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Probefahrt mit Level 3: BMW startet den türkisen Modus

Auf einem neuen Testgelände im tschechischen Sokolov hat BMW erstmals seinen Staupiloten vorgeführt. Einige Details gefallen uns besser als bei Mercedes .
/ Friedhelm Greis
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BMW hat auf dem neuen Testgelände in Sokolov seinen Staupiloten gezeigt. (Bild: BMW)
BMW hat auf dem neuen Testgelände in Sokolov seinen Staupiloten gezeigt. Bild: BMW

Fast drei Jahre nach der Konkurrenz aus Stuttgart zieht BMW beim autonomen Fahren nach. Der Münchner Autohersteller präsentierte auf seinem neuen Testgelände im tschechischen Sokolov das hochautomatisierte Fahren nach Stufe 3. Auf der Proberunde erinnerte der bislang noch namenlose Staupilot stark an den Drive Pilot von Mercedes-Benz. Doch es gibt auch einige Unterschiede, die das System in der Praxis nutzerfreundlicher gestalten dürften.

Bereits im Jahr 2015 sind wir das erste Mal mit einem selbstfahrenden BMW auf der Autobahn bei München unterwegs gewesen . Im September 2018 kündigte das Unternehmen an, dass der neue iX hochautomatisiert nach Level 3 fahren könne . Zwei Jahre später machte BMW dann einen Rückzieher .

600 Hektar großes Testgelände

BMW wolle mit der Technik erst an den Start gehen, wenn den Kunden "ein Mehr an Sicherheit und Komfort" geboten werden könne, erläuterte Technik-Vorstand Frank Weber im Interview mit Golem.de (g+). "Wenn wir in der Kombination aus Sicherheit, Funktion und Verantwortungsübernahme durch das System einen sicheren Mehrwert sehen, werden wir hochautomatisiertes Fahren nach Stufe 3 anbieten" , sagte Weber im August 2021.

Nun ist dieser Zeitpunkt wohl erreicht. Ebenso wie Mercedes-Benz im baden-württembergischen Immendingen verfügt nun auch BMW über ein Testgelände für autonomes Fahren, um die Funktion vorzuführen. Das 600 Hektar große Areal in Sokolov (früher Falkenau) an der Eder(öffnet im neuen Fenster) nimmt in diesem Sommer offiziell seinen Betrieb auf. Bei der Besichtigung Mitte Juni waren mehrere Bereiche bereits fertiggestellt. Darunter auch ein sechs Kilometer langes Autobahn-Oval für das Testen des Staupiloten.

Probefahrt mit BMW-Staupilot
Probefahrt mit BMW-Staupilot (05:23)

Türkis ist die Farbe von Level 3

Aufgrund der gesetzlichen Vorgaben unterscheidet sich die Funktion bei BMW kaum vom Drive Pilot. Aktivieren lässt sich der Staupilot nur bei Geschwindigkeiten unter 60 km/h auf Autobahnen. Dazu muss das System ein dicht vorausfahrendes Fahrzeug erkennen. Ein Spurwechsel ist nicht möglich.

Sind die Voraussetzungen erfüllt, erhält der Fahrer zunächst ein akustisches Signal. Im Display erscheint dann ein Hinweis, dass das System zur Übernahme bereit ist. Im linken Bedienfeld des Lenkrads befindet sich eine zusätzliche Taste, um den Staupilot zu aktivieren. Wird diese gedrückt, fährt das Lenkrad ein kurzes Stück ein. Im Lenkrad leuchten rechts und links zwei schmale LED-Bänder türkis. Der BMW, in diesem Falle ein 7er Plug-in-Hybrid, steuert autonom über das Oval.

Auch in Sachen Technik gibt es viele Parallelen zwischen Mercedes und BMW.

Mems-Lidar mit hoher Auflösung

Ebenso wie Mercedes braucht auch BMW eine präzise Ortung durch Satelliten-Positionierung, um sich auf Basis hochgenauer Karten in der Umgebung zurechtzufinden. Zudem setzen beide Hersteller – im Gegensatz zu Tesla – auf redundante Sensorsysteme, bestehend aus Lidar, Radar und Kameras. Dabei bauen die Münchner einen sogenannten Mems-Lidar ein. Ein solches mikro-elektromechanisches System (Mems) arbeitet mit Mini-Spiegeln, die den Laserstrahl auf das Sichtfeld projizieren.

Laut BMW verfügt der Lidar über eine Reichweite von bis zu 250 Metern. Das Sichtfeld beträgt horizontal 120 Grad und vertikal 15 Grad. Die Auflösung beträgt jeweils 0,1 Grad, so dass sich horizontal 1.200 und vertikal 150 Punkte ergeben. Diese enthalten allerdings mehr Daten als ein Kamerapixel, da sich über die Laufzeitmessung die genaue Entfernung des Objektes ermitteln lässt.

4D-Radar und 8-Megapixel-Kamera

Bei der Radartechnik setzt BMW schon seit der Markteinführung des iX auf sogenannte 4D-Radare. Solche Radarsysteme sind in der Lage, Objekte nicht nur auf einer zweidimensionalen Ebene, sondern auch im dreidimensionalen Raum zu lokalisieren. Laut BMW kann das Radar mit einer Reichweite von bis zu 300 Metern auch stehende von beweglichen Objekten unterscheiden.

Ebenso wie Nio setzt auch BMW Kameras mit einer Auflösung von 8 Megapixeln ein. Obwohl die Münchner beim autonomen Fahren inzwischen mit Qualcomm kooperieren (g+) , basiert der Staupilot noch auf der bisherigen Zusammenarbeit mit der Intel-Tochter Mobileye. Die Qualcomm-Systeme sollen erst bei der neuen Klasse zum Einsatz kommen.

Mehrstufige Übergabe des Lenkrads

Wie hilfreich der neue Staupilot in der Praxis sein wird, lässt sich auf einem Testgelände bei gutem Wetter nicht herausfinden. Ein mehrtägiger Test des Drive Pilot in und um Berlin hat gezeigt, dass das System viele Gründe kennt, um sich nicht aktivieren zu lassen oder sich wieder abzuschalten. Die Liste der Systemgrenzen ist aus Sicherheitsgründen noch sehr lang.

Was uns bei BMW jedoch schon besser gefallen hat: Wenn das System die Fahraufgabe wieder an den Fahrer zurückgibt, blinkt nicht gleich alles rot. In einer ersten Phase, die zehn Sekunden dauert, erhält der Fahrer zunächst den gelben Hinweis: "Jetzt selbst fahren." Danach kommt die rote Warnung: "Sofort selbst fahren." Reagiert der Fahrer innerhalb von zehn Sekunden nicht, überführt das System das Fahrzeug in den sogenannten risikominimierten Zustand. Das heißt, es bleibt mit aktiviertem Warnblinker auf seiner Fahrspur stehen.

Darüber hinaus gibt es sogar noch eine blaue Übergabephase. Diese tritt jedoch laut BMW nur selten auf, wenn die Übernahme nicht zeitkritisch ist. Dies ist beispielsweise bei niedrigen Temperaturen oder Regen der Fall. Allerdings macht das deutlich, dass auch BMW dem System noch enge Grenzen für dessen Aktivierung setzt.

Auf dem Testoval ließen sich zumindest einige Standardsituationen simulieren.

Sicheres Verhalten beim Einfädeln

Besonders heikel im Stau ist das Einfädeln anderer Fahrzeuge in die eigene Spur. Dabei muss das System den Einfädelwunsch erkennen und entsprechend abbremsen. Auf der Probefahrt funktionierte das in der Regel problemlos. Nur in einem Fall, als ein anderes Fahrzeug sehr eng einscherte, bremste der BMW zur Sicherheit ab. Das führte jedoch nicht zu einer Übernahmeaufforderung.

Problemlos meisterte der BMW zudem die eher seltene Situation, dass ein Gegenstand auf der Fahrbahn liegt. Das Fahrzeug bremste schnell genug ab und vermied damit eine Kollision. Kurioserweise gab es auch in diesem Fall keine Aufforderung, wieder das Lenkrad zu übernehmen. Offenbar wollte das System abwarten, bis das Hindernis beseitigt würde.

Streamingangebote auf dem Infotainment

Der Nutzen eines Staupiloten hängt unter anderem davon ab, ob der Fahrer die freigewordene Zeit für andere Dinge sinnvoll verwenden kann. Hierzu bietet BMW auf dem Zentraldisplay unter anderem die Möglichkeit, sich Videos anzuschauen. Ein Internetbrowser ist auf dem Infotainment noch nicht installiert, soll aber folgen. BMW wirbt damit, dass das Streamingangebot zur Fußballbundesliga während der Fahrt genutzt werden kann.

Neben dem Namen sind auch weitere Details zum Staupiloten noch offen. Das betrifft beispielsweise den genauen Start des Angebots sowie dessen Preis. Eine Nachrüstung bereits ausgelieferter Fahrzeuge ist nicht möglich. Die eigentliche Produktankündigung soll im Herbst erfolgen.

Level 4 wird auch in Sokolov getestet

Ohnehin ist fraglich, ob sich die Anschaffung eines Staupiloten lohnt. Denn schon jetzt können BMW-Fahrer mit bis 130 km/h auf der Autobahn unterwegs sein, ohne die Hände am Lenkrad halten zu müssen . Eine solche Funktion könnte in der Praxis sogar angenehmer als ein Staupilot sein, der ständig an seine Systemgrenzen stößt. Das lässt sich allerdings nur bei einem ausführlichen Test herausfinden.

Doch ebenso wie bei anderen Herstellern soll bei BMW der Staupilot nur der erste Schritt auf dem Weg zum autonomen Fahren sein. Schließlich gibt es in Sokolov auch ein Areal für Landstraßen sowie den Stadtverkehr für das Testen nach Stufe 4. Solche Fahrzeuge könnten dann weitergehende Fahraufgaben übernehmen.

300 Millionen Euro investiert

In das Testgelände will BMW immerhin 300 Millionen Euro investieren. 100 Mitarbeiter sollen dort dauerhaft beschäftigt sein. Die Entwickler können dann nach Bedarf aus dem 280 km entfernten München anreisen. Damit dauert die Anfahrt zwar länger als von Stuttgart nach Immendingen, ist jedoch in zwei bis drei Stunden zu bewältigen.

Laut BMW war es gar nicht so einfach, im Umkreis von München ein entsprechend großes Gelände zu finden. Zumal es sich bei dem Areal oberhalb der Tagebaustadt Sokolov um eine Art Industriebrache handelt, so dass kein zusätzlicher Flächenverbrauch zu Buche schlägt. Auf eine staatliche Förderung für die Ansiedlung hat BMW nach eigenen Angaben verzichtet.

Wann die ersten Level-4-Fahrzeuge von BMW auf den Markt kommen, ist bislang unklar. Es gebe bei Privatkunden aus geschäftlicher Perspektive noch keinen sinnvollen Einsatz der Technik, der die Kosten rechtfertige, sagte Entwicklungsleiter Nicolai Martin im März 2022 zu dem Thema. Doch das könnte sich in ein paar Jahren ändern, wenn Sensoren und Rechenleistung günstiger werden sollten. Bis dahin dürften die Entwickler aber noch etliche Runden auf dem Gelände in Sokolov drehen.


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