Probefahrt mit Ora Funky Cat: Die erste Katze, die sich kommandieren lässt

Die Liste chinesischer Hersteller von Elektroautos ist inzwischen lang. Neben Aiways, BYD, MG und Nio drängt nun auch Great Wall Motors (GWM) mit seiner Marke Ora auf den deutschen Markt. Wer sich von den Chinesen eine Offensive bei günstigen Kompaktwagen erhofft hat, wird bislang jedoch enttäuscht. Der Funky Cat von Ora ist da keine Ausnahme. Allerdings rechtfertigen Soft- und Hardware bislang noch nicht den hohen Preis, wie sich auf einer Probefahrt gezeigt hat.
Hinter der deutschen Markteinführung steht die Schweizer Autoimportfirma Emil Frey mit Deutschlandsitz im hessischen Friedberg. Sie rechnet in diesem Jahr mit einem Verkauf von rund 6.000 Exemplaren der verschiedenen Funky-Cat-Versionen. Das erscheint wenig, übertrifft aber den Absatz des Ford Mustang E oder des Kia Niro EV im vergangenen Jahr(öffnet im neuen Fenster) . Es dürfte so nicht leicht fallen, die Kunden von einem Kauf zu überzeugen.
GT-Version kostet knapp 50.000 Euro
Da ist zum Ersten der Einstiegspreis von knapp 39.000 Euro vor Abzug der Kaufprämie für das Basismodell 300 mit einer Akkukapazität von nutzbaren 45,4 Kilowattstunden (kWh). Der 400 Pro mit nutzbaren 59,3 kWh steht mit 44.490 Euro in der Preisliste (PDF)(öffnet im neuen Fenster) . Die GT-Version mit zusätzlichen Funktionen kostet 49.490 Euro. Damit etabliert Ora den Funky Cat in der Preisklasse eines Tesla Model 3, das aktuell in der Basisversion nur noch knapp 44.000 Euro kostet .

Die WLTP-Reichweiten von 310 bis 420 km je nach Akkugröße sind dabei akzeptabel. Damit sind täglich auch größere Pendlerstrecken zu meistern. Wer eine private Wallbox hat, kann den Akku dann mit bis zu 11 kW an Wechselstrom aufladen.
Niedrige Ladeleistung bei Gleichstrom
Zum Zweiten ist die niedrige Ladeleistung bei Gleichstrom zu nennen, die bei maximal 67 kW liegt. Selbst Anbieter wie VW, die noch kein 800-Volt-System einsetzen, erreichen in der Kompaktklasse wie beim ID.3 inzwischen schon Leistungen von bis zu 135 kW . Ladepausen von einer Stunde an Schnellladern schrecken davon ab, mit dem Funky Cat eine längere Strecke in den Urlaub zu fahren.
Dem Importeur ist dieses Defizit natürlich bewusst. Doch eine schnelle Abhilfe ist wohl nicht zu erwarten. Vor allem ist nicht damit zu rechnen, dass dieses Problem durch ein Softwareupdate künftig behoben werden könnte. Dabei verfügt GWM mit Svolt über eine Firmenausgründung, die Akkus selbst produziert - auch die für den Funky Cat.





























Die 2021 von Svolt angekündigte kobaltfreie Lithium-Ionen-Batterie kommt nach Angaben von Ora allerdings noch nicht zum Einsatz. Das Unternehmen spricht von einer ternären Batterie, was bedeutet, dass das Kathodenmaterial aus drei Stoffen besteht. Die kobaltfreien Batterien auf Basis von Nickel und Mangan sollen bei künftigen Modellen zum Einsatz kommen.
Der Ora Funky Cat ist aber nicht nur wegen der geringen Ladegeschwindigkeit nur bedingt als Urlaubsauto geeignet.
Kleines Kofferraumvolumen und kein Frunk
Das Kofferraumvolumen ist mit 228 Litern winzig, mit umgeklappten Rücksitzen sind es immerhin 858 Liter. Einen zusätzlichen Stauraum unter der Fronthaube gibt es nicht. Mit einem Leergewicht zwischen 1.615 und 1.655 kg inklusive Fahrer ist der Funky Cat nicht besonders schwer. Da das zulässige Gesamtgewicht nur 1.970 kg beträgt, liegt die Zuladung bei 315 bis 355 kg. Das reicht gerade so für vier zusätzliche Passagiere.
Für die Stadt bietet das Auto allerdings fünf Passagieren genügend Platz. Der Radstand beträgt 2,65 m, die Fahrzeughöhe rund 1,6 m. Der permanenterregte Synchronmotor an der Hinterachse liefert mit 126 kW (171 PS) eine ausreichende Leistung. Bei 160 km/h wird das Auto abgeregelt.
Frey hat für den Funky Cat daher eine urbane Zielgruppe im Blick, für die das Elektroauto ein hippes Lifestyle-Produkt darstellen könnte. Im Chinesischen bedeutet Katze zudem "Begleiter". Gerade junge Menschen in chinesischen Großstädten haben sich wegen des hohen Arbeitsdrucks und aus Einsamkeit einen solchen tierischen Begleiter angeschafft. Daher hat Ora die chinesische Modellbezeichnung Haomao ("gute Katze") mit Bedacht gewählt. Entsprechend wichtig sind digitale Funktionen und eine Vernetzung des Autos.
Noch keine brauchbare Routenplanung
Allerdings ist bei der Software noch einiges zu tun. Das von uns getestete Infotainmentsystem basiert auf Android Automotive, das von GWM angepasst wurde. Ähnlich geht demnächst auch BMW vor . Die Software funktioniert bislang nur eingeschränkt. So gibt es noch keine brauchbare Routenplanung für längere Strecken, falls eine solche doch einmal gewagt werden sollte. Das Navi hat uns auf den Testfahrten im Norden Mallorcas jedoch recht zuverlässig und übersichtlich durch den Verkehr gelotst.
Dienste wie Android Auto oder Apple Carplay lassen sich noch nicht einbinden. Das soll bei den Fahrzeugen, die demnächst an die Kunden ausgeliefert werden, jedoch schon möglich sein. Nach Angaben von Ora ist die Einbindung dann auch per WLAN möglich. Ein wichtiger Pluspunkt: Die Softwareupdates lassen sich aus der Ferne ohne Werkstattbesuch aufspielen.
Sprachsteuerung als wichtige Funktion
Der berührungsempfindliche Bildschirm für das Infotainmentsystem ist mit 10,25 Zoll nicht besonders groß und vom Fahrersitz nicht besonders gut erreichbar. Über ein Tastenfeld am Lenkrad lassen sich die Funktionen ebenfalls steuern. Die Tasten sind dabei nicht berührungsempfindlich. Zudem gibt es auf jedem der Bedienfelder eine Taste, der man eine frei wählbare Funktion zuordnen kann, wie beispielsweise das Öffnen des Schiebedachs oder das Einschalten der Lenkradheizung. Ziemlich retro wirken hingegen die chromfarbenen Kippschalter zur Bedienung der Klimaautomatik.
Anders als die gemeine Hauskatze lässt sich der Funky Cat per Sprachbefehl kommandieren. Der Versuch, das Auto als "guten Freund" und "Carpanion" zu vermarkten, spiegelt aktuelle Trends wider. Ein ähnliches Konzept verfolgt auch BMW mit der kürzlich auf der CES vorgestellten Studie iVision Dee , wenn auch viel radikaler. Die Studie soll im Vorgriff auf die vollelektrische Neue Klasse eine "noch intensivere Beziehung zwischen Mensch und Automobil" herstellen.
Bei Ora funktioniert die Sprachsteuerung bereits einigermaßen gut.
Andrea kann pampig werden
Dabei kann man dem Auto sogar den Namen der eigenen Katze geben. Jedoch kann der Funky Cat nicht alles ausführen, was er versteht und können sollte. Das betrifft beispielsweise das Einschalten der Massagefunktion. Dabei zeigte das System im Display an, dass die Wörter "Massage aktivieren" richtig erkannt wurden. Andrea, wie unsere Assistentin hieß, räumte daher ein: "Entschuldigung, ich glaube, dass ich das noch nicht tun kann. Ich zeige dir jetzt das Hilfsmenü."
Zudem hapert es noch mit der Wortstellung im Satz, wenn das Navi beispielsweise sagt: "Und danach rechts abbiegen gleich" . Gelegentlich konnte Andrea auch richtig pampig werden. "Ich bin immer noch HIER" , sagte sie, wenn sie etwas länger auf einen Befehl warten musste. Passen musste Andrea zudem beim Aufruf von Musiktiteln im vorinstallierten Streamingdienst Deezer. Dafür gebe es noch keine Datenbankanbindung, hieß es.
Nerviger Blinkerhebel
Neben der Spracherkennung will Ora auch mit Assistenzsystemen punkten. Auf den Testfahrten hat der serienmäßige Abstandsregeltempomat in der Verbindung mit dem Lenkassistenten recht zuverlässig funktioniert. Zur Aktivierung und Einstellung gibt es einen eigenen Hebel links an der Lenkradsäule. Er ist zwar kaum zu sehen, lässt sich jedoch intuitiv bedienen. Im Fahrerdisplay werden die von den Sensoren erkannten Fahrzeuge angezeigt. Die Freihanderkennung reagiert leider nicht auf die Berührung des Lenkrads, sondern nur auf ein Lenkmoment. Die Warnhinweise erfolgen nach zehn Sekunden optisch und akustisch.
Genervt hat uns auf der Fahrt der Blinkerhebel. Wir waren etliche Kilometer auf der Autobahn mit eingeschaltetem Blinker unterwegs, weil sich die Funktion nicht deaktivieren ließ. Selbst ein leichter Druck auf den Hebel führte schon dazu, dass die andere Richtung angezeigt wurde. Die nachfolgenden Fahrer müssen sich über die launische Katze gewundert haben. Beim Abbiegen an einer Kreuzung schaltet sich der Blinker natürlich wegen der Lenkbewegung selbsttätig aus.
Merkwürdige Systemhinweise
Was die Fahreigenschaften betrifft, so ist der 4,20 m lange Funky Cat schon optisch kein Sportwagen. Auf den bei Fahrradfahrern beliebten Serpentinen im Nordwesten Mallorcas hinterließ das Elektroauto aber einen souveränen Eindruck. Die Lenkung im Sportmodus ist präzise, zudem hält der Kompaktwagen gut die Spur. Die Beschleunigung mit etwas mehr als 8 Sekunden von null auf 100 km/h reicht völlig aus.
Nervig waren hingegen auf der kurvigen Strecke ständige Warnungen im Fahrerdisplay, wonach ein Notlenk-Assistent aktiviert worden sei. Angeblich soll man diese Warnungen deaktivieren können. Das empfiehlt sich auch für die verbalen Hinweise des Systems, wonach das Tempolimit überschritten worden sei. Bei anderen Herstellern gibt es in solchen Fällen meist nur einen dezenten Hinweis im Fahrerdisplay - zumal die Verkehrszeichenerkennung nicht hundertprozentig funktioniert und im Display andere Tempolimits angezeigt werden, als das System für seine Warnungen genutzt hat.
Ebenfalls gewundert haben wir uns über den akustischen Hinweis "Traversalkontrolle beendet. Bitte Kontrolle über das Lenkrad übernehmen." Das klang so, als hätte das Auto zuvor selbst gesteuert, dabei waren die Hände auf den engen Straßen die ganze Zeit fest am Lenkrad. Da würde man Andrea am liebsten sagen wollen: "Ich lenke immer noch HIER."
Verbrauch bei 17 kWh pro 100 km
Den Verbrauch gibt Ora mit 16,5 bis 16,8 kWh pro 100 km nach WLTP an. Darin sind allerdings Ladeverluste enthalten. Der Bordcomputer zeigte einen Verbrauch von 17 kWh pro 100 km an - bei einer niedrigen Durchschnittsgeschwindigkeit von 26 km/h und frühlingshaften Temperaturen auf der Urlaubsinsel. Rein rechnerisch ergibt sich bei dem großen Akku damit eine Reichweite von rund 350 km, bei der kleinen Batterie wären es 267 km.
Für die verschiedenen Rekuperationsstufen gibt es keinen eigenen Schalter am Lenkrad. Der Ein-Pedal-Modus lässt sich im Menü einstellen, und vermutlich auch per Sprachsteuerung. Für die drei Fahrmodi, die sich nach unserem ersten Eindruck wenig voneinander unterscheiden, gibt es einen eigenen Taster links neben dem Lenkrad.
Trotz einiger Abstriche bei Software und Ladeleistung gibt es durchaus einige Verkaufsargumente für den Funky Cat.
Umfangreiche Serienausstattung
So wirkt die Innenausstattung mit den Kunstledersitzen nicht so billig wie im VW ID.3 mit der Klavierlackoptik. Serienmäßig verfügt der Funky Cat 300 neben den erwähnten Funktionen und Assistenzsystemen unter anderem über LED-Scheinwerfer, eine Klimaautomatik, ein Smart-Key-System, eine Einparkhilfe hinten, eine 360-Grad-Rundumsichtkamera und einen Aufmerksamkeits- und Müdigkeitsassistenten.
Ungewöhnlich bei einem Auto ist ein kleiner Kasten an der linken A-Säule. Dahinter verbirgt sich eine Kamera für die serienmäßige Gesichtserkennung. Damit wird das Fahrerprofil geladen, ohne dass dies beispielsweise am Infotainmentsystem aktiviert werden muss. Damit "switche ich automatisch auf Deinen Lieblings-Radiosender und stelle meine Spiegel und den Fahrersitz bequem" , heißt es in der Pressemitteilung.
Über die Kamera wird zudem der Aufmerksamkeits- und Müdigkeitsassistent gesteuert. Das Überwachungssystem lässt sich im Menü jedoch komplett oder gezielt deaktivieren. So gibt es auch eine Überwachung für "gefährliches Verhalten" .
Viele Funktionen erst in der Plus-Version
Die elektrische Einstellung des Fahrersitzes funktioniert allerdings nicht einmal in den Pro-Versionen. Sie verfügen zwar über elektrisch verstellbare Vordersitze, jedoch ohne Memoryfunktion. Darüber hinaus bieten sie einen automatisch abblendenden Innenspiegel, eine induktive Lademöglichkeit für das Smartphone, getönte Fond-Scheiben sowie ein beheizbares Lenkrad und Sitzheizungen in den Vordersitzen.
Die Version 400 Pro Plus, die 47.490 Euro kostet, ist mit weiteren Komfortfunktionen ausgestattet. Dazu zählen unter anderem eine elektrische und sensorgesteuerte Heckklappe, eine Einparkhilfe vorn, ein automatischer Rückfahr- und Parkassistent, ein Panorama-Glasschiebedach, elektrisch anklappbare Außenspiegel, eine Memoryfunktion für Außenspiegel und Fahrersitz, belüftete Vordersitze mit Massagefunktion sowie eine Wärmepumpe. Letztere ist bei den Pro-Versionen für zusätzliche 900 Euro bestellbar.
GT-Version mit Autobahnassistent
Die GT-Version, noch einmal 2.000 Euro teurer, verfügt sogar über einen Launch-Control-Modus. Bei einem Drehmoment von 250 Newtonmetern wirkt das ein bisschen albern. Der Autobahnassistent ist dann in der Lage, auch die Spur zu wechseln, wenn der Fahrer den Blinker betätigt hat.
Klassensieger im Euro-NCAP-Test
Die genannte Ausstattung macht aber deutlich: Der Funky Cat ist nicht nur optisch dem vollelektrischen Mini Cooper SE recht ähnlich. Dieser ist zwar mit einem Einstiegspreis von 35.700 Euro etwas günstiger. Allerdings ist der Akku mit nutzbaren 28,9 kWh deutlich kleiner. Die Tatsache, dass sich der elektrische Mini im vergangenen Jahr fast 12.000 Mal verkauft hat, zeigt das Marktpotenzial in diesem Segment. Zumal der angekündigte neue Mini ohnehin in Kooperation mit GWM teilweise in China gebaut werden soll(öffnet im neuen Fenster) .
Zudem können die chinesischen Hersteller inzwischen darauf verweisen, dass ihre Fahrzeuge auch den hohen europäischen Sicherheitsanforderungen genügen. So hat der Funky Cat in der Kompaktklasse zuletzt die beste Bewertung bei den Tests der Sicherheitsorganisation Euro NCAP erzielt . Die Fahrzeuge qualifizieren sich für den Spitzenplatz nur aufgrund ihrer Bewertung der serienmäßigen Sicherheitsausstattung.
Was Ora allerdings noch fehlt, ist das entsprechende Image, um mit einem Mini oder Fiat 500e mithalten zu können.
China exportiert schon mehr Autos als Deutschland
Aus diesem Grund plant Frey eine aufwendige Werbekampagne, um die Bekanntheitsgrad der Marke in Deutschland zu steigern. Schließlich dürften bislang nur wenige Menschen außerhalb der Elektroauto-Szene die vielen neuen chinesischen Anbieter kennen.
Dass man mit den Chinesen rechnen muss, zeigen alleine die Verkaufszahlen des vergangenen Jahres. So habe China im vergangenen Jahr Deutschland als zweitstärksten Autoexporteur bereits überholt, berichtete die South China Morning Post(öffnet im neuen Fenster) unter Berufung auf den chinesischen Verband der Autohersteller (CAAM). Demnach exportierte das Land 3,11 Millionen Fahrzeuge, darunter 679.000 Elektroautos.
Deutschland exportierte hingegen laut VDA nur 2,6 Millionen Autos, wobei deren Verkaufswert wohl über dem der chinesischen Konkurrenz lag. Zwar exportiert Japan weiterhin die meisten Autos weltweit. Doch beim Thema Elektroauto hat die Nation den Trend bislang eher verschlafen.
Nachvollziehbare Entscheidung
Für einen Importeur wie Frey, der bislang die japanischen Marken Subaru und Mitsubishi exklusiv verkauft, ist der Einstieg mit Ora in eine rein elektrische Marke daher nachvollziehbar. Zumal das Unternehmen Vermarktung und Preis - wenn auch in Absprache mit GWM - selbst bestimmen kann. Ebenso ist die Wahl eines Anbieters außerhalb des Billigsegments verständlich. Schließlich wollen sowohl der Importeur als auch die Händler an dem Verkauf verdienen.
Der Ora Funky Cat gehört in der Liste der 100 neuen Elektroautomodelle dieses Jahres sicher zu den interessanteren Exemplaren. Ob die Elektrokatze ein Erfolg wird oder nicht: Das Schnurren chinesischer Elektroautos wird in den nächsten Jahren auf deutschen Straßen sicher immer häufiger zu hören sein.



