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Priv im Test: Blackberry kann Android

Lange wurde darüber gemunkelt, jetzt hat Blackberry es getan: Der Hersteller hat sein erstes Android -Smartphone vorgestellt und darin auch noch eine Hardware-Tastatur versteckt. Das Priv ist eines der ungewöhnlichsten Smartphones des Jahres – wenn auch nicht makellos.
/ Tobias Költzsch
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Das Priv ist Blackberrys erstes Android-Smartphone und kommt mit ausziehbarer Tastatur. (Bild: Tobias Költzsch/Golem.de)
Das Priv ist Blackberrys erstes Android-Smartphone und kommt mit ausziehbarer Tastatur. Bild: Tobias Költzsch/Golem.de

Gerüchte von einem Android-Smartphone von Blackberry gab es schon länger, auch von einem ominösen Slider, einem Smartphone mit ausziehbarer Tastatur, wie es aufgrund der technischen Entwicklung des Touchscreens weitgehend aus der Mode gekommen ist. Blackberry kündigte Ende September 2015 mit dem Priv schließlich exakt ein solches Smartphone an: Android 5.1.1, 5,43-Zoll-Display, ausziehbare Tastatur, 18-Megapixel-Kamera, Snapdragon-808-Prozessor – das Priv zeigt auf dem Papier hochwertige Komponenten und interessante Funktionen.

Blackberry Priv – Test
Blackberry Priv – Test (02:59)

Dabei hat Blackberry lange mit der Produktion eines ersten eigenen Android-Smartphones gewartet – der kanadische Hersteller hielt bisher am eigenen Betriebssystem Blackberry 10 (BB10) fest, das auch nach der Veröffentlichung des Priv nicht aufgegeben werden soll. Der Einstieg in die Android-Welt kommt spät, könnte die Verkaufszahlen von Blackberry aber aufgrund der ungewöhnlichen Ausstattung des Smartphones verbessern.

Pünktlich zum Weihnachtsgeschäft will der Hersteller das Priv nun in auch in Deutschland in den Handel bringen. Golem.de hat sich das Gerät genau angeschaut und überprüft, ob der regelrechte Hype um das Blackberry-Android-Smartphone mit echter Tastatur gerechtfertigt ist. Dabei zeigt sich, dass das Smartphone nicht nur wegen der Tastatur ein interessantes Gerät ist – aber auch an einigen Stellen Anlass zur Kritik gibt.

Display nach oben, Tastatur raus

Dass das Priv ein Smartphone mit Tastatur ist, ist auf den ersten Blick nicht ersichtlich – auch auf den zweiten nicht. Mit 9,2 mm ist das sehr gut verarbeitete Smartphone zwar dicker als viele andere Top-Smartphones auf dem Markt, es wirkt aber nicht klobig. Auch die Außenmaße liegen mit 146,8 x 77 mm im Bereich anderer großer Smartphones wie etwa des Galaxy Note 4 von Samsung. Das Gewicht beträgt 187 Gramm, etwa so viel wie das iPhone 6S Plus.

Die Tastatur des Priv lässt sich durch Verschieben des Displays nach oben freilegen. Da der Bildschirm sich am unteren Rand etwas vom Gehäuse abhebt, kann er einfach mit dem Daumen verschoben werden. Alternativ können Nutzer auch direkt den Daumen auf das Display legen und es nach oben schieben, wobei wir diese Option etwas schwieriger mit einer Hand durchführen können. Zum Schließen der Tastatur wird das Display einfach wieder heruntergeschoben. Ist die Tastatur geöffnet, wird das Priv natürlich länger: 184 mm misst es dann, lässt sich aber immer noch ausgewogen in der Hand halten.

Der Schiebemechanismus hat einen angenehmen Widerstand, der das Display sowohl in der offenen als auch der geschlossenen Position satt einrasten lässt. Wie das Priv insgesamt wirkt der Mechanismus sehr stabil, ob er auch langlebig ist, lässt sich in unserer Testphase allerdings nicht feststellen. Die Verbindung der Display-Einheit zum Hauptteil des Smartphones wirkt robust, auch wenn der Bildschirm ein winziges Stück Spiel hat.

Hardware-Tastatur mit vier Reihen und Sonderzeichen

Die Hardware-Tastatur des Priv hat erfreulicherweise vier Reihen, also eine Reihe mehr als die des Passports . Blackberrys im Herbst 2014 vorgestelltes Top-Smartphone hat ein quadratisches Display mit feststehender dreizeiliger Tastatur darunter. Die Tastatur des Priv ist aufgrund der geringeren Breite merklich schmaler als die des Passport. Die Tasten sind Blackberry-typisch nicht flach, sondern haben ein leichtes Profil: Die Tasten auf der linken Hälfte der Tastatur sind nach oben rechts etwas erhoben, die Tasten auf der rechten Hälfte nach oben links. Dieser leichte Höhenunterschied macht sich beim Auflegen der Finger angenehm bemerkbar, beim Tippen fühlen sich die Tasten griffiger an.

Ein großer Vorteil der Tastatur des Priv ist, dass die gängigen Sonderzeichen direkt über die Tastatur verfügbar sind. Eine Einbeziehung des Displays wie beim Passport ist nicht nötig – das Display bleibt also für die eigentlichen Inhalte des Smartphones frei. Die Zusatzsymbole sind wie bei Blackberry von früheren Geräten gewohnt über die Alt- und Sym-Taste erreichbar. Die Sym-Taste öffnet ein Pop-up-Menü mit Sonderzeichen auf dem Display. Umlaute und Buchstaben-Sonderzeichen kann der Nutzer auch über einen längeren Tastendruck erreichen.

Schnelles Tippen dank guter Autokorrektur

Mit etwas Eingewöhnung lassen sich Texte über die Hardware-Tastatur schnell eintippen; wer an Bildschirmtastaturen gewöhnt ist, wird möglicherweise etwas länger brauchen. Die automatische Fehlerkorrektur verzeiht auch ungenaues Tippen und liegt in unserem Test bei der Verbesserung meist richtig. Wie beim Passport können Nutzer auch bei der Hardware-Tastatur des Priv eine Wortvorhersage verwenden, die die jeweiligen Wörter anhand von Wischgesten einfügt. Die Tastatur ist wieder kapazitiv, reagiert also auch auf einfaches Auflegen der Finger.

Zum Einfügen müssen wir einfach unter dem jeweiligen Wort – drei stehen zur Auswahl – auf der Tastatur nach oben wischen. Die Bewegung muss dabei deutlich bis zum oberen Rand erfolgen, da die Tastatur die Wischgeste ansonsten nicht erkennt. Das ist etwas gewöhnungsbedürftig, aber verständlich: Würde ein kurzer Wisch ausreichen, würden beim Tippen vermutlich häufig versehentlich Wörter eingefügt.

Tastatur ist gleichzeitig Trackpad

Die Tastatur kann wieder als Trackpad verwendet werden, um beispielsweise im Browser oder anderen Dokumenten zu scrollen. Bei der Texteingabe lässt sich mit Hilfe der berührungsempfindlichen Tastatur der Cursor bewegen: Nach einem Doppeltipp auf die Tastatur wird der Bearbeitungsmodus aktiviert, der Cursor kann anschließend bewegt werden.

Insgesamt bietet die Hardware-Tastatur des Priv unserer Meinung nach bei längeren Texten einen tatsächlichen Mehrwert – nach einer kleinen Eingewöhnungsphase. Wer bisher noch keine Hardware-Tastaturen verwendet hat, findet das Tippgefühl möglicherweise zunächst ungewohnt. Die Tastatur des Priv verzeiht und verbessert aber kleine Tippfehler zuverlässig, weshalb der Umstieg schnell gelingt.

Bildschirmtastatur für kurze Texte

Blackberry-Vertreter haben im Gespräch mit Golem.de betont, dass die Tastatur des Priv ein Zusatz für das Schreiben längerer Texte ist – bei kurzen Texten wie etwa Antworten auf Chat-Nachrichten oder kurzen E-Mails hingegen sei es komfortabler, weiterhin die Touchscreen-Tastatur zu verwenden. Wir stimmen dem zu, auch wir empfinden es bei nur kurzen Antworten als umständlich, zuerst die Hardware-Tastatur aufzuschieben.

Die Touchscreen-Tastatur entspricht der des Passport und anderer tastaturloser Blackberry-Smartphones. Wie diese hat sie auch beim Priv die zunächst etwas gewöhnungsbedürftige, letztendlich aber sehr effektive Wortvorhersage: Tippen wir ein Wort, werden uns auf der Tastatur über den einzelnen Buchstaben Vorschläge angezeigt. Tippen wir ein W, zeigt uns die Tastatur über dem E bereits als Vorschlag das Wort "wenn" an, über dem A hingegen "was". Tippen wir als nächsten Buchstaben ein O, wird uns über dem C das Wort "Woche", über dem L hingegen "wollte" angezeigt.

Diese Art der Wortvorhersage erlaubt nach nötiger Eingewöhnung sehr schnelles Tippen, bestimmte Floskeln können auch komplett nur durch Auswahl der Vorschläge eingegeben werden. Mit der sehr guten Display-Tastatur und der Hardware-Variante dürften Nutzer des Priv für jegliche Art von Texteingabe gut ausgerüstet sein; das Verlangen nach einer alternativen Tastatur-App hatten wir nicht.

Dünnes und gewölbtes Display

Dass das Priv trotz der Hardware-Tastatur verhältnismäßig dünn ist, liegt auch an der dünnen Display-Einheit. Diese ist an der dünnsten Stelle nicht einmal 2 mm stark und an der Seite gewölbt. Dementsprechend ist auch das Display an beiden Seiten abgerundet, vergleichbar mit den Galaxy-S6-Edge-Modellen von Samsung.

Der Bildschirm selbst hat eine Diagonale von 5,43 Zoll und eine Auflösung von 2.560 x 1.440 Pixeln; dies ergibt eine hohe Pixeldichte von 540 ppi. Dementsprechend scharf werden Inhalte dargestellt, Pixel sind mit bloßem Auge nicht zu erkennen. Dafür erkennen wir etwas anderes: Das Plastic-OLED-Panel (POLED) zeigt wie das des LG G Flex eine Art Grundmuster im Hintergrund an, das offenbar vom Panel selbst stammt. Dieses wirkt wie ein feines Granulat und ist besonders bei geringeren Helligkeitseinstellungen sichtbar, wenn wir genau hinschauen. Auffällig finden wir das Muster etwa bei weißen Hintergründen, vor denen wir Text scrollen. Dann merkt man, dass der Hintergrund quasi stehenbleibt.

Hintergrundmuster aufgrund POLED-Technik

Das Muster ist allerdings deutlich weniger zu sehen als beim G Flex und daher nicht so störend. Wir hätten es trotzdem besser gefunden, wenn Blackberry einfach ein herkömmliches OLED-Panel eingebaut hätte. Dann hätten Nutzer ebenso kräftige Farben und ein sattes Schwarz gehabt, aber möglicherweise auf die Display-Rundungen am Rand verzichten müssen. Das wäre für uns verschmerzbar gewesen, da die abgerundeten Kanten für uns aktuell noch keinen zusätzlichen Mehrwert bringen. Momentan werden auf der rechten Display-Seite beim Aufladen ein Ladebalken und die Zeit bis zur vollständigen Ladung angezeigt, weitere Funktionen sollen Blackberry zufolge noch kommen. Das ist nett, für uns aber eine verzichtbare Spielerei. Auch der sogenannte Productivity Tab, ein aufklappbares Menü mit aktuellen Terminen und E-Mails, ist über einen Wisch über den seitlichen Bildschirm aufrufbar. Wie das Kontakt- und App-Menü beim Galaxy S6 Edge und Galaxy S6 Edge+ hätte Blackberry diese Funktion aber auch ohne seitliche Display-Rundung einbauen können.

Insgesamt betrachtet hat das Display des Priv eine sehr gute Schärfe, dank der OLED-Technik hervorragende Schwarzwerte und trotz der OLED-Technik nicht zu aufdringliche Farben. In bestimmten Situationen fällt uns das granulare Muster des Display-Panels auf, das allerdings nicht so störend ist wie bei LGs POLED-Smartphones. Wir glauben allerdings dennoch, dass Blackberry mit einem herkömmlichen Display beim Priv eine bessere Entscheidung getroffen hätte.

Ein Blackberry mit Android

Das Priv ist Blackberrys erstes Smartphone, das mit Android auf den Markt kommt. Ausgeliefert wird es mit der Version 5.1.1, ein Update auf die aktuelle Version 6.0 alias Marshmallow soll schleunigst erfolgen. Die Benutzeroberfläche wurde nicht auffällig verändert, Blackberry hat das Android-System aber an einigen Stellen mit praktischen Funktionen versehen.

So findet der Nutzer wie bei Smartphones mit Blackberry 10 den roten Indikator mit Asterisken, der bei einem App-Icon anzeigt, dass Neuigkeiten vorliegen – etwa eine neue E-Mail oder SMS. Sehr praktisch finden wir die Pop-up-Widgets: Beim Priv müssen Nutzer den Startbildschirm nicht mit Widgets belegen, sondern können diese als Pop-ups in einem eigenen Fenster anzeigen lassen. Dieses Fenster wird durch einen Wisch über das betreffende App-Icon geöffnet.

Pop-up-Widgets und Quick Actions

Stehen mehrere Widgets zur Verfügung, kann der Nutzer das anzuzeigende nach dem ersten Drüberwischen auswählen. Die Auswahl kann später jederzeit wieder geändert werden. Die Pop-up-Widgets stehen natürlich nur zur Verfügung, wenn die App selbst Widgets unterstützt. Angezeigt wird dies durch drei kleine Punkte unter dem App-Icon.

Blackberry bietet dem Priv-Nutzer auch zahlreiche Quick Actions an, also Verknüpfungen von App- und Systemfunktionen für den Startbildschirm. Einige der Verlinkungen sind nach dem ersten Start des Smartphones direkt im rechten Tab des Startbildschirms abgelegt, die komplette Liste findet sich im Widget-Menü. Dieses erreicht der Nutzer, indem er lange auf den Startbildschirm tippt.

Zu den verfügbaren Quick Actions gehören das Erstellen einer E-Mail an einen bestimmten Kontakt, das Hinzufügen eines Ereignisses im Kalender oder auch das Anrufen eines bestimmten Kontaktes. Auch der Zugriff auf Gerätefunktionen wie Bluetooth, WLAN oder die Datennutzung lassen sich über die Quick Actions ansteuern. Für neu installierte Apps finden sich unter Umständen ebenfalls Schnellzugriffe, die auf dem Startbildschirm abgelegt werden können.

Schnelles Arbeiten mit Shortcuts

Die Quick Actions können Nutzer auch als Shortcuts auf die Hardware-Tastatur legen, ebenso wie Apps. Drücken wir einen Buchstaben lange, können wir ihn anschließend mit einem Shortcut unserer Wahl belegen – etwa dem Start einer Anwendung. Drücken wir einen Buchstaben nur kurz, wird der Text automatisch in die Google-Suche eingegeben; die Blackberry-eigene Telefonsuche kann hier auch ausgewählt werden. Tippen wir Suchwörter schnell ein, werden ab und zu die Anfangsbuchstaben verschluckt.

Alles sichtbar im Blackberry Hub

Wie bei Blackberry-10-Smartphones dient auch beim Priv der Blackberry Hub als Nachrichtenzentrale. Hier werden die Nachrichten aller E-Mail-Konten angezeigt, aber auch Benachrichtigungen von sozialen Netzwerken. Der Hub ist entweder über das App-Icon erreichbar oder durch eine Wischgeste. Blackberry nutzt hier die bei Android standardmäßig vorhandene Möglichkeit, Google Now mit einem Wisch nach oben über die Home-Taste auszurufen.

Priv-Nutzer können hier nicht nur Google Now, sondern drei Anwendungen ablegen und von überall aus im System erreichen. Wischen wir in einer Bewegung nach oben und anschließend nach rechts, öffnet sich der Hub – es handelt sich also um die gleiche Geste wie bei Blackberry 10. Ein Wisch nach oben und links öffnet die Gerätesuche, in der nach Daten auf dem Smartphone oder im Internet gesucht werden kann.

Einzelansicht der Konten ist manchmal übersichtlicher

Der Blackberry Hub ist für Nutzer, die vorher nicht Blackberry 10 verwendet haben, möglicherweise gewöhnungsbedürftig, da alle Nachrichten in einer Übersicht angezeigt werden. Allerdings lassen sich die verschiedenen Konten farbkodieren und auch einzeln auswählen – es ist also nicht nötig, sich wirklich immer alle Nachrichten gleichzeitig anzeigen zu lassen. Wie bei anderen E-Mail-Clients stehen auch beim Blackberry Hub Filteroptionen zur Verfügung. Praktisch ist auch die Schnelleinsicht in den Kalender, der aufgerufen wird, wenn wir die Nachrichtenanzeige des Hubs nach unten ziehen.

Wir finden die gemeinsame Anzeige von Benachrichtigungen unterschiedlicher Apps sehr praktisch. Dass auch beispielsweise Facebook im Hub mitangezeigt wird, macht die App tatsächlich zu einer Nachrichtenzentrale. Der Vorteil an Android ist, dass Nutzer, die dem Hub nichts abgewinnen können, diesen einfach nicht verwenden müssen. Da das Priv mit dem Play Store kompatibel ist, können einfach andere E-Mail-Clients heruntergeladen und benutzt werden. Gmail ist zudem bereits vorinstalliert, wie auch die anderen Google-Anwendungen.

Geschützter Boot-Bereich und Sicherheits-App

Blackberry ist dafür bekannt, mehr als andere Hersteller auf die Sicherheit seiner Geräte zu achten. Auch beim Priv haben die Kanadier versucht, dieses Konzept umzusetzen. Der Boot-Sektor ist speziell abgesichert, was die Möglichkeit des Rootens verhindern dürfte. Softwareseitig ist mit DTEK eine App vorinstalliert, die den Nutzer über den aktuellen Sicherheitsstand des Smartphones aufklären soll. Der Status wird über eine Anzeige dargestellt, die einen roten, einen gelben und einen grünen Bereich hat.

DTEK dient jedoch eher der Information des Nutzers; die Anwendung greift nicht ein. So wird uns etwa angezeigt, wenn wir eine potenziell unsichere Display-Sperrmethode eingestellt oder die Entwickleroptionen aktiviert haben. Einen Fingerabdrucksensor zur Entsperrung des Smartphones hat das Priv übrigens nicht – absichtlich, denn die Technik ist Blackberry zu unsicher.

DTEK überprüft auch die Integrität des Betriebssystems – wird hier manipuliert, sollte dies dem Nutzer angezeigt werden. Über die App lässt sich auch einsehen, welche Apps Zugriff auf welche Funktionen haben. Zusätzlich wird ein Logbuch angelegt: So können wir etwa in einer Auflistung genau sehen, an welchen Orten Foursquare oder Facebook auf die Ortungsfunktion zugegriffen hat. In der aktuellen Version des Betriebssystems lassen sich die Berechtigungen der Apps jedoch noch nicht einschränken, wie es einige alternative ROMs und mittlerweile auch Android 6.0 ermöglichen. Mit der neuen Android-Version soll diese Funktion aber auch für das Priv kommen – solange ist DTEK mehr ein Monitoring Tool als eine wirkliche Sicherheitszentrale.

Gute Änderungen an Android

Insgesamt gefällt uns gut, was Blackberry aus Android gemacht hat. Funktionen wie die Pop-up-Widgets und die Möglichkeit, die Benachrichtigungen der Statusleiste nach Apps zu sortieren, sind gelungen. Ebenso gut finden wir eine Ankündigung, die Blackberry-Vertreter im Gespräch mit Golem.de gemacht haben: Von Google veröffentlichte Sicherheits-Updates sollen so schnell wie möglich an die Kunden ausgeliefert werden, um das Priv gegen Schadprogramme möglichst schnell absichern zu können. Da Blackberry auf dem Gebiet der Mobile Security einen Ruf zu verlieren hat, dürfte es der Hersteller damit ernst meinen.

Der Snapdragon 808 heizt auch bei Blackberry

Als SoC kommt im Priv Qualcomms Snapdragon 808 zum Einsatz, der aus vier A53-Kernen mit einer Taktrate von 1,44 GHz und zwei A57-Kernen mit einer Taktrate von 1,8 GHz besteht. Der Snapdragon 808 kann resistenter gegen hitzebedingte Drosselung sein als der Snapdragon 810, wie das LG G4 beweist. Allerdings kann auch der Snapdragon 808 so eingebaut werden, dass er mehr als die übliche Toleranz an Leistung verliert, wie etwa im neuen Nexus 5X.

Spielen wir auf dem Priv über einen Zeitraum von 15 Minuten das grafisch anspruchsvolle Rennspiel Riptide GP2 auf höchsten Grafikeinstellungen, merken wir recht schnell, dass die Rückseite sehr warm wird. An Hotspots haben wir 49 Grad gemessen. So unangenehm die warme Rückseite sein mag, für die Leistung ist sie im Grunde ein gutes Zeichen: Die Hitze wird abgeführt, das SoC sollte dementsprechend nicht so stark drosseln.

Leistungsverlust nach wenigen Minuten

Ein signifikanter Leistungsverlust ist dennoch vorhanden. Erreicht das Priv im kalten Zustand beim Geräte-Benchmark Geekbench 3 einen sehr guten Single-Wert von 1.203 Punkten und einen Multi-Wert von 3.161 Zählern, kommt das Smartphone nach wenigen Minuten Spielen nur noch auf durchschnittlich 720 respektive 2.100 Punkte. Beim entscheidenden Single-Wert ist das ein Leistungsverlust von um die 40 Prozent – nicht so hoch wie beim Nexus 5X (55 Prozent), aber auch deutlich höher als beim LG G4, das nur knapp 15 Prozent an Leistung in unserem Test verloren hat.

Die aktuelle Snapdragon-Palette zeigt also auch im Priv wieder, dass sie Probleme bei starker Beanspruchung bekommt und merklich die Leistung herunterregelt. Bei unserem Spiel merkten wir bereits nach einigen Minuten, dass es nicht mehr so flüssig lief wie zu Beginn. Man mag jetzt argumentieren, dass sich Blackberry-Smartphones generell eher an Nutzer richten, die weniger an Spielen interessiert sind als an Produktivitäts-Apps. Blackberry sieht das Priv aber durchaus als attraktiv für den Durchschnittskonsumenten an, den die Leistungsabnahme mehr stören dürfte.

Wer keine anspruchsvollen Spiele auf seinem Priv spielt, dürfte wie bei den meisten anderen Smartphones mit dem Snapdragon 808 oder 810 von den Leistungsproblemen aber eher selten etwas merken. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass auch beim Priv das SoC eher zu den Schwachpunkten als zu den Stärken gehört.

Moderne Hardware und 18-Megapixel-Kamera

Die restliche Ausstattung liegt in der Hardware-Oberklasse: Der Arbeitsspeicher ist 3 GByte groß, der eingebaute Flash-Speicher 32 GByte. Einen Steckplatz für Micro-SD-Karten bis zu einer Größe von 2 TByte hat Blackberry eingebaut. An Funknetzen unterstützt das Priv Quad-Band-GSM, UMTS und LTE, WLAN beherrscht das Smartphone nach 802.11a/b/g/n und ac. Bluetooth läuft in der Version 4.1 LE, ein GPS-Empfänger und ein NFC-Chip sind eingebaut.

Auf der Rückseite ist eine 18-Megapixel-Kamera eingebaut, die von Schneider-Kreuznach zertifiziert ist. Mit Phasenvergleichs-Autofokus und optischem Bildstabilisator sollte die Kamera schnell verwacklungsfreie Fotos machen. Der Blitz ist zweifarbig, die Videofunktion ermöglicht 4K-Aufnahmen. Die Frontkamera hat eine Auflösung von 2 Megapixeln und richtet sich damit auch eher an Business-Nutzer, die sie für Videotelefonie anstelle von Selbstporträts verwenden dürften.

Gute Aufnahmen in Innenräumen

In der Praxis stellt die Kamera des Priv schnell scharf und nimmt Fotos schnell auf – auch bei aktivierter HDR-Funktion, die Nutzer in einer Automatik verwenden können. Die Bildqualität ist gut, insbesondere bei Innenraumaufnahmen. Hier werden die Bilder auch bei schummriger Beleuchtung ausgewogen belichtet, das Rauschen ist minimal. Feine Details sind dementsprechend nicht ausgefranst und bleiben scharf – hier finden wir die Bildergebnisse stellenweise besser als die des Galaxy S6 oder des iPhone 6S.

Bei Tageslicht macht das Priv immer noch gute Bilder, allerdings empfinden wir den Bildeindruck bei Vergrößerung als artefaktreicher als bei anderen Smartphones wie dem Samsung Galaxy S6 oder dem LG G4. Die Belichtung stimmt aber, ebenso der Weißabgleich. Die Kamera-App ist eher spartanisch gehalten: Neben dem normalen Kamera- und Videomodus bietet sie lediglich noch eine Panoramafunktion und einige Filtereffekte. Einen manuellen Modus gibt es nicht.

Akku mit guter Laufzeit

Der fest verbaute Akku des Priv hat eine Nennladung von 3.410 mAh und soll Blackberry zufolge für 22,5 Stunden gemischter Nutzung ausreichen. Was genau mit "gemischter Nutzung" gemeint ist, erläutert Blackberry nicht. Wir können einen 1080p-Film bei voller Helligkeit und aktivierten Drahtlosverbindungen knapp 10 Stunden lang anschauen – ein sehr guter Wert. Im Alltag kommen wir mit dem Priv problemlos über den Tag.

Verfügbarkeit und Fazit

Das Blackberry Priv soll noch im November 2015 in Deutschland in den Handel kommen. Es soll 780 Euro kosten – zu diesem Preis ist das Smartphone bereits bei einigen Online-Händlern vorbestellbar.

Fazit

Blackberrys Android-Einstieg ist insgesamt gelungen: Das Priv biete zahlreiche Merkmale, die das Gerät von Mitbewerbern unterscheidet. Im Vordergrund steht dabei natürlich die ausschiebbare Hardware-Tastatur, mit der sich besonders längere Texte gut tippen lassen. Das Priv aber nur auf die Tastatur zu beschränken, würde einige weitere gelungene Funktionen verschweigen.

So bietet das Smartphone mit seiner guten Kamera, der soliden Verarbeitung und den praktischen Anpassungen am Android-System mitsamt der gut gemachten Bildschirmtastatur weitere Vorzüge. Falls Blackberry wie angekündigt eine schnelle Versorgung mit Sicherheits-Updates bietet, würde auch das den Hersteller von der Konkurrenz abheben.

Bei aller allgemeinen Euphorie um das erste Android-Smartphone von Blackberry sollten aber die Kritikpunkte nicht verschwiegen werden. Das Smartphone hat zwar eine Ausstattung im Topbereich, bezüglich des Prozessors bedeutet dies aber leider: Es kommt mit einem aktuellen Top-Snapdragon-SoC. Der 808 drosselt auch im Priv seine Leistung nach wenigen Minuten wieder merklich. Lediglich der Umstand, dass sich das Priv an Nutzer richtet, die eher weniger leistungsintensive Spiele spielen, macht diesen Punkt weniger ausschlaggebend als bei Smartphones für den Consumer-Markt.

Auch das Display kann uns nicht hundertprozentig überzeugen: Bei schwacher Display-Beleuchtung sehen wir das für POLED-Displays typische granulare Muster. Dieses ist jedoch merklich weniger stark sichtbar als beim LG G Flex und fällt daher nicht so sehr auf. Dennoch sind wir der Meinung, Blackberry hätte einfach auf die weitgehend sinnlosen abgerundeten Kanten des Displays verzichten und einen normalen OLED-Bildschirm einbauen sollen.

Die Frage ist: Wiegen die Vorteile des Priv schwerer als die Nachteile? Wir meinen ja: Die Hardware-Tastatur und das praktisch modifizierte Android-System mit der Aussicht auf schnelle Sicherheitsupdates stellen ein Alleinstellungsmerkmal im Android-Bereich dar. Ob das Priv den Rettungsanker für Blackberry darstellt, wie es mancher deutet, bleibt abzuwarten; Blackberry selbst sieht diese Frage offenbar eher gelassen. Im Gespräch mit Golem.de äußerte der Hersteller aktuell einfach nur die Hoffnung, mit dem Priv die für das Jahr 2015 gesetzte Marke von 5 Millionen verkauften Geräten zu erreichen. Der Geschäftsfokus liegt bei Blackberry aktuell immer noch auf Software.

Auch aufgrund des Preises dürfte sich das Priv eher an spezielle Nutzergruppen wenden, vorzugsweise im Business-Bereich. Aber auch für viel tippende und wenig spielende Consumer-Nutzer könnte das Smartphone interessant sein. Eines der ungewöhnlichsten und auch innovativsten Android-Smartphones des Jahres ist das Priv allemal – auch wenn es nicht perfekt ist.


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