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Prey im Test: Mit der Schaumfestiger-Kanone durchs All

Die Arkane Studios widmen sich nach den Fantasyabenteuern von Dishonored dem Weltall. Für Prey haben sie eine riesige Raumstation erschaffen, deren Erkundung sich für die meisten Spieler merkwürdig vertraut anfühlen könnte, aber trotzdem lohnt.
/ Michael Wieczorek
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Artwork zu Prey (Bild: Bethesda)
Artwork zu Prey Bild: Bethesda

Wenn alle Aliens so kräftig austeilen wie die aus Prey, dann dürfen Nasa und SpaceX gerne noch ein bisschen mit ihren Erkundungsmissionen warten . Ein energiegeladener Schuss und ein Hieb der schwarzen Schattenwesen - und schon sind wir in dem neuen Actionrollenspiel der Arkane Studios mal wieder auf dem Rückzug. Schnell ist klar: Wir sollen uns hier nicht wie der Jäger, sondern der Gejagte fühlen.

Während wir uns in einer Ecke in Sicherheit wiegen, überraschen uns die Biester mit ihrer zweiten gemeinen Fähigkeit: Sie können sich als Gegenstände aller Art in der Umgebung tarnen. Als wir hoffnungsvoll der Medizintasche unterm Tisch entgegenkriechen, wartet statt der dringenden Heilung ein schwarzer wabernder Vierbeiner auf uns, der das nächste "Game Over" bedeutet - und uns einen gehörigen Schock einjagt.

Prey (2017) - Fazit
Prey (2017) - Fazit (02:34)

Prey spielt 2032 in einer alternativen Zeitlinie. Darin wurde John F. Kennedy nicht ermordet, Amerikaner und Russen arbeiten friedlich zusammen, unter anderem an der Erforschung außerirdischer Rassen. Das geschieht aber nicht auf der Erde, sondern auf der Raumstation Talos 1, dem Schauplatz aller Geschehnisse in Prey. Geleitet wird die Station von den Geschwistern Alex und Morgan Yu, Letzterer ist der Protagonist.

Wie es genau dazu kommt, dass der Spieler als Morgan Yu (in weiblicher oder männlicher Variante) den Aliens direkt gegenübersteht und was Bruder Alex mit der Sache zu tun hat, verraten wir an dieser Stelle nicht. Der Einstieg in das Science-Fiction-Abenteuer ist nämlich einer der Höhepunkte des Spiels. Deswegen sprechen wir einfach mal von einer einfachen Alieninvasion, der wir uns in Prey entgegenstellen. Die einst wunderschönen Marmorhallen der Lobby von Talos 1, ganze Labore und schlichte Verbindungskorridore sind zerstört, als Yus Abenteuer so richtig losgeht. Und überall verstreut auf der Station warten etwa fünf fiese Gegnertypen nur darauf, uns den Garaus zumachen.

E-Mails statt Zwischensequenzen

Die Arkane Studios setzen in Prey nach der circa zweistündigen, sehr gelungenen Einführung in das Spiel bis zum Ende kaum Zwischensequenzen ein. Wie viel Spieler über die Aliens, die lebende und tote Besatzung erfahren, hängt von ihrer Lesemotivation ab.

Was genau auf Talos 1 alles vor sich geht, lesen sie in zahllosen Textnachrichten, Memo-Schnipseln und E-Mails, manchmal gibt es auch eine kurze aufgenommene Audiospur - ganz ähnlich wie in System Shock, Bioshock oder Deus Ex.

Dass die Entwickler große Freunde der genannten Genreklassiker sind, wird schnell klar. Der primäre Servercluster in Prey trägt zum Beispiel den Namen Looking Glass. Den gleichen Namen trug auch das Studio, das unter der Leitung von Warren Spector System Shock und Thief The Dark Project erschuf.

Absolute Bewegungsfreiheit auf engem Raum

Was Prey von den Klassikern unterscheidet, ist vor allem die große Bewegungsfreiheit des Hauptcharakters und die Glaubwürdigkeit der Spielwelt. Nahezu alle Gegenstände lassen sich aufnehmen oder zumindest hochheben. Computerterminals sind wie in Deus Ex oder Doom (2016) direkt bedienbar. Die etwas rudimentäre, aber funktionale Physik-Engine lädt zum Herumspielen ein.

Zeitweise fühlen wir uns fast wie zuletzt beim Ausprobieren der vielen Virtual-Reality-Demos aus dem vergangenen Jahr. Da sich Gegenstände in Prey nicht sauber zurückstellen, sondern nur werfen lassen oder fallen gelassen werden können, verbreiten wir überall ein Chaos wie in der Küche von Job Simulator.

Duckend oder kriechend lenken wir Yu in jede noch so verwinkelte Ecke von Talos 1. Durch Klettereinlagen und Sprünge und später mit dem Jetpack erreichen wir auch höher gelegene Plattformen äußerst galant. Mit der Gloo-Kanone, einer der vielfältigen Waffen in Prey, ist es sogar möglich, selber Vorsprünge oder Treppen zu erstellen.

Das kopierte Rollenspiel

Sie sieht aus wie eine überdimensionierte Sprühdose für Schaumfestiger, ist aber die einfallsreichste und spaßigste Waffe in Prey: die Gloo-Kanone. Sie verschießt kleine selbstfestigende weiße Klumpen, die an der Levelarchitektur haften oder Gegner erst verlangsamen und kurzzeitig sogar komplett lahmlegen.

Sprühen wir mit der Kanone an eine Wand, lassen sich Vorsprünge oder Treppen erstellen. Schießen wir mit ihr auf ein feuerspeihendes Leck, verschließen wir es und können gefahrlos passieren. Schutzschilde lassen sich mit ihr aber nicht errichten und ein rudimentäres Haus à la Minecraft auch nicht. Die Klumpen kleben nämlich nicht aneinander und lassen sich folglich nicht stapeln.

Grübeln statt Ballern

Das sonstige Waffenarsenal ist sehr klassisch: Neben der Pistole gibt es die Schrotflinte und eine Rohrzange zum Ablenken oder für den Nahkampf. Munition ist häufig Mangelware, weswegen wir im Spiel oft fliehen, statt zu kämpfen. Lange Zeit ist die einzig effiziente Art, die Aliens zu besiegen, sie mit der Gloo-Kanone zu festigen und ihnen darauf mit der Rohrzange eins überzubraten. Das ist auf Dauer aber recht eintönig. Andere Methoden müssen her, und hier lohnt sich ein Blick auf das Rollenspielsystem von Prey.

Die Fähigkeitsbäume sind nahezu identisch mit denen von Deus Ex Human Revolution oder Mankind Divided. Spieler können mit Nano-Injektoren klassische und ein paar ungewöhnliche Fähigkeiten freischalten oder den Raumanzug mit Neuro-Mods verbessern. So werden wie üblich Terminals über ein simples Minispiel gehackt, Yu kann schwerere Gegenstände heben oder Geschütztürme und Roboter reparieren.

Die interessanteren Fähigkeiten gibt es erst in der zweiten Hälfte der rund 25-stündigen Kampagne zu sehen. Morgan lernt zum Beispiel, sich wie die Aliens in Gegenstände zu verwandeln oder beschwört ein verbündetes Alien.

Spieler, die in der Vergangenheit bereits viele Genrevertreter gespielt haben, finden abseits der Gloo-Kanone leider nicht viel Neues in Prey. Nach den ersten zehn Stunden beginnen wir damit, den immer gleichen Kämpfen gegen immer gleiche Gegner schlicht aus dem Weg zu gehen. Die zum Aufleveln nötigen Nano-Injektoren finden wir auch in den paar Hauptkämpfen und meistens gut versteckt in den Laboren.

Fehlende Abwechslung und Technik

Vor allem im Vergleich mit dem ersten Bioshock fehlt es uns in Prey an Abwechslung. Die Raumstation Talos 1 ist zwar bei weitem nicht eintönig, kann aber nicht mit der Vielfalt der Unterwasserwelt Rapture mithalten.

Für gelungen halten wir dafür das Ende, das viele unserer Entscheidungen während des Abenteuers berücksichtigt. Retten wir Besatzungsmitglieder? Wenn ja, wie viele und mit welchen Mitteln? In diesem Bereich werfen die Entwickler mit Prey ein paar spannende existenzielle Fragen auf.

Schnelle Cryengine 3

Abgesehen von ein paar technischen Makulaturen wie verspätet ladenden Texturen und Schatten ist Prey ein attraktives Spiel, das im Test stabil läuft. Wir haben zum Beispiel keine Probleme, Prey auf einem Razer Blade von 2015 flüssig bei mittleren Details zu spielen.

Optisch gibt es immer nur beim genauen Hinsehen Unstimmigkeiten. So werden zum Beispiel manche Lichtquellen dynamisch berechnet und erhellen so Gegenstände, die wir in der Hand halten, während andere Lichtquellen sogar durch Türen hindurchscheinen, nachdem wir sie geschlossen haben.

Die von uns getestete PC-Version glänzt mit extrem kurzen Ladezeiten und einer direkten Steuerung. Im Zweifelsfall empfehlen wir Spielern eher die PC-Fassung als die Konsolenvarianten, in denen die Ladezeiten länger sind. Das stete Aufnehmen von Gegenständen, hektische Kämpfe und das Inventar sind mit der Maus komfortabler zu bedienen. Optionen zum Schnellspeichern sind in allen Versionen vorhanden.

Die deutsche Lokalisierung ist sehr brauchbar. Die Stimmen sind atmosphärisch und bei der Grammatik gibt es auch keine größeren Aussetzer. Daran dürfen sich andere Publisher und Entwickler ein Beispiel nehmen.

Verfügbarkeit und Fazit

Prey ist seit dem 5. Mai 2017 für PC, Xbox One und Playstation 4 erhältlich. Die USK hat den Titel ab 16 Jahren freigegeben. Das Spiel kostet circa 60 Euro.

Prey (2017) - Fazit
Prey (2017) - Fazit (02:34)

Fazit

Prey ist kein Spiel, das man mal eben durchspielt, bevor der nächste Blockbuster ansteht. Das Actionrollenspiel der Arkane Studios verlangt viel Aufmerksamkeit bei der Erkundung der Raumstation Talos 1, Ideenreichtum in den fordernden Kämpfen mit den Aliens und den Willen zum Lesen. Große Teile der interessanten Hintergrundgeschichte sind in Memos, Terminals und E-Mails versteckt. Es ist eines dieser Spiele, in denen man stundenlang in einem kleinen Bereich Protokolle durchforstet, Nichtigkeiten aufklaubt oder einfach jeden Winkel erforscht.

Prey wird geduldigen Spielern, die noch nicht alle anderen großen Genrevertreter seit dem ersten System Shock durchgespielt haben, am meisten Spaß machen. Veteranen dürfte der Mix aus Erkundung, dem Lernen neuer Fähigkeiten und Kämpfen mit Kniff etwas zu unoriginell sein. Zu gleichförmig kopiert Prey die Muster aus Bioshock, Deus Ex und Co.

Und leider erreicht es dabei nicht ganz die Qualität der Vorbilder. Vor allem die Kämpfe gegen die Aliens werden nach den ersten Aha-Momenten eintönig und etwas lästig. Hier müssen Spieler kreativ sein, um künstlich für Abwechslung zu sorgen.

Glücklicherweise bietet das Rollenspielsystem in Prey aber genau die richtigen Möglichkeiten dazu. Spieler können sich in variantenreichen Talentbäumen austoben und mit großen Teilen der Levelarchitektur experimentieren. Auf diese Weise kommt das gelungene Ende des gruseligen Ausflugs ins All nach etwa 25 Stunden doch schneller als gedacht und lädt zu einem weiteren Durchgang ein.


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