Prinzessin-Elisabeth-Insel: Künstliche Inseln für die Energiewende

Neue Inseln für die Nordsee: Vor der belgischen Küste soll eine neue Insel entstehen. Sie soll eine Rolle bei der Energiewende spielen. Und sie ist nicht die einzige.
Die Prinzessin-Elisabeth-Insel(öffnet im neuen Fenster) soll 45 Kilometer vor der belgischen Küste in der Princess Elisabeth Zone entstehen, der zweiten Offshore-Windzone Belgiens. Initiator des Projekts ist der belgische Übertragungsnetzbetreiber Elia Transmission Belgium (ETB), der auch Mehrheitseigner des deutschen Übertragungsnetzbetreibers 50Hertz ist.
Das sechs Hektar große Eiland, das nach der belgischen Thronfolgerin benannt ist, soll als Energieknotenpunkt dienen. Dort sollen die Kabel der Windkraftanlagen zusammenlaufen. Transformatoren wandeln die Niedrigspannung in Hochspannungs-Gleichstrom (HGÜ) und Hochspannungs-Drehstrom (HDÜ) für eine weitgehend verlustfreie Übertragung um. Die European Investment Bank (EIB) unterstützt das Projekt mit einem Kredit in Höhe von 650 Millionen Euro, wie die Bank Ende Oktober mitteilte.(öffnet im neuen Fenster)
Die Insel verbindet Windparks mit dem Festland
Der Strom soll über mehrere HDÜ-Kabel zum belgischen Festland geleitet werden. In der Prinzessin-Elisabeth-Zone sollen Offshore-Windparks mit einer Leistung von 3,5 Gigawatt installiert werden. Das entspricht etwa 30 Prozent des Energiebedarfs des Landes. Daneben soll die Insel eine Verbindung zu den Stromnetzen von Großbritannien und Dänemark herstellen.
Die Arbeiten an der Prinzessin-Elisabeth-Insel haben bereits begonnen. In der niederländischen Hafenstadt Vlissingen werden 23 Senkkästen aus Beton hergestellt, die das Fundament der Insel bilden werden. Jeder Kasten ist etwa 60 Meter lang, 30 Meter breit und 30 Meter hoch. Von einem Schlepper sollen die Kästen zu ihrem Bestimmungsort gebracht und versenkt werden.
So entsteht der Umriss der Insel. Der Innenraum wird anschließend mit Sand aufgefüllt. Auf dem Rahmen wird eine Mauer errichtet, die Einrichtungen auf der Insel von Wellen und Sturmfluten schützen soll.
Danach wird auf der Insel die Infrastruktur errichtet. Neben den Landungspunkten für die Kabel sind das Systeme für HGÜ und HDÜ. Schließlich wird die Insel einen kleinen Hafen und einen Hubschrauberlandeplatz bekommen, damit Wartungspersonal hinkommen kann.
Die Prinzessin-Elisabeth-Insel soll 2027 fertig sein
2027 soll der Bau der Insel abgeschlossen sein. Die Inbetriebnahme ist für das Jahr 2030 geplant. Das Projekt ist umstritten, unter anderem wegen der Kosten. Nach aktuellen Schätzungen sollen sie bei rund 7 Milliarden Euro liegen. Beim Projektstart 2021 war man von 2,2 Milliarden Euro ausgegangen, 2023 wurden die Kosten auf 3,6 Milliarden Euro korrigiert. Als Grund für die Steigerung gelten die Auswirkungen des russischen Angriffs auf die Ukraine, wie eine gestiegene Inflation, sowie eine hohe Nachfrage nach Material und einer daraus folgenden Knappheit.
Umstritten ist das Projekt zudem wegen der Umweltauswirkungen, auch wenn es im Herbst 2023 eine Freigabe von der belgischen Regierung erhalten hat. Tatsächlich sind die Auswirkungen von Windparks auf die Ökologie (g+) ambivalent. Der Bau der Windräder stört viele Meeresbewohner. Andererseits bieten die Windparks Lebensraum und Rückzugsmöglichkeiten.
Das gilt auch für Prinzessin-Elisabeth-Insel. Die Schutzmauer soll mehrere umlaufende Vorsprünge erhalten, die Dreizehenmöwen als Nistplätze dienen sollen. Unter der Wasseroberfläche soll ein künstliches Riff entstehen, in dem sich Pflanzen und verschiedene Meerestiere ansiedeln sollen.
Hintergrund für den Bau der Insel ist die Energiewende.
Weitere Energieinseln sind geplant
2023 beschlossen neun Nordseeanrainer beim 2. Nordsee-Gipfel(öffnet im neuen Fenster) in der belgischen Hafenstadt Ostende, die Nordsee zum "grünsten Kraftwerk der Welt" zu machen.
Bis zum Jahr 2030 soll die Offshore-Windkapazität auf 120 Gigawatt in der Nordsee ausgebaut werden, bis 2050 bis auf 300 Gigawatt. Zurzeit sind es ungefähr 30 Gigawatt. Deutschland will die Offshore-Kapazitäten bis Mitte des Jahrhunderts von derzeit 8 auf 70 Gigawatt aufstocken.
Jeder dieser Offshore-Windparks braucht eine Anbindung. Derzeit hat praktisch jeder eine eigene Anbindung. Durch diese Kabel, die teilweise mehr als 100 Kilometer lang sind, fließt der Strom ans Land. Solche Leitungen zu verlegen und zu unterhalten, ist teuer und aufwendig. Zudem entstehen Leitungsverluste.
Die Inseln sind Vernetzungspunkte
Das sollen Energieinseln ändern. Den Strom sollen sie aus einem Windpark sammeln und als Hochspannung weiterleiten. Gleichzeitig werden sie als Vernetzungspunkte zu anderen Ländern dienen. Von der Prinzessin-Elisabeth-Insel soll ein über 600 Kilometer langes Untersee-HGÜ-Kabel zu einer Energieinsel vor der dänischen Küste führen.
Die belgische Energieinsel ist nicht das einzige Projekt dieser Art. Auch der Übertragungsnetzbetreiber Tennet plant in diese Richtung: "Wir verfolgen das Konzept eines vermaschten Gleichstromnetzes auf See und an Land. Um das immense Potenzial in der Nordsee zu erschließen, braucht es eine länderübergreifende Vernetzung der Windparks mit Verteilkreuzen und leistungsstarker Netzinfrastruktur" , sagte Tennet-Chef Tim Meyerjürgens im Interview mit Onload(öffnet im neuen Fenster) , dem Magazin der Maschinenfabrik Reinhausen.
Und: "Wir arbeiten derzeit daran, dass wir in Zukunft auf hoher See Offshore-Netzanschlusssysteme so miteinander vernetzen, dass Leistung gebündelt und international sinnvoll verteilt wird." Ein Verteilkreuz soll auf einer Energieinsel entstehen.
Die Idee stammt aus Dänemark. 2019 kündigte der damalige Energieminister Dan Jørgensen den Bau einer solchen Insel an . "Wir waren weltweit die Ersten, die vor 30 Jahren eine Windanlage im Meer installiert haben" , sagte er zwei Jahre später dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel(öffnet im neuen Fenster) (Paywall). "Jetzt werden wir wieder Vorreiter sein."
VindØ(öffnet im neuen Fenster) , zu Deutsch: Windinsel, soll die erste Energieinsel werden; sie soll 100 Kilometer vor der dänischen Westküste entstehen und 2033 fertig sein. Das Konzept ist ambitionierter als das belgische: Die Windinsel soll Verteilknoten für den Strom von zunächst drei, später sieben Offshore-Windparks sein.
Auf VindØ soll Wasserstoff erzeugt werden
Auf der Insel sollen außerdem Wärmespeicher installiert werden, Elektrolyseure sowie Power-to-X-Anlagen, die grünen Treibstoff vor Ort produzieren. Neben Hafen und Helikopterlandeplatz sollen Unterkünfte für Personal und sogar ein Besucherzentrum entstehen.
Das ehrgeizige Projekt liegt zwar auf Eis, unter anderem aus Kostengründen. Doch ein Konsortium plant unter der Führung der Finanzinvestoren Allianz und Copenhagen Infrastructure Partners (CIP) gleich zwei deutsche Energieinseln: Das Nordsee-Energieland und die Dogger-Energieinsel sollen mehr als 150 Kilometer vor der Küste in der deutschen ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) entstehen. Das Gebiet ist bereits für den Aufbau von Offshore-Windenergieanlagen vorgesehen. Vorbild ist die VindØ, an der CIP ebenfalls beteiligt ist.
Das Konsortium hat bereits Anträge beim Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) eingereicht. Es rechnet damit, dass diese bis 2027 genehmigt sind. Dann könnten 2028 die Bauarbeiten an den beiden jeweils 2 bis 2,5 Milliarden Euro teuren Inseln beginnen und bis 2032 abgeschlossen sein. 2034 sollen die ersten Windkraftanlagen angeschlossen werden. Die volle Kapazität von 10 Gigawatt soll 2037 erreicht sein.
Der Vorteil solcher Inseln ist, dass sie Produktionsspitzen abfangen können. Wenn der Windstrom nicht ins Netz eingespeist werden kann, müssen die Windräder nicht abgeschaltet werden, sondern können Wasserstoff produzieren. Ein erster Offshore-Elektrolyseur soll im Offshore-Windpark Alpha Ventus vor Borkum gebaut werden .



