gemacht. Aber scheinbar hat es ja schon...



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