Bro + Programmer = Brogrammer

In den USA hat sich die Extremform des "Party-Programmierers" zu einem eigenen Phänomen entwickelt, das einem klassischen Nerd wohl kaum ferner sein könnte: der Brogrammer - ein Neologismus aus "Bro" und "Programmer". Es ist ein neuer Archetyp in Anlehnung an die fraternalistische Machomentalität, die den hypermaskulinen Mitgliedern nordamerikanischer Studentenverbindungen nachgesagt wird und die in US-College-Filmen oftmals thematisiert wird. Der Urban Dictionary beschreibt ihn als "Programmierer, der gegen die üblichen Erwartungen des zurückgezogenen Nerds verstößt und sich stattdessen für die üblichen Merkmale eines Verbindungsstudenten entscheidet: Er hat einen aufgestellten Kragen, trinkt schlechtes Bier und nennt jeden 'Bro'." Seit auf der "South by Southwest Interactive"-Konferenz 2012 Matt Van Horn, der damalige Vorstand des Startups Path, darüber sprach, wie er durch das Verschicken von Bikinifotos von Mitstudentinnen einen Job bekam, und Tipps gab, wie man als Recruiter die "heißesten Mädels auf dem Campus" anheuern könne, taucht der Begriff Brogrammer vermehrt in den Medien auf. Oftmals geht es dabei um Probleme wie Sexismus oder ein zu großes Ego, denn Brogrammer können das Funktionieren eines Teams massiv gefährden.

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Per Fragemann von Small Improvements kennt das Problem, auch wenn es in Deutschland noch nicht ganz so verbreitet sei. In seinen Stellenanzeigen schreibt er ausdrücklich, er wolle keine Bewerbungen von Brogrammern. "Klar, man trinkt auch mal gemeinsam ein Bier oder unternimmt Reisen, um Konferenzen zu besuchen. Aber am Ende des Tages muss die Produktivität stimmen", macht er klar. Brogrammer fühlen sich angezogen von dem schnellen Erfolg, den Startups bieten können. Unternehmen wie Facebook, das innerhalb von zehn Jahren Weltberühmtheit erlangte und im letzten Quartal 2013 einen Gewinn von 523 Millionen US-Dollar einfuhr, ziehen einen ganz anderen Typus Mensch an als die reine Technikfaszination, die viele Software-Entwickler antreibt. Im Durchschnitt sind Faktoren wie finanzieller Gewinn für sie eher unwichtig, das ergab eine Studie des Marktforschungsinstituts Evans Data.

Programmieren ist und bleibt ein Handwerk

Wichtiger ist für sie der Enthusiasmus, der ihnen die Fähigkeit verleiht, gänzlich in die Arbeit einzutauchen, bisweilen bis zum Grad des Ungesunden. "Wenn du eine Idee hast, die dich begeistert, wenn du eine Menge Code hacken willst, dann machst du das in deinem Keller. Programmieren ist ein Handwerk, du musst es tun und immer dranbleiben, um gut zu sein." Diese "Basement Culture", wie Johanna sie nennt, ist aus dem Nerdsein erhalten geblieben. Und es braucht sie, die antisozialen Tage mit Tiefkühlpizza und Koffein, um Dinge wirklich voranzutreiben. Um einen verborgenen Fehler in zigtausend Zeilen Code zu finden, ist Konzentration nötig, bei der eine Ablenkung durch andere nichts zu suchen hat. Diese Hartnäckigkeit spielt dem Wesen von Startups in die Hände, denn der Leistungsdruck für den Einzelnen ist groß, viel größer als in den meisten etablierten Unternehmen, die ein gesichertes Auskommen haben.

Nur weniger als die Hälfte aller Startups schafft es, sich am Markt zu behaupten und rentabel zu werden. Das treibt vor allem in der Anfangsphase, wenn das Startkapital knapp und die Finanzierung wacklig ist, dazu an, bis zum Burn-out zu arbeiten und den Feierabend zu vergessen. Small Improvements versucht, das zu vermeiden. "Wir wollen keine Überstunden und wenn doch welche anfallen, sollen sie so schnell wie möglich abgefeiert werden", sagt Per Fragemann. Jeder solle sich in etwa notieren, wie viel er arbeitet. "Nicht, um das kontrollieren zu können, sondern, damit er für sich selbst den Überblick behält. Auch feste Arbeitszeiten sind keine Pflicht, eine Kernzeit muss es jedoch geben, damit sich alle auch zu Gesicht bekommen." Bei Frestyl hat man sich unterdessen fast vollständig vom Stundenmodell gelöst. Es kommt nur auf die Ergebnisse an, man selbst setzt sich Deadlines, um Features fertigzustellen. Der Einzelne trägt dadurch viel Verantwortung, aber er hat auch viele Freiheiten. "Manchmal programmiere ich zwölf Stunden am Stück, manchmal verlässt mich nach zwei Stunden die Inspiration und ich gehe nach Hause", sagt Anouk Ruhaak. Sie sei eine Nachteule und komme normalerweise erst zur Arbeit, wenn andere beinahe wieder nach Hause gingen.

Der Typus des Programmierernerds hat sich erweitert

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Auch hier passt es wieder, das Bild vom Nerd, der nachts arbeitet und mit dem Morgengrauen schlafen geht. Sucht man weiter, findet man noch andere Hinweise: von der Yodafigur auf dem Bildschirm und der Science-Fiction-Comic-Sammlung im Regal bis hin zur Gewissheit, dass man nicht bloß betretenes Schweigen, sondern höchstens energischen Widerspruch erntet, wenn man sich über die Vorteile von emacs gegenüber vi auslässt. Der Typus des Programmierernerds hat sich mehr erweitert als verändert. Auch die Welt um ihn herum hat verstanden, dass in einem durchdigitalisierten Zeitalter diejenigen, die die Bits und Bytes um uns herum verstehen, nicht mehr nur introvertierte Sonderlinge sind. Sie sind zu Botschaftern geworden, die uns allen helfen, diese Welt noch zu verstehen. Deshalb lohnt es sich, mit ihnen zu reden. Denn wir werden sie brauchen.

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