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Probefahrt Kia EV4: Kias Elektroauto für Europa

Die Schrägheckversion des EV4 baut Kia in und für Europa. Das Platzangebot ist gut, ebenso der Fahrkomfort – sportlich unterwegs ist man aber nicht.
/ Tobias Költzsch
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Der EV4 von Kia (Bild: Tobias Költzsch/Golem)
Der EV4 von Kia Bild: Tobias Költzsch/Golem

Kias neuer EV4 kommt in zwei Ausführungen: als Fließhecklimousine und mit einem Schrägheck . Die Schrägheckvariante wird es nur in Europa geben, sie wird auch hier gebaut – im Kia-Werk in der Slowakei. Golem konnte das neue Elektroauto Probe fahren und sich einen ersten Eindruck verschaffen: Kia nutzt bewährte Konzepte, um ein bequemes Auto mit viel Platz zu bauen.

Dabei legt sich der Hersteller während der Präsentation auf dem Fahrevent nicht auf eine Bauart fest: Der EV4 sei weder ein Crossover noch ein SUV – der Hersteller bezeichnet den Wagen durchweg nur als "Passenger Car", also als Pkw, zudem sogar als "Kompaktwagen". Der EV4 ist laut Kia das vollelektrische Pendant zum Ceed.

Und für einen SUV ist der EV4 auch tatsächlich zu niedrig. Als Konkurrenten macht Kia den ID.3, den Opel Astra, den Peugeot E-308 und den Cupra Born aus, sowie durchaus auch den Skoda Elroq. Wirklich kompakt finden wir keines dieser Modelle, der EV4 misst 4.450 x 1.485 x 1.860 mm.

EV4 ist klar als Kia erkennbar

Von vorne erinnert uns der EV4 von der Motorhaube her ein wenig an den EV6 , das Heck ist allerdings wesentlich steiler. Das Auto führt die Formsprache der anderen aktuellen Kia-Modelle fort und ist entsprechend direkt als Auto des südkoreanischen Herstellers erkennbar: Runde Bereiche werden durch Kanten und Linien unterbrochen, die LED-Frontscheinwerfer wirken wie Fangzähne. Aggressiv wirkt der EV4 auf uns aber nicht.

Das würde auch nicht zum Fahrverhalten passen: Der EV4 ist eher ein gemütliches Auto als ein sportliches. Mit 150 kW (204 PS) ist das Auto mit seinen 1.910 kg zwar ausreichend, aber nicht übermäßig motorisiert, in 7,8 Sekunden geht es von 0 auf 100 km/h, maximal sind 170 km/h drin. Die Federung ist ebenfalls eher komfortabel als sportlich-straff.

Kia Ev 4 – erste Eindrücke
Kia Ev 4 – erste Eindrücke (02:44)

Bei starken Lenkbewegungen schwankt der EV4 zwar weniger als mancher SUV, rasant um die Ecken fahren ist aber nicht unbedingt die Domäne des Pkw. Die Federung sorgt aber gleichzeitig für ein sehr angenehmes Fahrgefühl: Kopfsteinpflaster, Speed-Bumps und Schlaglöcher nimmt der EV4 mit Leichtigkeit, ohne dass wir durch den Innenraum fliegen.

Schlichter Innenraum mit viel Platz

Besagter Innenraum unseres Testfahrzeugs, ein EV4 GT-Line in Vollausstattung, ist schlicht und kommt weitgehend mit Kunststoffmaterialien aus. Diese sind aber hochwertig verarbeitet, weshalb der Wagen nicht billig wirkt. Die Oberflächen, die wir berühren, sind unterschäumt und weich, die Mittelkonsole hat eine breite Armlehne, unter der sich ein kleines Fach befindet. Hartplastik findet sich im direkten Sichtbereich nicht, aber unterhalb der Knie.

Das Platzangebot ist großzügig, sowohl vorne als auch hinten. Der EV4 hat einen Radstand von 2.820 mm, entsprechend sitzen wir auch auf den Rücksitzen selbst dann gut, wenn die Vordersitze weiter nach hinten geschoben sind. Die maximal drei Passagiere im Fond haben eigene Luftdüsen und USB-C-Anschlüsse und sitzen auf bequemen Sitzen; der Mittelplatz kann durch eine herunterklappbare Armlehne ersetzt werden.

Der Kofferraum bietet 435 Liter Stauraum, durch umlegen der hinteren Sitze lässt sich dieser auf 1.415 Liter vergrößern. Die Sitze müssen wir manuell umklappen; unter dem Kofferraumboden ist ein weiteres kleines Staufach verbaut.

Bekannte Display-Konfiguration

Das Cockpit erinnert an den EV3 und hat drei Displays: Hinter dem Lenkrad mit Kia-typischen Bedienelementen ist ein 12,3-Zoll-Display mit Fahrinformationen eingebaut, in der Mitte ein ebenfalls 12,3 Zoll großer Bildschirm für das Navi und das Infotainment. Dazwischen befindet sich ein kleinerer 5,3-Zoll-Bildschirm für die Klimasteuerung (2-Zonen-Klimaautomatik). Die Temperatur können wir auch über Schaltwippen unterhalb des Mitteldisplays verändern, weitere Einstellungen über das Klimadisplay oder das Klimamenü in den Einstellungen.

Unter dem Display gibt es auch wieder die für Kias typischen Sensortasten, um die verschiedenen Funktionen des Infotainments aufzurufen. Das System reagiert schnell, das Navi funktioniert während unserer zweieinhalbstündigen Ausfahrt gut. Die Ladeplanung mussten wir nicht bemühen, diese schauen wir uns in einem ausführlicheren Test an. Neu bei Kias Navi sind Points of Interest (POI) von Google, die direkt in das Kartenmaterial eingebunden sind.

Unsere GT-Line-Version des EV4 hat auch ein Head-Up-Display (HUD), das identisch ist mit dem des EV6. Angezeigt wird neben dem aktuellen Tempo auch die Geschwindigkeitbegrenzung, Navigationsinformationen und Hinweise zu den Fahrassistenzsystemen.

Autobahnassistent mag spanische Autobahn nicht

Der EV4 hat in jeder Version neben den gesetzlich vorgeschriebenen Assistenzsystemen Kias Autobahnassistent eingebaut, der auf Schnellstraßen die Spur hält, lenkt und den Abstand sowie die Geschwindigkeit automatisch anpasst. Unser GT-Line-Modell kommt mit der Version 2.0, die unter anderem auch einen automatischen Spurwechsel beherrscht.

Auf unserer Tour haben wir einige Kilometer auf einer dichtbefahrenen Autobahn verbracht, der Lenkassistent hat dabei ab und zu in unauffälligen Kurven die Spur verlassen. Das kennen wir von Kias Autobahnassistenten eigentlich nicht. Da die Fahrbahnmarkierungen mitunter nicht sonderlich gut waren, könnte es daran gelegen haben – Genaueres werden wir erst wissen, wenn wir den EV4 einem ausgiebigeren Test unterzogen haben.

Positiv aufgefallen ist uns, dass der EV4 sowohl automatisch schnell und sicher abbremst als auch schnell wieder beschleunigt, wenn der Abstandstempomat aktiviert ist. Die automatische Geschwindigkeitseinstellung hat gut funktioniert, wie bei vorigen von uns getesteten Kia-Modellen wird das Tempo aber erst kurz nach dem Schild geändert.

Neuer KI-Assistent weiß viel

Neu beim EV4 ist eine KI-Version des Sprachassistenten. Dieser kann dank Einbindung generativer KI nicht mehr nur einfache Fragen nach dem Wetter beantworten oder Bordfunktionen steuern, sondern auch Wissenfragen und Weiteres beantworten. Wir haben den Assistenten beispielsweise fragen können, welcher der höchste Berg der Welt ist oder ob Superman oder Batman stärker ist.

Auch Restaurants kann uns der Assistent heraussuchen. Uns ist aber aufgefallen, dass die KI zwingend eine Internetverbindung benötigt – ohne diese bekommen wir anstelle von Antworten nur den Hinweis darauf, dass die Server aktuell nicht erreichbar sind.

Der EV4 verwendet das Rekuperationssystem des EV3, das sich etwas von dem des EV6 und anderer Kia-Modelle unterscheidet. So können wir beispielsweise nicht einfach durch Ziehen und Halten der linken Schaltwippe mit Rekuperation bremsen, was etwa bei Fahrten den Berg hinab praktisch ist.

Gleichzeitig lässt sich i-Pedal, Kias One-Pedal-Driving, in allen Rekuperationsmodi verwenden. Das bedeutet, dass wir etwa Level 1 mit nur sehr langsamer Verzögerung im One-Pedal-Modus nutzen können; das Auto kommt dann (nach längerer Zeit) komplett zum Stillstand.

Angenehmes Fahrverhalten auch von den Geräuschen her

Die Geräuschkulisse während der Fahrt ist gut, der EV4 ist ordentlich gegen Lärm von außen gedämmt. Windgeräusche sind uns bei 120 km/h, der Maximalgeschwindigkeit auf spanischen Autobahnen, nur leicht aufgefallen.

Kia verspricht beste Reichweite seiner bisherigen Elektroflotte

Der EV4 hat in allen Versionen dieselbe Motorisierung und kommt wahlweise mit einem 58,3-kWh- oder einem 81,4-kWh-Akku. Unsere GT-Line-Version hatte 81,4 kWh, Kia gibt eine Reichweite von 584 km nach WLTP an – in der Stadt sogar 752 km.

Die 81,4-kWh-Modelle mit 17-Zoll-Felgen sollen Kia zufolge 625 km weit kommen – das ist der größte bisher vom Hersteller bei einem seiner Modelle angebene WLTP-Wert. Geladen wird unser Modell mit maximal 128 kW, was eine Ladezeit von 31 Minuten von 20 bis 80 Prozent ergeben soll; überprüfen konnten wir das noch nicht. Die kleine Akkuvariante lädt mit maximal 101 kW in einer vergleichbaren Zeit.

Wir sind mit dem EV4 137 Kilometer gefahren und haben laut dem Fahrzeug dabei 16,1 kWh/100 km verbraucht. Das ergibt eine Reichweite von 505 km bei einer Mischkalkulation, die viele Strecken zwischen 60 und 100 km/h enthielt, aber auch Autobahnabschnitte mit 120 km/h. Bei reinen Stadtfahrten wären wir mit dem Auto sicherlich weiter gekommen.

Fazit

Der EV4(öffnet im neuen Fenster) schließt in Kias Elektro-Line-Up die Lücke zwischen dem kompakteren EV3 und dem SUV EV5 sowie dem Crossover EV6. Dabei greift Kia auf bewährte Technik zurück – der EV4 erinnert von der Hardware durchaus an einen EV3 mit anderer Karosserie. Das ist keinesfalls schlecht, da der EV3 ein gutes Auto ist.

Kia geht davon aus, dass sich die Schrägheckversion in Europa besser verkaufen wird als im Rest der Welt – und in der Tat sind SUVs und Crossover auch in Deutschland sehr beliebt. Kia nennt den EV4 zwar weder SUV noch Crossover, für uns geht er aber durchaus in die Richtung des Letzteren.

Der EV4 fährt sich sehr angenehm, ohne ein aufregendes Fahrgefühl zu vermitteln. Wir glauben aber, dass das für die Zielgruppe des Wagens eher zweitrangig ist. Und gut vom Fleck kommt man mit dem EV4 trotzdem – im Sportmodus würde man sicherlich den ein oder anderen Verbrenner an der Ampel stehenlassen.

Interessant ist der EV4 vor allem wegen des Platzangebots und der Reichweite. Die Ladezeiten sind dabei dank 400-Volt-Basis nicht so gut wie beim EV6; wie sich das auf den Alltag auswirken wird, muss sich in einem ausführlichen Test noch zeigen.

Der EV4 mit Schrägheck kostet in der Grundversion Air mit 58,3 kWh 37.590 Euro, mit 81,4 kWh 43.240 Euro. Die Mittlere Ausstattungsvariante Earth mit unter anderem beheizbarem Lenkrad, Sitzheizung vorne und automatisch einfahrenden Türgriffen ist mit kleinem Akku für 39.890 Euro bestellbar, mit großem für 45.540 Euro.

Die von uns gefahrene Top-Variante GT-Line ist nur mit großem Akku erhältlich und kostet 49.440 Euro. Dafür gibt es zahlreiche Extras verglichen mit den beiden anderen Varianten, etwa 19-Zoll-Leichtmetallfelgen, adaptive LED-Scheinwerfer, ein aktiver Totwinkelassistent, der Autobahnassistent 2.0 mit automatischem Spurwechsel, Wärmepumpe und elektrisch verstellbare Vordersitze mit Lordoseeinstellung.


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