Probefahrt mit Ford Bluecruise: Die Hand wird frei - der Blick noch nicht

Ganz gleich, ob die Freihanderkennung kapazitiv oder per Lenkmoment funktioniert: Bei längeren Autobahnfahrten ist es nervig, alle paar Sekunden mit der Hand das Lenkrad zu berühren oder gar eine kleine Lenkbewegung machen zu müssen. Mit dem Bluecruise-System, das Ford nun auch in Deutschland in den kommenden Wochen auf den Markt bringen will(öffnet im neuen Fenster) , kann auf dieses Sicherheitskonzept auf fast allen Autobahnstrecken hierzulande verzichtet werden. Auf einer Probefahrt bei Köln hat uns die Umsetzung von Bluecruise gut gefallen.
Nach BMW hat nun auch der US-Hersteller vom Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) die Freigabe für ein solches Konzept bis zu einer Geschwindigkeit von 130 km/h erhalten. Ford hat das freihändige Fahren allerdings schon 2021 in Nordamerika auf den Markt gebracht . Dem Unternehmen zufolge haben die Nutzer dort bereits 175 Millionen Kilometer mit dem System zurückgelegt. Dabei sei es noch zu keinem einzigen Unfall gekommen. Im April 2023 erhielt Ford auch in Großbritannien als erstem europäischem Land eine Ausnahmegenehmigung, um einen vollelektrischen Mustang Mach-e mit Bluecruise auszustatten.
Noch keine UN-ECE-Regelung beschlossen
Eine solche Sondergenehmigung ist auch in der EU noch erforderlich. Denn anders als beim hochautomatisierten Fahren nach Level 3 gibt es für das teilautomatisierte Fahren nach Level 2 noch keine UN-ECE-Regelung, die den Verzicht auf die Freihanderkennung regelt. Das bedeutet, dass in anderen EU-Ländern außerhalb Deutschlands das System noch nicht verfügbar ist und Ford dort ebenfalls eine Ausnahmegenehmigung beantragen muss.

Bei der Probefahrt waren wir rund eine Stunde auf der Autobahn von der Kölner Motorworld in Richtung Norden unterwegs. Das hat schon genügt, um das System und dessen Vorteile einigermaßen kennenzulernen.
Fahrerüberwachung per Infrarotkameras
Die entscheidende Voraussetzung für das freihändige Fahren ist eine funktionierende Fahrerüberwachung. Diese basiert ebenso wie bei den Level-3-Systemen von Mercedes-Benz und BMW auf zwei Infrarotkameras, die die Augenbewegungen der Fahrer überwachen. Bei Ford sind die Kameras anders als bei Mercedes jedoch nicht in das Fahrerdisplay integriert, sondern befinden sich in einem kleinen Gehäuse hinter schwarzem Glas direkt hinter dem Lenkrad. Das macht auch der chinesische Anbieter Nio so. Das System stammt von einem Zulieferer.
Dabei können die Kameras nicht nur erkennen, ob die Augen der Fahrer durch zu dunkle Sonnenbrillen oder ein Handy verdeckt sind. Sie unterscheiden auch, ob die Augen auf das Fahrerdisplay oder den Zentralmonitor gerichtet sind. Schaut der Fahrer beispielsweise zu lange auf das Fahrerdisplay, erhält er darin nur eine optische Warnung, wieder den Blick auf die Straße zu richten. In den anderen Fällen wird er hingegen zusätzlich akustisch gewarnt.











Bei unserem Test funktioniert die Augenüberwachung sehr zuverlässig.
Kein Nothalt vorgesehen
Die erste Warnung erfolgt bereits nach fünf Sekunden. Der nächste Hinweis kommt acht Sekunden später. Reagiert der Fahrer dann immer noch nicht, wird nach weiteren fünf Sekunden die Warnung durch leichte Bremsungen eskaliert. Ein Nothalt mit Warnblinker ist selbst dann nicht vorgesehen, wenn dauerhaft kein Fahrer mehr eingreift. Dann fährt das Auto noch mit 10 km/h weiter. Man wolle damit lediglich Missbrauch verhindern, sagte Entwicklungsleiter Pradeep Nold zur Begründung. Ein richtiger Nothalt mit Warnblinker, wie beim Drive Pilot von Mercedes, wird nicht vorgenommen.
Die Bedienung des Systems unterscheidet sich im Grunde nicht von einem üblichen Abstandsregeltempomaten. Wenn Bluecruise zur Verfügung steht und der Tempomat eingeschaltet wird, ist das System ebenfalls aktiv. Links im Fahrerdisplay ist das gut sichtbar an dem blauen Lenkrad, unter dem Bluecruise steht.
Auf fast allen Autobahnstrecken verfügbar
Wenn das System nicht bereit ist, zeigt das Display in der Mitte ein Lenkrad an, das von Händen umgriffen wird. Bluecruise muss nicht wieder neu aktiviert werden, wenn es sich zwischenzeitlich aus verschiedenen Gründen abgeschaltet hat. Solche Gründe gibt es auch bei diesem Level-2-System.
Laut Ford sind derzeit 95 Prozent der Autobahnstrecken in Deutschland für das System geeignet. Ausnahmen gibt es für Tunnel, Autobahnkreuze sowie engere Kurven, die bei Tempo 130 nicht mit dem rechtlich zulässigen Lenkmoment durchfahren werden dürfen. Weiterhin müssen die Witterungsbedingungen stimmen. Allerdings ist es nicht so wie beim Drive Pilot von Mercedes-Benz, der sich bei jedem Regentropfen oder niedrigen Temperaturen abschaltet. Entscheidend ist laut Ford, dass die Kamera die Fahrbahnmarkierungen gut erkennen kann.
Kameras und fünf Radare
Neben der Kamera verwendet Ford fünf Radare. Eines davon ist ein Fernradar in der Frontmitte, daneben gibt es vier Mittelbereichsradare an den Ecken des Fahrzeugs. Des Weiteren nutzt Bluecruise eine Positionierung per GPS und hochaufgelösten Karten. Die Sensordaten werden auch dazu verwendet, beim Überholen eines breiten Lkw nicht stur in der Mitte der eigenen Spur zu bleiben, sondern etwas nach links auszuweichen. Eine sinnvolle Funktion, denn manche Lkw schlingern bisweilen hart an der Fahrbahnmarkierung herum.
Entwickelt wurde Bluecruise sowohl in den USA als auch in Europa. Laut Ford haben die Entwickler das System sowie die zugehörigen Funktionen in Europa auf 160.000 Kilometer im öffentlichen Straßenverkehr getestet. "Validierungsfahrten in Großbritannien bestätigten, dass die Assistenzsysteme auch mit schwierigen Bedingungen – etwa bei abgenutzten Fahrbahnmarkierungen, schlechtem Wetter und mit Baustellen – umgehen können" , schreibt das Unternehmen.
Überzeugendes Konzept











Schon bei unserer eigentlich recht kurzen Probefahrt hat uns das System gut gefallen. Es ist deutlich angenehmer, einen "Autopiloten", wie ihn Tesla seit Jahren vermarktet, ohne das ständige Berühren des Lenkrades nutzen zu können. Die Augenüberwachung ist sinnvoll und gemahnt den Fahrer daran, die Augen tatsächlich möglichst wenig vom Verkehrsgeschehen abzuwenden. Doch das Fahren wird deutlich entspannter, vor allem im Stau, wenn das Auto die Steuerung weitgehend selbst übernehmen kann. Das gilt vor allem bei Autos wie dem Mustang Mach-e, der noch keine kapazitive Freihanderkennung hat.
Zwei Abstriche am Bluecruise müssen wir dennoch machen. So hat das Fahrzeug in einem Stau zunächst keine automatische Rettungsgasse gebildet, ob wir nur im Schritttempo fuhren und rechts ein Lkw neben uns fuhr. Darüber hinaus kann Bluecruise noch nicht das Rechtsüberholverbot einhalten. Das beherrschen inzwischen schon Hersteller wie Mercedes-Benz.
Doch wann, zu welchem Preis und für welches Modell stellt Ford das freihändige Fahren zur Verfügung?
Vermutlich Abomodell für Mustang Mach-e
Zunächst soll es das System in Deutschland nur für den Mustang Mach-e geben. Allerdings nur in den Modellen, die mit der entsprechenden Hardware ausgestattet sind. Später lässt sich die erforderliche Software aus der Ferne aufspielen und aktivieren.
Für Großbritannien bedeutet das derzeit(öffnet im neuen Fenster) : Alle Mustang Mach-e, die nach dem 3. November 2022 produziert wurden, können Bluecruise nutzen. Interessierte Fahrer können das System 90 Tage lang kostenlos testen. Anschließend kostet die Funktion rund 18 Pfund im Monat, was umgerechnet etwa 21 Euro entspricht.
In den USA (öffnet im neuen Fenster) verlangt Ford hingegen 2.100 Dollar für die ersten drei Jahre. Später kostet die Aktivierung 800 Dollar pro Jahr oder 75 Dollar im Monat. Weltweit sind den Angaben zufolge bislang 225.000 Modelle von Ford und Lincoln unterwegs, die mit Bluecruise ausgestattet sind.
Keine Angaben zu Ford Explorer
Zu den Konditionen in Deutschland hat Ford noch keine konkreten Angaben gemacht. Zudem steht Bluecruise zum Marktstart des vollelektrischen Explorers noch nicht zur Verfügung. Daran hat auch die Verschiebung des Produktionsbeginns um ein halbes Jahr nichts geändert. Ob und wie das später der Fall sein wird, wollte Ford noch nicht sagen. Die MEB-Plattform von Volkswagen, auf der der Explorer basiert, erlaubt bislang noch nicht das freihändige Fahren. Die Frage, wann der in den USA bereits verfügbare Spurwechselassistent(öffnet im neuen Fenster) in Deutschland angeboten wird, blieb ebenfalls unbeantwortet.
Bei Verbraucherschützern in den USA hat Bluecruise inzwischen schon den Super Cruise von General Motors als am besten bewertete Assistenzfunktion abgelöst . Allerdings ist das System in den USA noch im Ford Expedition sowie den Pick-ups F-150 und F-150 Lightning verfügbar. Da Ford vom Mach-e in diesem Jahr hierzulande nur rund 2.500 Exemplare verkauft hat, dürften vorerst nur wenige Fahrer in den Genuss des freihändigen Fahrens kommen dürfen.
Offenlegung: Golem.de hat auf Einladung von Ford an einer eintägigen Veranstaltung in Köln teilgenommen. Die Kosten für die Anreise wurden von Ford übernommen. Unsere Berichterstattung ist davon nicht beeinflusst und bleibt gewohnt neutral und kritisch. Der Artikel ist, wie alle anderen auf unserem Portal, unabhängig verfasst und unterliegt keinerlei Vorgaben seitens Dritter.